In Sachen Altersarmut wird noch viel zu oft weggeschaut

Von: Valerie Barsig
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Frauen ab 65 Jahre sind in Stolberg ganz besonders stark von Armut bedroht. Darauf hat der Soziologe Wolfgang Joussen bei der Armutskonferenz im ökumenischen Gemeindezentrum hingewiesen. Foto Stock/bonn-sequenz Foto: Stock/bonn-sequenz

Stolberg. Es sind keine schönen Geschichten, die er erzählt: Paul Schäfermeier ist Seniorenbeauftragter der Stadt Stolberg und berichtet von alten Menschen, die sich das Heizen im Winter nicht mehr leisten können oder von Menschen, die mit ihrer Rente ihre Wohnung nicht mehr bezahlen können, weil die Mietpreise immer weiter steigen.

„Alte Menschen in Deutschland, die arm sind, haben einfach keine Lobby“, sagt er. Das Geld, was von der Pflegeversicherung für alte Menschen bezahlt werde, reiche längst nicht aus. Altersarmut ist ein Problem, das der demografische Wandel mit sich bringt: 900.000 Menschen in Deutschland beziehen noch zusätzlich existenzsichernde Leistungen, um über die Runden zu kommen.

Davon betroffen sind vor allem Frauen. „Und das sind noch längst nicht alle, denn viele schämen sich, die Grundsicherung überhaupt in Anspruch zu nehmen“, weiß Schäfermeier. Um das Problem der Altersarmut in das Bewusstsein der Menschen zu rücken, will die Stadt Stolberg mit der Stadt Eschweiler zusammen arbeiten.

Ein erster Aufschlag zum Thema ist eine Fachtagung am 27. März, bei der das Thema Armut im Alter diskutiert werden soll. „Der demografische Wandel macht nicht an den Kommunengrenzen halt“, sagt auch Peter Toporowski von der Stadt Eschweiler. Eine Kooperation zwischen den Städten sei naheliegend.

Einige Stellschrauben

Laut Schäfermeier sei es eben die lokale und kommunale Ebene, die in Richtung der großen Politik Einfluss nehmen müsse. „Es gibt viele Stellschrauben, an denen wir in den Kommunen drehen können. Wir müssen von unten Einfluss nehmen, um der Politik klarzumachen, dass sie einiges überdenken muss“, sagt der Seniorenbeauftragte.

Denn beim Thema Altersarmut werde noch viel zu sehr weg geschaut. Dabei müsse die Politik nicht nur die immer älter werdenden Deutschen im Blick haben, sondern noch eine Gruppe, die bisher nicht im Fokus stünde: Die Migranten im Land. „Wir werden in Zukunft auch immer mehr ältere Menschen haben, die einen Migrationshintergrund haben“, erklärt Peter Toporowski.

Früher habe die Familie die Pflege oft übernommen. Die Generation, die aber komplett in Deutschland aufgewachsen sei, sei nicht unbedingt bereit, die Pflege der Eltern allein zu übernehmen. „Neben den kulturellen Barrieren ist die Pflege im Alter für viele Migranten ein sehr schweres Thema“, erzählt Toporowski.

Ältere Menschen mit Migrationshintergrund nutzten in Deutschland seltener professionelle Pflege, meldet auch die Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege. Ihre Familien werden den steigenden Bedarf allerdings nicht decken können. 2011 hatten 7,3 Prozent der über 75-Jährigen in Deutschland einen Migrationshintergrund. Die Gruppe der über 65 Jahre alten Menschen mit Migrationshintergrund werden laut Prognosen bis 2030 von jetzt 1,4 Millionen Menschen auf 2,8 Millionen ansteigen.

Jeder kann zur Fachtagung

Laut Toporowski und Schäfermeier müsse aber nicht nur die Politik, sondern auch die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert werden. „Deshalb sind zur Fachtagung auch alle eingeladen, die Interesse haben“, erklärt Schäfermeier. „Denn die generelle Frage ist auch, wie man ältere Menschen generell besser in das gesellschaftliche Leben einbinden kann.“

Auch darauf sollen mit Hilfe der Fachtagung Antworten gefunden werden. Referenten am 27. März sind Professor Gerd Bosbach, der Statistik, Empirie und Mathe an der FH Koblenz lehrt und Demografie und Altersarmut schwerpunktmäßig erforscht. Er referiert zum Thema „Altersarmut in einem reichen Land – Zur Logik eines scheinbaren Widerspruchs.“

Dr. Wolfgang Joußen vom Verein Internationales Zentrum für Vergleichende Sozial-Ökonomische Entwicklungsforschung (IZE) ist zweiter Referent und wird die Situation der alten Menschen in Stolberg und Eschweiler genauer unter die Lupe nehmen. Außerdem haben die Organisatoren der Fachtagung eine Podiumsdiskussion mit Experten der Diakonie, der Katholischen Arbeitnehmerbewegung, der Arbeiterwohlfahrt und Betroffenen geplant.

Neben Schäfermeier und Toporowski gehört auch Willy Seyffarth, Fachbereichsleiter vom Amt für Kinder, Jugend und Sport der Stadt Stolberg, mit zu den Initiatoren der Fachtagung. „Arme Menschen werden anders beobachtet und gewertschätzt“, sagt er. „Für sie muss man schon früh eine Lanze brechen.“ Er kann sich vor allem Projekte in Sachen generationenübergeifendes Wohnen vorstellen.

„Dafür muss die Gesellschaft sensibilisiert werden, auch wenn solche Projekte vielleicht für Investoren nicht immer die rentabelsten sind.“ Die Fachtagung ist für Seyffahrt ein Auftakt: „Altersarmut muss in den Fokus der Öffentlichkeit“, sagt er. Wie alte Menschen in Zukunft versorgt werden könnten, das sei essenziell. Wer Interesse an der Veranstaltung hat, kann sich noch immer anmelden.

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