Hygiene-Ampel: „Alles, was der Kunde sieht, ist eine Farbe“

Von: Naima Wolfsperger
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In Stolberg gibt es 600 Unternehmen, die von der Lebensmittelüberwachung regelmäßig kontrolliert werden. Für zwei Drittel, also etwa 400 Geschäfte, gilt jetzt das Ampelgesetz. Foto: Marius Becker/dpa

Stolberg. Ampeln hat Stolberg schon genug? Das Land NRW sieht das anders und hat die Hygiene-Ampel beschlossen. Es handelt sich dabei um ein Schild, auf dem eine Skala von Grün über Gelb bis Rot zu sehen ist. Die farbliche Einordnung hängt von der Bewertung der Lebensmittelüberwachung ab, dabei spielen auch bauliche und bürokratische Aspekte eine Rolle.

„Alles bleibt beim Alten“, sagt Mathias Boese von der Lebensmittelüberwachung der Städteregion Aachen. Die ersten Kontrollen sind seit dem 22. März bereits angelaufen, und demnächst werden die Ampeln an die entsprechenden Unternehmen geschickt.

Die Stolberger Unternehmer sind aber wenig begeistert und vor allem verunsichert: „Einen gewissen Ermessensspielraum des Kontrolleurs gibt es immer. Und mir ist nicht klar, wie sich die einzelnen Kriterien auf die Ampel-Farbe auswirken“, sagt Harald De Brabander vom Restaurant Deux Ponts in Stolberg.

Das Problem: „Bauliche Begebenheiten spielen eine Rolle, ob Arbeitskleidung betrieblich oder zu Hause gewaschen wird, wie gut Putzlisten geführt werden – das hat alles nichts mit der eigentlichen Sauberkeit zu tun.“ Selbst für die beiden Tankstellen, die De Brabander zusätzlich betreibt, wird die Ampel fällig, weil ein Bistro angeschlossen ist. „Selbst wenn wir die angeschlossene Toilette stündlich putzen, wie an Tankstellen üblich, hält die keinen Standard.“

Sie kann ruinieren

Die Ampelfarbe könne unter Berücksichtigung baulicher und bürokratischer Aspekte keine angemessene Aussage über die Hygiene geben oder etwas über die Qualität des Essens aussagen. „Die Ampel ist eine Brandmarkung, die bestimmt einige Geschäfte in der Stadt ruinieren wird“, sagt De Brabander.

„Alles, was der Kunde sieht, ist eine Farbe“, sagt Hakan Sunar, Inhaber des Atsch-Döner-Kebap-Hauses an der Sebastianusstraße. Zeigt die Skala am Eingang Rot, dann kann der Laden mit dieser Einordnung zumachen. Der Hinweis der Lebensmittelüberwachung, dass sich an den bisherigen Kriterien nichts ändern soll, kann ihn nicht überzeugen.

Er sieht die Risiken vor allem in dem „Papierkram“, der in die Bewertung mit einfließt: „Kleine Läden, so wie meiner, können es sich nicht leisten extra jemanden einzustellen, um sich um die Listen zu kümmern.“ Er habe in der Türkei viele Jahre in einem Fünf-Sterne-Hotel gekocht, sagt er. Dort habe es genug Personal gegeben, um mitzuschreiben, wann in welchem Kühlschrank die Temperatur gemessen wurde. Auch er fülle die Prüflisten aus.

Aber neben der Bedienung ist er als Inhaber auch für die Personalplanung, Bestellung, Lohnauszahlungen und für die Erklärungen an die Ämter zuständig. „Die Anforderungen sind teilweise Kleinigkeiten – wie etwa die Kühltemperaturen einzutragen. Aber in der Summe scheint mir das für kleine Geschäfte nicht machbar.“

Auch Bäckermeister Ingo Tempelmann ist davon überzeugt, dass die Ampel für einige Läden das Ende bedeuten kann: „Ein Rot würde selbst Stammkunden abschrecken.“ Es gehe nicht darum, dass er für seinen Laden eine schlechte Bewertung erwarte. Aber es gibt doch einige bauliche Faktoren, die ihm Sorgen machen.

Die Bäckerei ist in einem 70er-Jahre-Bau, den er und vor ihm sein Vater seit 1972 gepachtet haben. Größere Umbauten werden von dem Vermieter nicht übernommen. So hat er beispielsweise die Fliesen an den Wänden der Backstube selbst gelegt. „Aber ab einer gewissen Summe kann uns ein Umbau an die Substanz gehen.“

Bisher habe es immer noch irgendwie geklappt, das Geschäft an gesetzliche Änderungen anzupassen, wenn es etwa um Fluchtwege ging. Auch diese Aspekte werden durch die Lebensmittelüberwachung gewertet. „In der Risikobeurteilung sehe ich keine Aussagekraft über die Reinlichkeit meines Ladens.“

Eine Brandmarke

Tempelmann backt noch selbst. Sein Arbeitstag beginnt in der Regel um zwei Uhr morgens, mündet in der Mittagszeit in ein paar Stunden, in denen er schläft, bis er abends wieder in den Laden kommt, um Abrechnung zu machen.

Nach bestem Wissen und Gewissen werde bei ihm gearbeitet. Und mit den Kunden habe es noch nie Probleme gegeben. „Da empfindet man die Ampelpflicht als eine Brandmarkung.“

Für die kommenden drei Jahre können sich die bewerteten Lokalitäten noch aussuchen, ob sie sich die Ampel ins Fenster hängen wollen. De Brabander überlegt, sich die detaillierte Bewertung vielleicht daneben zu hängen sobald die Ampel Pflicht ist. „Damit der Kunde auch weiß, wie das Ergebnis zustande gekommen ist. Denn nur dann weiß er wirklich, ob es um hygienische Mängel geht.“

In Stolberg gibt es 600 Unternehmen, die von der Lebensmittelüberwachung regelmäßig kontrolliert werden. Für zwei Drittel, also etwa 400 Geschäfte, gilt jetzt das Ampelgesetz.

Die Lebensmittelüberwachung kontrolliert etwa einmal im Jahr. „Wer schlecht abschneidet, wird öfter kontrolliert“, sagt Böse. Auch in Zukunft werde sich daran nichts ändern. Und er beruhigt: „Bis auf das Schild an der Tür, das erst in drei Jahren Pflicht wird, ändert sich aus Sicht der Behörde erst einmal nichts.“

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