Stolberg-Breinig - Im Ruhestand: Ein Unfallchirurg mit Herz und Seele

Im Ruhestand: Ein Unfallchirurg mit Herz und Seele

Von: Jürgen Lange
Letzte Aktualisierung:
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Gemälde und Bilder als Dank: Bei seinem Engagement lag Dr. Issam Karkour das Wohl und Wehe von Kindern stets besonders am Herzen. Nach fast 23 Jahren am Bethlehem und über 30 Berufsjahren ist der Unfallchirurge mit Herz und Seele in den Ruhestand getreten. Foto: J. Lange

Stolberg-Breinig. Nicht nur seitdem er in der vergangenen Woche offiziell in den Ruhestand verabschiedet wurde, zieht es seine Gedanken immer wieder in die syrische Heimat, zu Verwandten und Bekannten. Hama, die Geburtsstadt von Dr. Issam Karkour, zählt zu den umkämpften Gebieten. Nach seinem Abitur 1967 hat er sie verlassen, um zu studieren und Arzt zu werden. Seinen Kindheitswunsch hat sich der bescheidene, beliebte und anerkannte Mediziner erfüllen können.

Seit 1987 ist er Oberarzt mit zahlreichen zusätzlichen Qualifikationen am Stolberger Bethlehem Gesundheitszentrum; bis zu seiner Pensionierung als Leitender Oberarzt in der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie unter der Leitung von Chefarzt Professor Dr. Dr. Bläsius.

Sind Sie informiert über die Ereignisse in Syrien?

Karkour: Ich verfolge die Entwicklung im Fernsehen über Satellit. Es ist grausam und traurig. Ich mache mir Sorgen. Aber meine zwei Brüder, meine Schwest, Cousins und Cousinen leben in Damaskus etwas sicherer.

Fühlen Sie sich als erfahrener Arzt mit neu gewonnener Zeit berufen, dort zu helfen?

Karkour: Ja, ich hatte geplant, einige Monate in Syrien zu arbeiten. Hilfe ist dort überall erforderlich. Aber derzeit ist es zu gefährlich. Sobald es wieder sicherer wird, werde ich das nachholen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Arzt werden zu wollen? Stammen Sie aus einer Mediziner-Familie?

Karkour: Nein, ich bin nicht vorbelastet. In meiner Familie hat jeder einen anderen Beruf. Als Kind in der 5. oder 6. Klasse verletzte sich mein Bruder und ich besuchte ihn mit meiner Mutter immer im Krankenhaus und erlebte, wie menschlich mit der Situation durch den Chirurgen umgegangen wurde. Von da an wusste ich, dass ich Arzt werden wollte und war fleißiger in der Schule.

Wie war denn dann ihr Weg nach Stolberg?

Karkour: Wir waren drei Brüder, die alle studierten. Das war eine erhebliche finanzielle Belastung für die Familie. Deshalb habe ich mich nach einem Studienplatz umgesehen und sehr schnell auch einen in Berlin gefunden. Die Gebühren wären aber zu hoch gewesen. Ich habe dann ein Stipendium in Sofia/Bulgarien erhalten und dort studiert.

Wie war dann der weitere Weg nach Deutschland?

Karkour: Es war immer mein Ziel, meine Fachausbildung in Deutschland zu machen. Zuerst war ich in Prien am Chiemsee, um im Goethe-Institut die deutsche Sprache zu erlernen, dann in Blaubeuren. Von dort ging‘s ins Münsterland. Da habe ich von 1976 bis 1981 in Gronau als Assistenzarzt begonnen. Dort habe ich auch meine Frau kennen- und lieben gelernt. Den Facharzt für Chirurgie habe ich in Lingen an der Ems gemacht und bin dann als Oberarzt nach Essen gegangen. Aber mein Ziel war immer die Unfallchirurgie. Es war damals schwer eine Ausbildungsstelle als Unfallchirurg zu erhalten. Ich habe Glück gehabt, als ich meinen Traum in Siegen bei Prof. Dr. Sarvestani verwirklichen konnte. .

Und wie sind Sie in die Kupferstadt gekommen?

