Stolberg - Helikoptereltern und genervte Anwohner rund um Stolbergs Schulen

Helikoptereltern und genervte Anwohner rund um Stolbergs Schulen

Von: Annika Thee
Letzte Aktualisierung:
16958970.jpg
Vor der Schule überqueren zwei Kinder zwischen parkenden Autos die Straße. Vorbeifahrende, haltende und wendende Autos können Gefahren für andere Verkehrsteilnehmer darstellen. Foto: dpa
16958968.jpg
Vor der Schule überqueren zwei Kinder zwischen parkenden Autos die Straße. Vorbeifahrende, haltende und wendende Autos können Gefahren für andere Verkehrsteilnehmer darstellen. Daher wurden an einigen Schulen Elternhaltestellen eingeführt (kleines Foto). Foto: Annika Thee

Stolberg. Die Verkehrssituation rund um die Stolberger Schulen vor Schulbeginn und nach Schulende beschäftigt nicht nur die Eltern, sondern auch Anwohner, Schulleitungen, Ordnungsamt und die Stadtverwaltung. Das Problem: Eltern fahren ihre Kinder gerne bis vor das Schultor.

Für die Kinder sei das bequem und die Eltern gingen sicher, dass dem Kind auf dem Schulweg nichts zustößt, so die oft gehörte Begründung der Erziehungsberechtigten. Vor den Schulen entstehen gefährliche Situationen, wenn Kinder Straßen zwischen haltenden, parkenden und wendenden Autos überqueren müssen.

Diskussion in den Sozialen Medien

Nun ist die Diskussion wieder aufgekocht. Bei Facebook wird seit Tagen über das Thema debattiert. Obwohl die Diskussion in der Facebook-Gruppe „Stolberg – unsere Stadt, unsere Heimat“ von einem gefälschten Profil unter dem Namen Silvia Peters angestoßen und mehrmals durch aggressive Kommentare unter den Antworten anderer Nutzer angeheizt wurde, so scheint die Person, die sich hinter dem falschen Namen mit geklautem Profilfoto verbirgt, doch einen Nerv bei den Eltern und Anwohnern getroffen zu haben.

Die Fronten zwischen Anwohnern und Eltern, die ihre Kindern zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu Schule schicken und den Eltern, die die Kinder direkt vor dem Schultor absetzen, sind verhärtet. Wie es in den Sozialen Medien üblich ist, weichen sachliche Argumente vorschnellen Behauptungen und Anschuldigungen. Besorgte Eltern werden kategorisch als „Helikoptereltern“ bezeichnet.

Dieser Ausdruck hat sich in den vergangenen Jahren als negativ besetzte Bezeichnung für Eltern etabliert, die ihre Kinder übermäßig behüten, bewachen und sich exzessiv in deren Angelegenheiten einmischen. Viele Experten üben Kritik an einem solchen Erziehungsstil und auch an dem sogenannten Elterntaxi.

Viele Nutzer geben den Helikoptereltern die Schuld an dem alltäglichen Verkehrschaos. Die angesprochenen Eltern zeigen sich uneinsichtig und verteidigen ihr Verhalten. „Nennt mich Helikoptervater, wenn ihr wollt, meine Kinder bringe ich so lange zur Schule, wie ich glaube, dass es nötig ist. (...) Ich nenne es Fürsorge“, schreibt ein Nutzer als Kommentarbeitrag.

Sonderfall Ritzefeldstraße

Die Situation rund um das Ritzefeld-Gymnasium nimmt in der Diskussion eine gesonderte Stellung ein. In den Kommentaren ist vom „Wilden Westen“ die Rede. Einige Eltern nennen das „Verkehrschaos“ sogar als Grund dafür, ihr Kind erst recht mit dem Auto bringen zu müssen. Eine Gefahr für die Kinder erkennt der Schulleiter des Gymnasiums, Dr. Uwe Bettscheider, aber nicht.

„Die Situation ist lästig für die Anwohner, aber nicht gefährlich. Es gibt ein sehr hohes Verkehrsaufkommen, aber das schuldet sich der örtlichen Lage. Ein Chaos erkenne ich darin nicht“, sagt Bettscheider. Die Eltern der Schulkinder wurden informiert und gebeten, die Kinder in ausreichendem Abstand zur Schule aussteigen zu lassen, fügt er hinzu.

Einigen Anwohnern geht dieser Ansatz nicht weit genug. „Das ist keine Unachtsamkeit von den Eltern, sondern pure Ignoranz gegenüber den Anwohnern, der Sicherheit und der Straßenverkehrsordnung“, sagt ein Anwohner, dessen Name in der Zeitung nicht genannt werden soll.

Das Halteverbot vor der Schule würde ebenso ignoriert wie das Freihalten der Feuerwehrzufahrt. Die Ritzefeldstraße diene auch als Zufahrt zum Gesundheitszentrum. Zu den Stoßzeiten sei sogar für Rettungswagen das Durchkommen schwierig, sagt der Anwohner. Er selbst hätte bereits mehrfach das Ordnungsamt gerufen, doch geholfen hätte das nicht. „Die Mitarbeiter kommen dann mittags kontrollieren, nicht morgens früh“, sagt er.

Der stellvertretende Leiter des Ordnungsamts, Sven Poschen, widerspricht dem jedoch. „Das Ordnungsamt reagiert immer unverzüglich, ist in den Spitzenzeiten vor Ort und macht die Verkehrsteilnehmer eindringlich auf das Fehlverhalten aufmerksam“, sagt Poschen. „Meistens entspannt sich dann die Situation, leider allerdings meistens nur für kurze Zeit.“

Gemäß dem stellvertretenden Leiter des Ordnungsamts komme es in unterschiedliche Häufigkeit immer wieder zu Beschwerden von Anwohnern verschiedener Stolberger Schulen.

Politik soll handeln

Die Anwohner der Ritzefeldstraße haben die Politik aufgefordert, zu handeln. Im November vergangenen Jahres haben bei einer Bürgerbeteiligung 40 bis 50 Anwohner für die Einrichtung einer Elternhaltestelle plädiert, um den Verkehr von der Ritzefeldstraße wegzuleiten. Standorte an der Ellermühlen­straße, beim Parkplatz am Ober­steinfeld oder am Clara-Fey-Weg stehen seitdem zur Diskussion. Der Vorschlag einer Elternhaltestelle auf der Ritzefeldstraße wurde kontrovers diskutiert.

„Parkplätze gibt es in der Umgebung genug, die Beteiligten müssen sich auf einen Standort einigen“, sagt der Technische Beigeordnete der Stadt, Tobias Röhm. Die erforderliche politische Beschlussfassung im Ausschuss für Stadtentwicklung, Verkehr und Umwelt steht noch aus. „Das Thema wird kurz vor oder nach den Sommerferien auf der Tagesordnung stehen“, sagt Röhm.

Elternhaltestellen sollen helfen

Die Stadt hat in den vergangenen Jahren bereits viele Elternhaltestellen einzurichten. „Neun von zehn Grundschulen der Stadt haben im Rahmen des ‚Verkehrszähmer-Projekts‘ solche Parkmöglichkeiten eingerichtet“, sagt die Leiterin des Amts für Schule, Kultur, Sport und Tourismus, Petra Jansen. Nur die Hermannschule hat auf eine separate Haltestelle verzichtet. „Je intensiver die Schule das Projekt begleitet, desto erfolgreicher werden die Haltestellen von den Eltern angenommen“, erklärt Jansen.

Besonders gut funktioniert das bei der Atscher Grundschule an der Würselener Straße. Vor vier Jahren ist dort das Verkehrszähmer-Projekt gestartet. Die Elterntaxis seien damals zum Problem geworden: Es wurde gehupt, um Parkplätze gekämpft, auf Gehwegen oder mitten auf der Straße gehalten oder gewendet. Die Eltern wurden dann darum gebeten, an der Kirche zu parken und ihre Kinder zumindest die letzten 100 Meter zu Fuß gehen zu lassen.

In den Klassen wurde ein Belohnungssystem eingeführt: „Wer zumindest ein Stück zu Fuß zur Schule kommt, erhält einen Stern. Wer dabei auch eine Sicherheitsweste trägt, zwei Sterne“, erklärt die Rektorin der Grundschule, Sabine Hammerschmidt. Wenn die Klasse 100 Sterne gesammelt hat, erhält sie eine Belohnung. „Das funktioniert sehr gut, die Kinder motivieren sich gegenseitig“, sagt sie. „Es sind nur wenige Eltern, aber dafür immer die gleichen, die sich über das Ziel hinwegsetzen“, fügt sie hinzu.

 

Die Homepage wurde aktualisiert