Griechische Stolberger hoffen auf Alexis Tsipras

Von: Naima Wolfsperger
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Trotz knapp fünf Jahren internationalem Hilfsprogramm steht Griechenland immer noch kurz vorm Staatsbankrott. Was von außen wirkt, als hätte sich nichts getan, hat im Land tiefe Spuren hinterlassen. Stolberger mit griechischen Wurzeln stehen zwischen der eigenen Perspektive als deutsche Steuerzahler und jener ihrer Verwandten, die in Armut leben müssen. Foto: stock/Christian Ohde
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Joannis Mavrovouniotis ist Stolberger mit griechischen Wurzeln.

Stolberg. Große politische Diskussionen haben oft ganz andere Schwerpunkte, wenn man sie im Kleinen betrachtet. Griechische Stolberger lesen seit dem drohenden Staatsbankrott Griechenlands 2010 den Namen ihrer zweiten Heimat in den europäischen Medien meist nur in Verbindung mit Begriffen wie „Pleite-Griechen“ und „Europas Sorgenkind“.

Ganz aktuell ist wieder die Rede von „Bankrott“ und „Grexit“, dem Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Charalambos Theodoridis, Bouikidis Anastasios und Joannis Mavrouniotis sind geborene Stolberger mit griechischen Wurzeln. Theodoridis betreibt „Bambi‘s Pizza“ auf der Mühle, Anstasios den „Tasso-Imbiss“ in der Atsch und Mavrovouniotis die „Greek Taverne“ in Mausbach: Stolberger Institutionen. Kulinarisch finden die europäischen Kulturen anscheinend leichter zusammen als politisch.

Die Linkspartei Syriza, die im Januar mit Ministerpräsident Alexis Tsipras in die griechische Regierung gewählt wurde, hat in der Europäischen Union (EU) Verunsicherung hervorgerufen. Vor allem, was die politischen Ziele der Partei betrifft. Gleichzeitig war mit der Wahl klar: Die Griechen wollen einen politischen Wechsel, eine Abwendung vom Sparkurs.

Im Gegenzug für Milliardenkredite

Die drei Stolberger sind sich einig: „Es ist gut, dass wieder Bewegung in die griechische Politik kommt“, sagt Anastasios, „ich glaube Alexis Tsipras will dem griechischen Volk eine Verschnaufpause gönnen.“ Die finanzielle Situation für die Griechen sei sehr schwierig.

Griechenland steht trotz knapp fünf Jahren internationalem Hilfsprogramm immer noch kurz vor dem Staatsbankrott. Das Hilfsprogramm wurde 2010 von der sogenannten Troika, der Kooperation von Internationalem Währungsfonds, der Europäischen Zentralbank (EZB) und EU-Kommission, erarbeitet. Im Gegenzug für Milliardenkredite wurde Griechenland ein rigides Sparprogramm und politische Reformen auferlegt.

Ende Februar läuft das Hilfsprogramm aus. Die Regierung Tsipras fordert jetzt eine Verlängerung der Finanzhilfe, will aber gleichzeitig das Korsett der geforderten Reformen und Sparmaßnahmen lockern.

Man müsse das auch mal aus Sicht der Griechen betrachten, sagt Theodoridis. „Es leiden vor allem die Hilflosen“, Kinder müssten bei Kerzenschein Hausaufgaben machen, weil das Geld für Strom fehle. „Es kommt sogar vor, dass Kinder in Schule vor Hunger in Ohnmacht fallen“, eine solche Sparpolitik bringe doch niemandem etwas.

„Der Mindestlohn ist auf 500 Euro im Monat festgesetzt“, sagt Mavrovouniotis, „die meisten Menschen in Griechenland leben unterhalb der Armutsgrenze.“ Obst und Gemüse sei günstig, alle anderen Lebensmittel und beispielsweise Benzin aber so teuer wie in Deutschland.

Mavrovouniotis hat Familie in Makedonien, Griechenland. Dort seien die Folgen der griechischen Spar- und Reformpolitik deutlich zu sehen: In der Stadt Drama sei jedes zweite Geschäft geschlossen. „Durch die Steuererhöhungen ist der Einzelhandel in Gefahr.“

Denker, Kämpfer und Vorreiter

„Troika“ ist in Griechenland zum Unwort geworden. Sie steht sinnbildlich für den Untergang der griechischen Wirtschaft. „Die Politik zieht eben ihre Linie durch und das Volk leidet darunter“, sagt Mavrovouniotis, „so entstehen diese Einschätzungen.“

„Grexit“ schätzen die drei Stolberger aber nicht als realistische Option ein. „Griechenland und Europa gehören zusammen“, sagt Theodoridis, „die griechische Kultur und Philosophie haben die abendländische Gesellschaft von heute bedeutend geprägt.“ Die Griechen seien schon immer Denker, Kämpfer und Vorreiter gewesen, „in gewisser Weise ist Griechenland jetzt wieder Impulsgeber: als erstes Land in der EU, das sich traut ‚Nein!‘ zu sagen.“

Dabei wird dem griechischen Volk international vorgeworfen, das marode politische und wirtschaftliche System und der damit einhergehende Staatsbankrott 2010 sei Folge einer gesamtgesellschaftlichen Tendenz zu Schattenwirtschaft und kultureller Ignoranz.

Seit den 1970er Jahren würden die Griechen nicht mehr arbeiten, sagt Theodoridis, das sei aber weltweit kein Geheimnis. „Das Land hat ja keine Industrie.“ Dennoch seien die Griechen nicht faul. „Der Versuch, sich gegenüber den europäischen Finanzministern zu behaupten, ist ein Kampf, der geradezu aussichtslos wirkt“, sagt Theodoridis, „und auch das ist typisch griechisch: mit aller Kraft alles geben.“

Die drei Stolberger sehen die Griechenlandkrise auch aus Sicht der deutschen Steuerzahler. „Aber wie es bisher gleaufen ist, ist eben auch keine Lösung“, sagt Mavrovouniotis. In Bezug auf die Erfolgsaussichten der griechischen Politik herrscht zumindest in Stolberg dennoch Zurückhaltung. „Es bleibt abzuwarten, was die Regierung tatsächlich leistet“, sagt Theodoridis.

Freitagnachmittag haben die Finanzminister der Euro-Zone erneut über eine Lösung im Schuldenstreit mit Griechenland verhandelt.

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