Handwerk: Der Kampf um die Köpfe steht bevor

Von: Jan Mönch
Letzte Aktualisierung:
lehrstellen_stolberg_bu
Drei Handwerkergenerationen: Siegfried Rutz (l.) und sein Sohn Stefan Rutz sehen zu, wie Björn Safarik die Funken fliegen lässt. Gute und motivierte Lehrlinge wie ihn zu finden, fällt nicht nur den beiden Metallbauern immer Foto: H. Eisenmenger

Stolberg. Auch für den Bereich Stolberg melden die Kammern nach wie vor Lehrlingsbedarf. Anders als auf Bundesebene wollen gleichwohl weder Handwerkskammer (HWK) noch Industrie- und Handelskammer (IHK) von einem dramatischen Trend sprechen. Zehn bis 15 Verträge warten derzeit in Stolberger und in Eschweiler Handwerksbetrieben auf Unterzeichner.

„Das ist überschaubar”, sagt HWK-Sprecher Elmar Brandt auf Anfrage. „Andererseits muss man sehen, dass die Betriebe auch schon seit längerer Zeit suchen.” Im gesamten Kammerbezirk, der die Städteregion Aachen sowie die Kreise Düren, Euskirchen und Heinsberg einschließt, seien um die 180 Lehrstellen bislang unbesetzt. „Der demographische Wandel schlägt auch bei uns durch”, sagt Elmar Brandt. „Es gibt aber mittlerweile auch viele Bewerber, die einfach ungeeignet sind. Das liegt auch an den gestiegenen Anforderungen. Als Geselle muss man heute oft viel weiter sein als früher.” Auch werde von den Betrieben stärker auf das Erscheinungsbild und auf gute Umgangsformen geachtet.

Eine gewisse Produktivität

Stefan Rutz (Metall- und Plattenbau Siegfried Rutz) möchte das so nicht bestätigen: „Wir haben eher den Eindruck, dass die Voraussetzungen bei den Bewerbern gesunken sind. Es ist sehr kompliziert, gute Leute zu finden.” Aktuell benötigt der Betrieb aus Büsbach einen Auszubildenden für das Berufsbild Metall- und Treppenbau. In der Stellenausschreibung als Voraussetzung genannt: Der Hauptschulabschluss sowie ein gutes mathematisches Verständnis. „Gerade in einem Kleinbetrieb wie dem unseren muss natürlich eine gewisse Produktivität da sein. Erfahrungsgemäß müssen wir neun von zehn Bewerbern direkt offen und ehrlich absagen.”

Anders als die HWK bricht die Industrie- und Handelskammer keine Zahlen für Stolberg herunter. „Das ist nicht sinnvoll. Es suchen ja weder die Stolberger Schulabgänger nur in Stolberg eine Lehre, noch nehmen die Betriebe dort nur Azubis aus Stolberg”, sagt Heinz Gehlen, bei der IHK Geschäftsführer im Bereich Berufsbildung. In Gehlens Kammerbezirk sind 200 Stellen zu vergeben, vom Bauchgefühl her liege Stolberg da voll im Trend: „Die Situation hat sich innerhalb eines Jahres gedreht, die Situation ist für Schulabgänger ausgesprochen attraktiv.” Grund seien die anziehende Konjunktur auf der einen und die gesunkene Zahl der Schulabgänger auf der anderen Seite.

Für die Betriebe macht es das nicht unbedingt einfacher. Noch negativer als Stefan Rutz äußert sich die Vertreterin eines anderen Stolberger Betriebs, dessen Namen sie in diesem Zusammenhang lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Schon vor Monaten hat sie eine Lehrstelle ausgeschrieben, gute 20 Bewerbungen seien bislang reingekommen. „Mittlerweile besetzen wir die Stelle aber lieber gar nicht, anstatt uns hinterher rumzuärgern.” Mal fehle es an der Grundbildung, mal an der Motivation. „Wir bilden seit mehr als 20 Jahren aus, und früher war das ganz anders. Das ist wirklich traurig.”

Wird die Entwicklung mittelfristig auch die Ausbildungsstellen attraktiver machen? „Ja natürlich, der Kampf um die Köpfe wird intensiver werden”, glaubt IHK-Geschäftsführer Gehlen. Ein Weg, Industrie und Handel für Schulabgänger interessant zu machen, seien etwa Auslandsaufenthalte und Sprachkurse. „Sicherlich wird auch der ein oder andere Betrieb sein Anforderungsprofil nach unten bewegen müssen.”

Auch Guido Graaf, Geschäftsführender Gesellschafter bei der U. Eversheim GmbH, glaubt, dass Schüler sich häufig erst viel zu spät Gedanken um ihren Werdegang machen. Er hatte zuletzt eine Lehre als Konstruktionsmechaniker zu vergeben: „Bei den Anrufen, die dann kamen, hatte ich aber wirklich das Gefühl, die wollen einfach irgendeine Lehrstelle, damit die Eltern Ruhe geben.” Die Stelle ist mittlerweile trotzdem besetzt. Denn bereits im März, also lange vor dem Absolvieren der Mittleren Reife, hatte ein junger Büsbacher sich beworben. Aus eigener Ambition heraus, ohne Inserat. Graaf: „Da hatte ich das Gefühl, der interessiert sich wirklich für Metallbau. Der Junge ist jetzt seit einem Monat da. Und der passt wie die Faust aufs Auge.”

Die Handwerkskammer verzeichnete zum 31. August exakt 2061 abgeschlossene Ausbildungsverträge im Kammerbezirk. Im Vorjahr lag die Zahl zum gleichen Stichdatum bei 2230, was einem Minus von etwa fünf Prozent entspricht. „Das hängt mit den Schulabgängerzahlen zusammen, vielleicht auch zusätzlich noch mit den späten Ferien”, schätzt Sprecher Elmar Brandt. „Zeit für ein endgültiges Fazit ist aber erst im November oder im Dezember.”

In Stolberg und Eschweiler gesucht werden unter anderem Azubis für die Berufsbilder Maler und Lackierer, Dachdecker und Maurer sowie im Nahrungsmittelgewerbe und im Kfz-Bereich.

Die Industrie- und Handelskammer konnte indes bislang 3758 abgeschlossene Ausbildungsverträge registrieren. Bei 3691 Verträgen im vergangenen Jahr entspricht dies einem Plus von 1,8 Prozent, mit dem man sowohl im Landesvergleich (plus 0,9 Prozent) als auch im bundesweiten Vergleich (plus 1,2 Prozent) überdurchschnittlich gut dastehe.

Die freien Stellen im Kammerbezirk gehen laut Heinz Gehlen „querbeet” durch die Gewerbe, seien jedoch insbesondere in der Logistik- und in der IT-Branche zu finden. Weiterhin verstärkt gesucht würden Maschinen- und Anlagenführer sowie Fachkräfte für Schutz und Sicherheit.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert