Haus Christophorus: Bewohner haben eine bewegte Zeit hinter sich

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Rainer Schäffer, Leiter des Haus-Christophorus, hat schon einige Schicksale mit den Bewohnern durchgestanden. Foto: R. X. Bornefeld
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Im Haus Christophorus hat jeder seine Aufgabe. Dazu gehören auch Arbeiten im und rund um den Garten. Foto: R. X. Bornefeld

Stolberg. Richtig gut sieht Bodo immer noch nicht aus: Die Wangen sind eingefallen, sein Gang etwas schwerfällig. Sein Leben mit Drogen hat unverkennbar Spuren hinterlassen. Doch dem 61-Jährigen ging es vor gar nicht langer Zeit deutlich schlechter.

Ein Lungenflügel war eingefallen, er kollabierte und fiel ins Koma. Jetzt konnte er schon wieder kleine Wanderungen mit der Gruppe machen, in der er jetzt lebt. Im Haus Christophorus der Caritas – ein soziotherapeutisches Wohnhaus der Eingliederungshilfe, wie es offiziell heißt – hat er ein neues Zuhause gefunden.

Im Stolberger Umgangsdeutsch ist die alte Industriellen-Villa, in der 14 alkoholkranke oder medikamentenabhängige Männer und Frauen leben, nur das „Säuferhaus“. Und in der Tat: Alle Bewohner haben eine jahrelange Hochkonsumenten-Vergangenheit. Bei Bodo drehten sich die vergangenen zehn Jahre seines Lebens um Alkohol. „Ich war sehr runtergekommen. Ich blieb so lange liegen wie möglich, habe höchstens einmal am Tag gegessen – ohne großen Aufwand. Tiefkühlpizza war da eigentlich schon zu viel“, schildert er sein vergangenes Leben. „Da ging es ums Überleben“, beschönigt Rainer Schäffer, Leiter der Einrichtung, nichts. Also entweder ab sofort totale Abstinenz oder Sterben.

„Die Angst vorm Lebensende ist häufig die Motivation, hier einzuziehen und damit auch unsere Regeln zu akzeptieren.“ Denn die sind eindeutig: Erst Entgiftung, dann Abstinenz, die in unregelmäßigen Abständen und zu verschiedenen Tageszeitpunkten durch einen Alkoholtest kontrolliert wird. Die Mahlzeiten werden zu ganz festgelegten Zeiten eingenommen. Die Teilnahme an Gruppenaktionen ist Pflicht. Jeder hat eine Aufgabe – Blumen gießen, Klo putzen, fegen. Nicht, weil es für den Betrieb notwendig wäre, sondern weil Arbeit und glasklare Regeln zur Therapie gehören. „Damit geben wir dem Tag ein Gesicht“, erläutert Schäffer.

Heute Vormittag steht eine riesige Schüssel Kartoffeln vor Bodo, die geschält werden wollen. Tatsächlich begreift Bodo diesen Dienst als Hilfe zur Selbsthilfe. „Die Aufgaben sind eine Stütze. Ich kann mich einfach nicht mehr davor drücken, so wie ich mich vor der Bewältigung meines Lebens nicht mehr drücken kann.“ Schäffer nennt das: „Raus aus der Opferrolle! Die eigene Kraft wieder entdecken.“ Denn alle Bewohner sind ein Fürsorgeobjekt, wenn sie einziehen. „In der Regel klopfen sie nicht selbst hier an die Tür, sondern der vom Amt bestellte gesetzliche Betreuer. Aber die Eigenverantwortung bleibt. Wir sind keine Erziehungseinrichtung.“

Die Aufgaben, angepasst an die körperlichen Möglichkeiten, beinhalten aber auch Anerkennung. Nicht zuletzt, weil Schäffer den Bewohnern für freiwillig übernommene Aufgaben in der Arbeitstherapie – zum Beispiel im hauseigenen Gewächshaus oder auch auf dem Stolberger Gnadenhof, mit dem das Christophorus-Haus kooperiert – 80 Cent pro Stunde bezahlt. „Es fördert die Motivation und die Gerechtigkeit. Und es drückt auch unsere Wertschätzung aus.“ Dafür ist er jedes Jahr auf der Suche nach etwa 2000 Euro Spenden. Doch längst nicht jeder Bewohner kann jede Aufgabe übernehmen.

Alle sind körperlich eingeschränkt, der Alkohol oder auch die Medikamente haben ihre Körper massiv geschädigt – egal ob 45 oder 74 Jahre. Gefäßerkrankungen und Nervenschädigungen gehören zum Alltag. Die alte Holztreppe zu den Ein- und Zweibettzimmern kann da jedes Mal eine Herausforderung sein. „Viel Pflege geht nicht“, weiß Schäffer, dass er mit seinem Team aus Sozialpädagogen, Sozialarbeitern und Hauswirtschaftskräften immer wieder bei massiven körperlichen Ausfallerscheinungen an Grenzen stößt. „Wir haben eine Krankenschwester, die aber natürlich auch nicht rund um die Uhr da ist.“

Ein Seniorenheim ist aber meistens die absolut falsche Einrichtung für schwerstabhängige Alkoholiker. „Die demenzkranke Oma, der man mit Fürsorge und Verständnis begegnen sollte, passt mit einem Alkoholiker, der Regeln und Anforderungen braucht, einfach nicht zusammen“, erklärt Yvonne Michel von der Fachstelle für Suchtprävention der Caritas Aachen. Trotzdem bleibt manch einer bis er den letzten Atemzug getan hat. Viele sehen es aber als vorübergehende Stabilisierungsmaßnahme, als ein Heim auf Zeit. Bodo ist noch unentschieden: „Ein Jahr lang stabilisieren, dann schaue ich, was ich erreicht habe. Vorher will ich nicht darüber nachdenken.“

Eine realistische Selbsteinschätzung, die nicht jeder Bewohner vorweisen kann. „Weniger als 50 Prozent schaffen die lebenslange Abstinenz“, weiß Schäffer. „Auch Intelligenz schützt da nicht.“

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