Gotthard-Tunnel wird in Stolberg gebaut

Von: Ottmar Hansen
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Im Innenhof von Gut Stockem wurde am Mittwoch eine Szene für den TV-Zweiteiler „Gotthard“ über den Bau des Gotthard-Tunnels gedreht. Foto: Marcus Geyer
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Bei dem Zweiteiler spielen Maxim Mehmet als Max, Miriam Stein als Anna und Pasquale Aleardi als Tommaso mit (v.l.). Foto: O. Hansen, SRF
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Der historische Film soll den Bau des 1. Gotthard-Tunnels erzählen. Damals waren rund 3000 Arbeiter unter zum Teil menschenunwürdigen Zuständen dort eingesetzt. Foto: Agentur Eick

Stolberg. Der Gotthard-Tunnel durch die Schweizer Berge wurde auch in Stolberg gebaut. Zumindest im Film. Die Dreharbeiten zu dem großen historischen Zweiteiler „Gotthard“ sind angelaufen. Und zwar in Breinig. Nachdem die Produktionsfirma vor wenigen Tagen im Zinkhütter Hof bei einem Bewerbungstermin noch letzte Komparsen ausgewählt hatte, wurde am Mittwochmorgen die erste Szene in Stolberg gedreht.

In Breinig. Und dort im Innenhof von Gut Stockem. Eine Kutsche steht mitten auf dem Hof, drum herum Schauspieler und Komparsen.

Der Film entsteht in Zusammenarbeit mit der Schweizer Produktionsfirma Zodiac Pictures und in Koproduktion mit ZDF und ORF. Neben Miriam Stein („Das Team“) und Maxim Mehmet („Heidi“, „Tatort“) spielen Pasquale Aleardi („Stärke 6“), Carlos Leal („Der Bestatter“) die Hauptrollen. In weiteren Rollen sind auch Max Simonischek, Roeland Wiesnekker, Joachim Król, Marie Bäumer, Peter Jecklin oder Christoph Gaugler zu sehen.

Regie führt der erfolgreiche Schweizer Film- und Fernsehregisseur Urs Egger, der erst kürzlich für „Der Fall Bruckner“ mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet worden war. Das Drehbuch zu „Gotthard“ stammt von Stefan Dähnert. Die Dreharbeiten dauern bis zum 27. November. Unter anderem wird in der Schweiz in Valendas, Andermatt und Luzern gedreht. Aber eben auch in Stolberg.

Aktueller Anlass

2016 wird der neue Gotthard-Basistunnel eröffnet. Das nehmen Schweizer Radio und Fernsehen zum Anlass, diesen aufwendigen zweiteiligen Spielfilm in Zusammenarbeit mit der in Zürich ansässigen Produktionsfirma Zodiac Pictures („Heidi“) und dem ZDF zu produzieren. Der Film erzählt, wie ab 1872 der erste Gotthard-Tunnel gebaut wurde, der seinerzeit mit 15 Kilometern längste Eisenbahntunnel der Welt.

Quer durch das Gotthard-Massiv in den Alpen. Eine ingenieurstechnische Meisterleistung für die damalige Zeit, die aber auch viele Opfer forderte. In den Jahren 1872 bis 1882 wurde das Bauwerk errichtet. Am 29. Februar 1880 erfolgte nach sieben Jahren und fünf Monaten der Durchstich. Der historische Riesenbau des Gotthard-Tunnels war damals die größte Baustelle Europas. In der unberührten Schweizer Landschaft entstand eine ganz neue, chaotische Ansiedlung mit Tausenden Arbeitern aus vielen Ländern.

Der Kampf gegen die Natur und brutale Arbeitsverhältnisse forderte viele Opfer, seuchenartige Krankheiten, Katastrophen bei der gefährlichen Arbeit im tiefen Berg ebenso wie Arbeiterrevolten und deren Niederschlagung. Die Bergwerksgesellschaft war ständig von der Pleite bedroht. Aber alle Beteiligten einten Leidenschaft und zähes Engagement, um das eine große Ziel zu erreichen: den Berg zu bezwingen und den Tunnel zu vollenden.

Goldgräberstimmung

Im Mittelpunkt der Film-Handlung stehen die Schweizer Fuhrmannstochter Anna (Miriam Stein), der deutsche Ingenieur Max (Maxim Mehmet) und der italienische Mineur Tommaso (Pasquale Aleardi). Anna, Max und Tommaso treffen sich in der Goldgräberstimmung der Anfangsjahre, werden durch die knochenharte Arbeit am Jahrhundertbauwerk zusammengeschweißt, durch die Wirren der Liebe und der rasanten technischen Entwicklungen auseinandergerissen und stehen sich schließlich sogar als Gegner gegenüber.

Das Großprojekt wird als nationale Produktion auch von der SRG SSR sowie von der Film- und Medienstiftung NRW, der Zürcher Filmstiftung, dem Teleproduktions-Fonds, der Filmförderung Baden-Württemberg sowie der Zentralschweizer Kantone und dem Bundesamt für Kultur unterstützt.

In Breinig wird auf Gut Stockem gedreht. Die Stockemer Straße ist deshalb momentan für den Verkehr gesperrt. Der Zutritt in den Innenhof des Gutes ist nur den Schauspielern und dem Kamerateam gestattet. Was sich in besagter Szene abspielt, soll zunächst noch geheim bleiben.