Karkour: Ich habe eine Stelle im Dreieck Aachen, Köln, Düsseldorf gesucht, weil in dieser Region viele Freunde, Verwandte und Bekannte leben. Zum 1. Januar 1987 habe ich die Stelle in Stolberg angeboten bekommen.

Haben Sie hier direkt als Oberarzt ihre Arbeit aufgenommen?

Karkour: Ja. Bis vor fünf, sechs Jahre war ich der einzige Unfallchirurge .

Wer war damals Chefarzt?

Karkour: Ich habe Dr. Röhling zwar noch kennengelernt, aber Chefarzt war bereits Dr. Sandmann. Es folgte Dr. Heise, bis 2010 Unfallchirurgie und Orthopädie aufgrund neuer gesetzlicher Bestimmungen unter der Leitung von Prof. Dr. Bläsius zusammengelegt wurden.

Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Karkour: Die Arbeit war hart, hat mir aber unheimlich viel Spaß gemacht mit einem tollen Team in vielen stressigen Situationen. Ich bin immer gerne zur Arbeit gegangen. Und wenn ich von einem Knochen- oder Schenkelhalsbruch hörte, juckte es mich immer gleich in den Fingern.

Was hat Ihnen bei Ihrer Arbeit besondere Freude gemacht?

Karkour: Insbesondere die Kinder liegen mir am Herzen. Es ist so schön, wenn man sie glücklich machen kann, und sie nach einer Operation lächeln und die Eltern zufrieden sind.

Hat sich ihr Berufsbild im Laufe der Zeit verändert?

Karkour: Die Bürokratie hat unheimlich zugenommen und kostet uns viel Zeit. In meinen Anfangsjahren haben wir als Assistenzärzte auch andere Fachbereiche mit betreut. Heute spezialisiert sich jeder in kleineren Fachbereichen.

Hat sich die Technik geändert?

Karkour: Sehr. Gerade im Bereich der Unfallchirurgie hat die Technik insbesondere mit der Einführung der Computer-Tomographie und Resonanz-Tomographie eine große Entwicklung nach vorne gemacht. Wir können jetzt die Frakturen dreidimensional darstellen, besser beurteilen und die Operation besser informiert planen. Früher konnten wir nur auf die Klinik und Radiologie zurückgreifen; jetzt hat der Operateur einen besseren Überblick.

Hat sich denn auch das Handwerk gewandelt?

Karkour: Die handwerkliche Tätigkeit ist gleich geblieben. Ich behaupte, die Unfallchirurgie ist eine ehrliche Chirurgie. Schon eine halbe Stunde nach der Operation können sie anhand der Bilder sehen, ob sie ein Erfolg war.

Hatten Sie denn auch Misserfolge?

Karkour: Jeder Mensch, und wir sind alle Menschen, der arbeitet, hat nicht immer Erfolg. Wer sagt er hätte keine Fehler gemacht, der hat nicht operiert oder sagt die Unwahrheit. Das Schlimmste, was man sein kann, ist, dass man nicht ehrlich mit sich selbst und mit dem Patienten ist.

Was ist für sie das Schlimmste?

Karkour: Das schlimmste für mich ist, wenn ein kleines Kind eine schwere Verletzung hat, und man konnte nicht das Optimale für das Kind machen, das war für mich das Schlimmste. Als Assistenzarzt musste ich auch Notarzt-Einsätze fahren. Das Schlimmste dabei war, wenn ich ein Kind tot auf der Straße vorfand. Ich habe genug gesehen. Dies habe ich einmal drei Mal in einem Monat erlebt. Das ist grausam.

Um so schöner ist es doch, wenn man die Kinder zum Lächeln bringen kann?

Karkour: Ja, so ist es. Wenn dann ein Kind wieder die Arme und Beine bewegen und laufen kann, macht mich das glücklich. Da sind Kinder recht ehrlich. Ich habe viele Bilder, die mir Kinder dazu gemalt haben. Das waren für mich die schönsten Geschenke und der Dank der Eltern. Das waren die schönsten Erlebnisse. Kinder sind auch die besten Patienten; sie brauchen keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung und interessieren sich auch nicht für die Versicherung.

