Inklusion: Bildung kommt eine entscheidende Rolle zu

Von: Lukas Franzen
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Stolberg-Donnerberg. „Was macht den Reichtum einer Gesellschaft aus?“, fragt Frank Thissen, Donnerberger Ratskandidat der Grünen. Wirtschaftliche Macht, politische Sicherheit oder kulturelle Vielfalt? Seine Antwort: „Es ist von jedem etwas.“

Vor allem aber müsse das Wohl einer Gesellschaft am Menschen ausgerichtet sein – und um nichts Anderes gehe es bei der Inklusion.

Jeder, so Thissen, müsse die Möglichkeit erhalten, sich unabhängig von individuellen Fähigkeiten, ethnischer wie sozialer Herkunft, Geschlecht oder Alter an gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen.

So weit die Theorie. Doch welche Barrieren müssen auf dem Weg in eine barrierefreie Gesellschaft überwunden werden und wie kann die Inklusion konkret Gestalt annehmen? Um diese Fragen kreiste eine Podiumsdiskussion der Grünen, die dazu nicht nur kompetente Gesprächspartner eingeladen hatten, sondern auch in Sachen Inklusion mit gutem Beispiel vorangehen wollten. So präsentierten sich die Ratskandidaten der Partei in einem selbst gedrehten Wahlwerbespot in Gebärdensprache, während auch Rollstuhlfahrer in dem barrierefreien Saal der Donnerberger Friedrichsecke vor keine unüberwindbaren Hindernisse stießen.

Dass es in der Realität nicht selten ganz anders zugeht, untermauerten sowohl die Gäste auf dem Podium wie auch die Zuhörer im Plenum. Friedel Wirtz, Grünen-Ratsherr aus Alsdorf, betonte, dass der Staat die Inklusion vorleben müsse, damit sie in der Gesellschaft ankomme. Wirtz, durch einen Unfall seit seinem 20. Lebensjahr auf einen Rollstuhl angewiesen, kritisierte dass öffentliche Gebäude oftmals nicht inklusiv geplant und geltende Gesetze nicht beachtet würden. „Solange dem Staat die Inklusion nicht gelingt, macht es die Bäckerei um die Ecke auch nicht.“

Keine Bäckereien, sondern die Einzelhändler des Stolberger Burgcenters, kritisierte Marita Stahl, ebenfalls Rollstuhlfahrerin und Vorsitzende des Stolberger Behindertenbeirats. Für Blinde und Rollstuhlfahrer gleiche der Weg durch das Burgcenter einem „Parcours“. Sehbehinderte stießen mit ihren Stöcken buchstäblich an ihre Grenzen, da die Ständer vieler Ladenlokale nach ihrer Auffassung zu weit von den Schaufenstern abstünden. „Wir haben mit allen Geschäften gesprochen. Geändert hat sich nichts.“

Dass der Bildung eine Schlüsselrolle auf dem Weg in eine inklusive Gesellschaft zukommt, brachte Patrick Hennings, NRW-Sprecher des Grünen-Arbeitskreises für Inklusion, zur Sprache. „Mit der Bildung fängt es an, aber es dauert Jahrzehnte, bis hier eine Selbstverständlichkeit entsteht.“ Es sei der falsche Weg, etwa behinderte Menschen „von der Wiege bis zur Bahre“ in Sondereinrichtungen wie Förderschulen und Wohnstätten zu separieren, ergänzte Bettina Herlitzius, Leiterin des Amtes für Inklusion in der Städteregion. So fände keinerlei Begegnung statt. „Barrieren müssen in den Köpfen überwunden werden.“

Durchaus kritisch ging Friedel Wirtz mit der Schulpolitik seiner eigenen Partei ins Gericht. „Das Wort Inklusion ist mittlerweile negativ besetzt, weil der fünfte Schritt vor dem ersten gemacht wird“, monierte der Alsdorfer, dass viele Schulen baulich wie personell noch gar nicht bereit für den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern seien. „Die Kritik von Eltern und Lehrern ist an dieser Stelle berechtigt.“

Susanne Becker, Lehrerin aus Aachen und Inklusionskoordinatorin der Städteregion, schaltete sich aus den Reihen der Zuhörer in die Diskussion ein und nannte das finnische Bildungssystem als Vorbild. Eltern behinderter Schüler müssten dort nicht groß überlegen, an welcher Schule sie ihre Kinder anmeldeten, da ein einheitlicher Standard existiere. „Umsetzungsstrategien für eine Willkommensgesellschaft“ seien notwendig, so Becker – und dies gelte nicht nur im Hinblick auf Menschen mit Behinderung. Auch sozial schwache Menschen würden benachteiligt.

Ihre Kollegin Mona Montegenziana bezeichnete die Inklusionspläne der Landesregierung als „Mogelpackung“, die mit dem Alltag eines Lehrers wenig gemein hätten. Als Lehrerin eines Berufskollegs erlebe sie die Schule als ein reines „Verteilsystem“, in dem der Wert eines Menschen lediglich an seiner Leistung bemessen werde.

Der harschen Kritik konterte die sozialpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion Manuela Groschowiak-Schmieding. Ein „Paradigmenwechsel um 180 Grad“ sei eingeleitet worden, doch ein Systemumbau lasse sich nicht „von heute auf morgen“ vollziehen. Oftmals stelle der olympische Gedanke „Dabei sein ist alles“ für viele behinderte Schüler schon eine Qualität dar. Inklusion müsse nicht direkt als „High End Ausführung“ realisiert werden. Kommunalpolitiker Wirtz ist da anderer Auffassung: „Inklusion bedeutet nicht, dass Rollstuhlfahrer in der Schule mehrere Stufen hochgetragen werden müssen.“

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