Der große Lkw vor dem Tor, an dem eine riesige grüne Leinwand befestigt ist, ist allerdings kaum zu übersehen. Auf Nachfrage gibt ein Mitglied der Aufnahmeleitung Auskunft: „Es handelt sich um eine Green-Box“. Gemeint ist ein Verfahren in der Film- und Fernsehtechnik, das ermöglicht, Gegenstände oder Personen nachträglich vor einen Hintergrund zu setzen, der entweder eine reale Filmaufnahme (beispielsweise Landschaft) oder eine Computergrafik (beispielsweise Hintergrund bei Nachrichtensendungen) enthalten kann. Vom Innenhof hinaus Richtung Straße blicke man nur auf das grüne Tuch.

Auf dieses Tuch würden später im Studio Aufnahmen der Schweizer Berge montiert. So kommt man an Gebirge, das Stolberg eben nicht zu bieten hat. In den Innenhof ist, laut Drehbuch, gerade eine Kutsche gefahren. Die beiden Hauptdarsteller Anna und Max steigen vom Kutschbock. Ein Komparse schnallt die Pferde ab und führt sie in den Stall. „Schnitt!“ Dem Regisseur gefällt das Ganze offenbar noch nicht. Also werden die Pferde wieder hervor geholt. Das Ganze von vorne. „Absolute Ruhe“ schallt es über die Straße. „Kamera läuft“. Erneut ist der Regisseur nicht zufrieden. Die Szene wird wiederholt.

Etwas nach links

Und noch einmal. Vier starke Männer versetzen die Kutsche etwas nach links im Hof. Die Pferde werden langsam ungeduldig, obwohl es eigens für Filmproduktionen geschulte Tiere sind. Beim nächsten Drehversuch bricht ein Pferd aus, tritt um sich und ist kaum noch zu halten. „Abbruch“. Die kurze Drehpause nutzt Anna, um sich vom Betreuungsteam mal eben vier Schnittchen reichen zu lassen.

Währenddessen verdunkelt sich der Himmel. Die Sonne, die vorher noch alles in ein besonderes Licht getaucht hatte, ist hinter Wolken verschwunden. Trotzdem wird die schwere Kamera wieder auf den hinteren Rand der Kutsche gehievt. Der Kameramann benötigt eine Trittleiter, um das zu schaffen. Die Schauspieler und auch die braunen Pferde müssen wieder ran. Beim Casting im Zinkhütter Hof hatte die Produktionsfirma vor allem nach Männern gesucht, die einen Bart tragen und kein komplettes Gebiss aufweisen können.

Einige von ihnen kommen jetzt auf dem Gutshof zum Einsatz. Ihre Kleidung ist eher schäbig und schmutzig. Im Hintergrund des Szenenbildes ist vor den Gutsgebäuden eine Wäscheleine zu sehen. Auch auf ihr sind eher abgetragene Kleidungsstücke zum Trocknen aufgehängt. Ein Mann mit einer Sackkarre im wörtlichen Sinne läuft durchs Bild. Die historische Karre ist mit zwei schweren Jutesäcken beladen. Ein Mann mit einem Koffer erreicht das Gut. Er sucht offenbar eine Unterkunft.

„Kamera läuft“, allerdings erneut nicht lange. „Stopp!“ Ein Krankenwagen mit Martinshorn fährt eine Straße weiter vorbei. Den hat es im Jahr 1872, als mit dem Bau des Gotthard-Tunnels in der Schweiz begonnen wurde, so auch noch nicht gegeben. Also müssen alle abwarten, bis das Geräusch verklungen ist. Im Hintergrund der Kulisse wird momentan ein Haus gebaut. Deshalb steht ein großer Kran auf dem Grundstück. Dem Kameramann gelingt es aber, den Kran aus dem Bild zu halten. Entscheidend sind offenbar die Pferdeställe sowie ein größeres Haus auf dem Grundstück, das mit einem Hirschgeweih geschmückt ist.

Rund um das Gut hat das Filmteam seine Lkw und Transporter abgestellt. Die Kennzeichen zeigen die Herkunft: Wiesbaden, Hamburg, Köln, Landsberg am Lech. Auch Schweizer Kennzeichen sind dabei. Um 12.30 Uhr ist die Szene zwar immer noch nicht im Kasten, die Kondition der Darsteller lässt allerdings nach. Da hilft nur eines: „Mittagspause“.

Mittagspause am Friedhof

Schauspieler und Komparsen haben es nicht weit. Auf dem Parkplatz des benachbarten Friedhofes haben die Caterer eine Imbissbude sowie ein großes Zelt zur Einnahme der Mahlzeiten aufgebaut. „Gleich geht es weiter. Wir drehen notfalls bis in den Abend hinein“, heißt es. Gut, dass das die Pferde nicht mitbekommen haben.

Der Film soll übrigens Ende 2016 über die TV-Bildschirme flimmern.2016, 134 Jahre nach Fertigstellung des ersten Tunnels, eröffnet die Schweiz im Rahmen der AlpTransit-Strecke mit dem 57 Kilometer langen Gotthard-Basistunnel erneut den längsten Tunnel der Welt.

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