Wie geht man als Arzt damit um, wenn ein Patient bei der Operation verstirbt?

Karkour: Das ist sehr schwer. Das trifft alle. Alle sind fix und fertig. Wir leiden mit. Jeder geht in sich hinein. Den psychologischen Druck kann keiner einem abnehmen. Man nimmt die Probleme mit sich nach Hause und braucht Zeit zum Abschalten. Ich bin dann schon mal in den Wald zum Joggen gegangen.

Wie sah denn Ihr Alltag aus?

Karkour: Ich war immer um 6 Uhr angezogen und um 7.10 Uhr in der Klinik. Dann informierten wir uns im Kreise des Teams über die bereits behandelten und neuen Patienten. Operationen wurden vorbereitet und durchgeführt. Visite gemacht. Dann war die Bürokratie zu erledigen. Jeder Tag hatte ein offenes Ende. Es waren meist zehn bis zwölf Stundentage. Hinzu kam dann der Rufdienst, bei dem man von zu Hause aus Hinweise geben konnte oder im Zweifelsfall innerhalb von 20 Minuten in der Klinik sein musste. Oft genug habe ich mir am frühen Morgen ein Bett oder eine Couch gesucht, weil sich die Fahrt zurück nach Hause nicht mehr lohnte. Das war auch ein Grund dafür, dass wir vor 20 Jahren von Friesenrath nach Breinig umgezogen sind, wo wir uns alle sehr wohl fühlen.

Diese Arbeitsbelastung hat sicherlich auch Auswirkungen auf Ihre Familie gehabt?

Karkour: Sicherlich, das Privatleben muss sich danach richten. Ich bin meiner tollen Frau dankbar, dass sie das alles mitgemacht, mir den Rücken frei gehalten und mich bestärkt hat. Aber auch Freunde mussten oft darunter leiden. Vor allem zu Zeiten, als es noch kein Handy gab, und man sich immer nah am Festnetzanschluss aufhalten musste. Da musste meine Frau so manchen Besuch alleine absolvieren oder er musste ganz ausfallen.

Wollen Ihre Kinder auch Arzt werden?

Karkour: Nein. Als Kinder sagten sie immer, dass sie dann zu selten zu Hause wären. Sie haben alle einen anderen Berufsweg eingeschlagen.

Wie haben Sie die Belastung kompensiert?

Karkour: Ich musste abends erst einmal zur Ruhe kommen, habe ein Buch gelesen, bin Walken oder Joggen gegangen.

Mit Ihrem Ruhestand haben Sie viel Freizeit gewonnen. Wie wollen Sie damit umgehen?

Karkour: Ich werde sicherlich erst einmal eine Zeit ausspannen. Aber ich glaube nicht, dass ich in ein Loch fallen werde. Es gilt viel nachzuholen, für das bisher die Zeit fehlte. Wir wollen viel Reisen. Deutschland hat so viele schöne Ecken, die wir erkunden möchten. Und auch die Altstadt von Lissabon wollen wir unbedingt erleben. Und vielleicht finde ich die Zeit, mir auch noch einmal eine Pfeife zu schnitzen.

Sie haben fast 23 Jahre im Bethlehem Gesundheitszentrum gearbeitet und fast gelebt. Fällt da der Abschied nicht sehr schwer?

Karkour: Mein Herz hängt am Bethlehem. Es gab sicherlich auch viele harte Tage. Aber es hat viel Freude gemacht gemeinsam mit einem tollen und fleißigen Team so viel bewegen zu können. Dafür bin ich sehr dankbar.

Was möchten Sie Ihren Kollegen noch mit auf den Weg geben?

Karkour: Ich habe meinen Assistenzärzten und PJ‘lern immer gesagt, dass man nicht nur ausschließlich das eigentliche Problem betrachten darf, sondern stets auch darüber hinaus den Patienten und andere mögliche Ursachen im Blick haben muss. Und es ist mir ein Bedürfnis, mich bei allen von Herzen zu bedanken, die mich bei meiner Tätigkeit unterstützt und begleitet haben. Gemeinsam ist es uns gelungen, viele Erfolge zu erringen.

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