Goldberg-Variationen spannend und elegant

Von: mlo
Letzte Aktualisierung:
12418966.jpg
Das Trio, bestehend aus Hans-Otto Horch (Violine), Wolfgang Boettcher (Violoncello) und Susanne Trinkaus (Viola/von links) beeindruckte die Zuhörer. Foto: M. L. Otten

Stolberg-Vicht. Mit Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen stand in der Vichter Pfarrkirche ein monumentaler Zyklus im Mittelpunkt, der als schönstes, heiterstes und tiefsinnigstes Variationswerk der Barockzeit gilt.

Unerschöpflich einfallsreich, virtuos, zärtlich und auch derb, demonstrierte Bach 1742 in dieser geheimnisreichen, melodiösen „Aria mit verschiedenen Veränderungen“ ein Instrumentalwerk, das in der Fassung für Streichtrio von Dmitri Sitkovetsky (1984) bzw. Federico Sarudiansky (2010/Variationen 4,8, 16, 17 und 22) gut 200 Zuhörer in St. Johannes Baptist begeisterte.

Ausführende waren Hans Otto Horch (Violine), Susanne Trinkaus (Viola) und der Neu-Vichter Wolfgang Boettcher (Violoncello). Die drei Klassik-Experten zeigten neben Reife und Persönlichkeit auch die Fähigkeit zu genussvoller Unterhaltung. Nichts wirkte aufgesetzt. Im Gegenteil, das natürliche Aufgehen in der gemeinsamen Sache beeindruckte die Zuhörer, und sie wurden mit dieser außergewöhnlichen Darbietung überreich beschenkt.

An Variationszyklen, die den Goldberg-Variationen gleichkommen, gibt es höchstens noch Ludwig van Beethovens Diabelli-Variationen, so Professor Hans Otto Horch, der auf einer tschechischen Violine von Vladimir Pilar aus dem Jahr 1973 spielte. Er war zeitweise Mitglied des Symphonie-Orchesters des Südwestfunks Baden-Baden, des Aachener Kammerorchesters sowie des Aachener Kammermusikensembles, dessen Leitung er auch viele Jahre inne hatte. Mit dem Leonhard-Quartett und dem Tübinger Klaviertrio gewann er erste Preise beim internationalen Kammermusik-Wettbewerb in Colmar. Hauptberuflich lehrte er deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte an der RWTH Aachen.

Susanne Trinkaus spielte auf einer italienischen Viola von Felix Mori Costa aus dem Jahre 1802. Sie ist als Konzertmeisterin und Solistin in mehreren Kammerorchester-Formationen im Raum Düren-Köln und als Musikpädagogin an der Musikschule Jülich tätig und konzertierte als Geigerin des „Robert Schumann Ensembles“ für Klavier-Kammermusik und des „Ensemble Carolina“ u.a. in Spanien, Portugal, Lettland, der Ukraine, den USA und Australien.

Der Cellist, Professor Wolfgang Boettcher, der mit seiner Frau Vicht als Lebensort gewählt hat, baut Violoncelli selber und spielte an diesem Nachmittag eines davon aus dem Jahr 2014. Er war zeitweise Mitglied des Städtischen Orchesters Aachen, des Aachener Kammerorchesters und Gründungs-Mitglied des Leonhard-Quartetts. Hauptberuflich lehrte er angewandte Sprachwissenschaft an der Pädagogischen Hochschule und der RWTH Aachen sowie an der Ruhr-Universität Bochum.

Wie aus dem Programmblatt hervorging, sind die Bach’schen Variationen in zehn Dreiergruppen aufgebaut. Den Anfang macht entweder ein Tanzsatz der Bachzeit oder eine Fuge, Ouvertüre oder Chaconne. In der Mitte folgt eine Art Etüde - ein Stück, das eine besondere Spieltechnik erfordert - und am Ende ein Kanon. Dabei folgen die Stimmen dieser Kanons einander von Kanon zu Kanon in wachsendem Intervall-Abstand. Den Schluss der letzten Variationsgruppe bildet ein sogenanntes Quodlibet (Variation 30). Es ist gewissermaßen ein musikalischer Scherz, in dem Bach drei damals bekannte Alltagslieder verarbeitet hat. Das Werk, das immer wieder zu Spekulationen Anlass gibt, ob es nun nächtliche Musiktherapie für einen schlafgestörten Gönner sei oder der vierte Teil einer „Clavierübung“, hatte den Untertitel „den Liebhabern zur Gemüts-Ergötzung verfertigt“.

Und dies war es in der Tat. Es ließ den Alltag vergessen und offenbarte nachsinnend, zupackend, tänzerisch, elegant und spannend die Genialität eines großen Meisters. Rudi Dreuw hatte bei seiner Begrüßung nicht zu viel versprochen. Bachs Goldberg-Variationen waren ein Kammermusikerlebnis der absoluten Extraklasse. Da die Solisten auf ein Honorar verzichteten, kam die freiwillige Gabe am Ende des Konzertes dem Vichter Dorfladen zugute.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert