Hohe Dunkelziffer: Häusliche Gewalt auch in Stolberg ein Problem

Von: Naima Wolfsperger
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In der Kupferstadt wurden im vergangenen Jahr 153 Gewalt- und 35 Raubdelikte angezeigt. Symbolfoto: Jan-Philipp Strobel/dpa

Stolberg. Im vergangenen Jahr sind von der Polizei 47 Stolberger Adressen an die Interventionsstelle des Frauenhauses der Diakonie in Alsdorf weitergeleitet worden. Das heißt in mindestens 47 Familien griff die Polizei wegen häuslicher Gewalt ein. „Hinzu kommen die 59 Kinder der Frauen aus diesen Familien“, sagt Renate Wallraff vom Frauenhaus.

Heute ist der Tag der Kriminalitätsopfer. Wie es mit gefassten Tätern weitergeht, ist meist geregelt. Ihre Opfer hingegen wissen oft nicht, wohin sie sich wenden können und welche Rechte sie haben. Sie haben dann das Gefühl, mit niemandem reden zu können, sie schämen sich, sind verwirrt und fühlen sich alleingelassen.

Nach einer Gewalttat ist der Mensch in seinem Innern angegriffen. Auch in Stolberg gibt es viele Menschen, denen eine Beratungsstelle weiterhelfen könnte. Denn in der Kupferstadt wurden im vergangenen Jahr 153 Gewalt- und 35 Raubdelikte angezeigt. Aber gerade, dass man die Taten in Statistiken festhält und nicht auch die Zahl jener Menschen die unter den Folgen zu leiden haben, könnte Teil der größeren Schieflage sein. Der Opferschutz ist nach Meinung der Experten noch ausbaufähig.

Lange im Frauenhaus

Wenn die Polizei zu einem Einsatz mit häuslicher Gewalt gerufen wird, fragen die Beamten die Betroffenen, ob sie ihre Kontaktdaten an die Interventionsstelle der Diakonie in Alsdorf, die für den Kreis zuständig ist, weitergeben dürfen. „Insgesamt wurden 2016 211 Kontaktdaten an uns weitergeleitet“, sagt Wallraff. 164 betroffene Frauen, neben den 47 Frauen aus Stolberg. Im Frauenhaus waren außerdem 56 Frauen und 57 Kinder untergebracht. „Eine eher geringe Zahl“, sagt Wallraff. Das liege aber nicht daran, dass es weniger Übergriffe gibt: „Der Wohnungsmarkt ist derzeit eher schlecht. Einige Frauen und ihre Kinder blieben deshalb länger bei uns, als es üblich ist.“

Ein großes Problem bei häuslicher Gewalt sei, dass es sich oft um systematische Gewalt in der Beziehung handele, sagt Angelika Gey vom Verein Frauen helfen Frauen. Damit geht einher, dass die Frauen finanziell aber auch sozial kontrolliert werden, sie verdienen kein eigenes Geld mehr, verlieren ihre Freunde, werden bedroht und klein gehalten. „Die Frauen verlieren dann jegliches Selbstbewusstsein“, sagt Gey.

„Nur eine Ohrfeige“

In Aachen bieten sie und ihre Kolleginnen eine allgemeine Beratung an, die auch für Hilfesuchende aus der Städteregion offen ist. „Frauen haben meist Probleme sich einzugestehen, dass ihnen Gewalt widerfährt. Sie spielen die Vorfälle herunter: ‚Es war doch nur eine Ohrfeige‘ oder ‚Den Arm habe ich mir nur gebrochen, weil ich dann in die Schrankwand gefallen bin, als er mich schubste‘.“ Deshalb versuche Gey den Frauen immer mit auf den Weg zu geben, dass sie ein Recht auf ein gewaltfreies Leben haben. „Gerade die Gewalt hinter verschlossenen Türen ist enorm tabuisiert und von Scham begleitet.“ Aber es hat sich auch einiges getan, die Opferberatungsstellen treten immer häufiger ans Licht der Öffentlichkeit und „auch rechtlich hat sich in den vergangenen zehn Jahren viel geändert“, sagt Silke Kirchvogel. Die Anwältin aus Eschweiler betreut auch viele Klienten aus Stolberg.

Über Täterbestrafung hinaus

Kirchvogels Kontaktdaten werden, wie auch die von weiteren 19 Anwälten von der Polizei an betroffene Kriminalitätsopfer weitergegeben. 1985 wurde mit dem Opferentschädigungsgesetz der erste rechtliche Schritt in Richtung Opferschutz gegangen, der über die Bestrafung des Täters hinausgeht. Mit dem Gesetz besteht unter anderem ein Recht auf Entschädigung der nach einem Übergriff entstanden Arztkosten oder für den Verdienstausfall. Einer der wichtigsten Schritte in jüngerer Zeit ist für Kirchvogel die neue Gesetzgebung zur psychosozialen Prozessbetreuung. Menschen können hierbei ihre Berater mitnehmen, wenn sie vor Gericht vorgeladen sind und Aussagen müssen. Früher mussten diese oft draußen bleiben. „Das ist eine wichtige Stütze für die Opfer. Vor Gericht sind sie oft verunsichert.“

Auch bei der Polizei können Betroffene Rat und Unterstützung finden. „Wenn unsere Kollegen einen Fall haben, in dem sie vermuten, dass Unterstützung notwendig ist, dann weisen sie uns darauf hin“, sagt Karl-Heinz Hummes, Opferschutzbeauftragter der Aachener Polizei. Er und eine Kollegin bieten eine Orientierungshilfe. Sie haben die nötigen Ansprechpartner von Hilfsorganisationen, Anwälten und Therapeuten bereit. „Wenn wir jemanden mit akutem Trauma an einen Therapeuten verweisen, dann bekommen sie auch schnell einen Termin. Ohne, dass sechs Wochen Wartezeit zwischen Anmeldung und Therapeutengespräch liegen.“

Betroffene können sich auch selbstständig bei den Opferschutzbeauftragten der Polizei erkundigen, aber wenn den Beamten von einem Verbrechen berichtet wird, dann kommt es auch zu einer Anzeige.

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