Hochwasser: Am Abend gibt es das kollektive Aufatmen

Von: Michael Grobusch
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Patrick Suchland (l.) und Helmut Lenders nehmen die Lage mit Gelassenheit. Hochwasser ist an Haumühle schließlich keine Seltenheit.

Stolberg. „Wir erwarten eine extreme Hochwasser-Lage”: Schon am Morgen ist Toni Sturz in akuter Alarmbereitschaft. Und mit dem Stadtbrandinspektor sind es auch alle Kollegen der Stolberger Hauptwache und der Löschgruppen, die sich auf einen möglicherweise dramatischen Tag vorbereiten.

An der Kesselschmiede kommt deshalb der Krisenstab der Stadt zusammen, um das weitere Vorgehen zu koordinieren. Derweil werden in den Hallen der Wehr Sandsäcke gefüllt und in den Besprechungsräumen mögliche Szenarien durchgespielt. Sturz ist aber sicher: „Die Lage wird weitaus schlimmer sein als bei der Schneeschmelze vor einer Woche.”

Sorgen bereitet dem Feuerwehr-Chef vor allem die Tatsache, dass die Dreilägerbachtalsperre nahezu voll ist. Die Aussagen von Betreiber Enwor bewegen sich zwischen 16 und 18 Uhr - nicht zuletzt aufgrund der wechselnden Intensität der Niederschläge; klar aber scheint zu diesem Zeitpunkt, dass spätestens am Abend zusätzliche Wassermengen abgelassen werden müssen. „Dann wird der gesamte Bachlauf von Hochwasser betroffen sein”, prognostiziert Sturz, der Einsätze „von Zweifall bis in die Atsch” entlang des Vichtbaches erwartet.

Soweit es möglich ist, werden die Öffentlichkeit und die Anwohner über die akute Gefahrenlage informiert und zu Vorsichtsmaßnahmen aufgerufen. Denn: „Wenn die Keller einmal vollgelaufen sind, können auch wir nur noch relativ wenig machen.” Frühzeitig wird in der Hauptwache eine Grundsatzentscheidung getroffen: Einsätze zum Auspumpen einzelner Keller wird es nicht geben, die Kollegen sollen nur in Fällen akuter Gefahr ausrücken. Unterdessen werden diverse Kontrollpunkte angesteuert und Sandsäcke verteilt - unterstützt vom THW sowie in Zweifall auch von der Eschweiler Wehr, die 300 der insgesamt rund 2000 benötigten Säcke zur Verfügung stellt und sogar vor Ort weitergibt.

Akuter Gefahr vorbeugen will die Stadt derweil in mehreren ihrer Einrichtungen. Noch vor Mittag werden deshalb zunächst die Kita Vicht - hier werden die Kinder vorübergehend in die Mehrzweckhalle gebracht - und die Grundschule Zweifall, später auch die Grundschulen Grüntalstraße und Hermannstraße sowie die Kindertagesstätten „Zauberwiese”, Zweifall und Steinweg evakuiert. Weil eine Besserung nicht in Sicht ist, wird die Schließung auf den Freitag ausgedehnt.

„Die Sicherheit der Kinder geht einfach vor”, erklärt der städtische Jugendpfleger Josef Offergeld. Der unerwartete Betreuungsausfall wird von den Eltern, die durch die jeweilige Kita- bzw. Schulleitung informiert werden, erstaunlich gut kompensiert. „Nur in einzelnen Fällen konnten die Kinder nicht zeitnah abgeholt werden”, berichtet Offergeld am Nachmittag. Auch das von den betroffenen städtischen Kitas unterbreitete Angebot eines Ersatzplatzes in einer anderen Einrichtung für den heutigen Tag wird nur selten angenommen. Die Lage bleibt in diesem Bereich also entspannt.

Das kann man mit Blick auf die Feuerwehr nicht behaupten. Zwar sinkt der Pegel der Vicht am Nachmittag und Toni Sturz kann feststellen: „Jetzt haben wir wieder 20 Zentimeter Spielraum im Bach.” Gleichwohl stuft er die Lage aber als „weiterhin unkalkulierbar” ein, weil Prognosen für die noch zu erwartenden Niederschläge schwerfallen und die große Unbekannte die Dreilägerbachtalsperre bleibt.

Derweil kündigt die Energie- und Wasser-Versorgung (EWV) kurz vor 17 Uhr an, eine erste Umspannstation, in die Wasser einzudringen droht, abschalten zu müssen. Die Auswirkungen halten sich allerdings in Grenzen, weil über den Standort an der Eisenbahnstraße nach Aussage von Pressesprecher Andreas Ihrig nur zwölf Haushalte betroffen sind.

Seenlandschaft am Münsterbach

Betroffen von der Flut sind auch wieder die Anwohner des Münsterbaches (Inde). Im Gedautal bilden sich ebenso riesige Seenlandschaften wie in der Atsch, wo der Bach im Bereich des Gewerbeparks/Spinnereistraße (normalerweise) in zwei Armen fließt. Auch dort ist aber im Laufe des Nachmittages ein dezenter Rückgang des Wassers zu verzeichnen. Hans-Werner Conrads kann sich noch gut erinnern. „Das Hochwasser von 2007 war noch schlimmer”, erklärt der Landwirt, der gleichwohl seinen Generator bereitstehen hat, falls auch an der Haumühle der Strom abgestellt werden muss.

Dazu kommt es dann letztlich nicht. Am frühen Abend setzt vielmehr das kollektive Aufatmen ein. Um 18.30 Uhr hat die Dreilägerbachtalsperre immer noch Zulaufkapazitäten. Zugleich beobachtet die Feuerwehr einen weiter sinkenden Pegel des Vichtbaches. „Selbst wenn zusätzliches Wasser abgelassen wird, dürften die Höchstmarken vom Mittag nicht mehr überschritten werden”, zeigt sich Toni Sturz überzeugt.

Für die Einsatzkräfte wird es zwar dennoch eine lange Nacht. Von der extremen Hochwasser-Lage, wie sie noch am Morgen befürchtet worden war, bleibt Stolberg aber allem Anschein nach verschont.

Schutzmaßnahmen des WVER lassen noch auf sich warten

Hochwasser mit ernsten Schäden gibt es in Stolberg statistisch gesehen alle 20 Jahre. Das hat der Wasserverband Eifel-Rur berechnet. Bei einem 50-jährlichen Ereignis ist mit Schäden in Höhe von 13,4 Millionen, bei einem 100-jährlichen von 19,7 Millionen und bei einem 200-jährlichen von 35 Millionen Euro zu rechnen. „Wir waren überrascht vom Ernst der Lage an Vicht und Münsterbach”, erklärte im August 2008 Robert Steegmanns als zuständiger Dezernent des WVER. Oberstolberg würde von Dalli bis zum Kaiserplatz, Unterstolberg vom Kaplan-Dunkel-Platz bis hinter die Vegla unter Wasser stehen.

Seitdem plant der WVER an Schutzmaßnahmen für die Innenstadt gegen ein Jahrhundert-Hochwasser. Details sind noch unbekannt, und vor 2012 ist mit einer Realisierung nicht zu rechnen.

Frühestens für dieses Jahr gerechnet wird mit Maßnahmen, um Überschwemmungen an der Spinnereistraße zu vermeiden. Vorgesehen ist, oberhalb der Hammmühle dem Münsterbach ein breiteres Bett mit Überschwemmungsflächen zu bieten, ein Wehr zu schleifen und die Brücke anzuheben. Trotzdem wird der Überschwemmungsgefahr nur knapp begegnet.

In Arbeit ist eine Ertüchtigung des Rückhaltebeckens für den Mausbach, das bislang bei Regen zu schnell in die Vicht abschlägt, was zudem Gefahren für die Trinkwasserversorgung birgt.

Keine Lösung in Sicht ist für das Schnorrenfeld. Die Entfernung eines Wehrs würde zu keiner Entlastung führen. Der WVER favorisiert passiven Hochwasserschutz mittels vorhandener Spundwand.

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