Aachen - Gold und Silber veredeln die Bleihütte

Gold und Silber veredeln die Bleihütte

Von: Thorsten Karbach
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So läuft eine moderne Bleihütte: Urban Meurer, Geschäftsführer der Berzelius Stolberg GmbH, erläutert beim 40. Unternehmerforum von IHK Aachen und Aachener Zeitung die innovative Entwicklung seines Unternehmens. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Es war ein guter Tag für Urban Meurers. Der Geschäftsführer der Berzelius Stolberg GmbH wünscht sich mehr als alles andere Interesse an dem, was in seiner Stolberger Bleihütte 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr geleistet wird.

Er spricht gerne über die Arbeit, die dort 240 Mitarbeiter (Tendenz steigend) leisten. Und dann hatte er an einem Tag morgens NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin in seinem Werk zu Gast und durfte abends beim 40. Unternehmerforum von Industrie- und Handelskammer Aachen und Aachener Zeitung sprechen und sich den Fragen von Moderator Bernd Mathieu, Chefredakteur dieser Zeitung, stellen. Am Ende konnte Meurer, der an der RWTH Aachen Metallurgie und Werkstoffkunde studiert hat und seit 2002 bei Berzelius wirkt, das Bild eines hochmodernen Industriebetriebes zeichnen – bei Minister Duin wie auch bei den Gästen im IHK-Foyer in Aachen. Und das sah so aus:

Die Bleihütte: Was für ein archaisch klingender Begriff, der das Bild von starken Männern im Funkenregen weckt. Von wegen! Die Berzelius Stolberg GmbH ist eine der größten und vor allem modernsten Hütten weltweit, eine sogenannte Primärhütte, die aus Bleierzen, die bei 1200 Grad Celsius geschmolzen werden, Blei gewinnt. Aber nicht nur das. Und deswegen ist der Begriff „Bleihütte“ auch viel zu kurz gedacht. Die Berzelius Stolberg GmbH produziert weit mehr als 155.000 Tonnen oder anders gerechnet drei Millionen Blöcke Blei im Jahr, das beispielsweise in Autobatterien zum Einsatz kommt (die bei Berzelius auch wieder recycelt werden). Hinzu kommen 130.000 Tonnen Schwefelsäure (die mit einer speziellen mit der Bayer AG entwickelten Anlage erzeugt werden), 8000 Tonnen Kupferbleistein und 350 Tonnen Güldischsilber, eine Mischung aus Gold und Silber, die dann andere in eben jene beiden Edelmetalle weiter zerlegen. Es gibt also mehrere Standbeine – von Blei bis Gold.

Das Verfahren: Die eingesetzte (QSL-)Technologie bei der Bleierzverwertung wurde 1990 tatsächlich erstmals auf der Welt in Stolberg eingesetzt. Der Clou: Die frei werdende Energie wird direkt wieder genutzt – zur Stromerzeugung. „Da steckt ganz viel Hightech drin“, erläutert Meurer. Archaisch ist das, was sich bei Berzelius abspielt ganz bestimmt nicht (mehr).

Die Tradition: Wenn ein Unternehmen seine Wurzeln bis ins Jahr 1848 zurückverfolgen kann, dann muss über Tradition gesprochen werden. Ja, die Berzelius Stolberg GmbH ist tief verwurzelt in der Kupferstadt und ist sich dessen voll bewusst. Und die Stadt Stolberg ist froh, ein solches Unternehmen vor Ort zu haben, wie der anwesende Bürgermeister Tim Grüttemeier (CDU) deutlich macht: „Das ist ein Vorzeigeunternehmen, gut für Stolberg.“

Die Perspektive: Der Blick geht mehr denn je nach vorne. „Bei uns trifft Tradition auf Innovation“, sagt Meurer. Das trägt auch der Texaner Howard M. Meyer, dessen amerikanischer Holding Berzelius seit 1996 gehört. Das entscheidende Stichwort lautet Diversifikation. Das heißt: Die Koppelprodukte, also all das, was an anderen Stoffen in dem Bleierz steckt, gewinnen in Zukunft an Wert. Weil es oft kostbare Edelmetalle sind: Gold, Silber, aber auch Platin, Palladium, Kupfer, Wismut und Antimon. Der Blick auf diese nachgefragten Elemente soll sich für Berzelius auszahlen. Für fast 25 Millionen Euro wird in diesem Sinne eine 42 Meter lange und 18 Meter breite Silberanlage gebaut, mit der die Silberproduktion zunächst verdoppelt und theoretisch irgendwann verdreifacht werden kann. Die Ofentechnik dort kommt übrigens ebenfalls aus der Region: von Otto Junker aus Simmerath-Lammersdorf.

Die Investitionen: 60 Millionen Euro wurden seit dem Jahr 2000 auf dem 200.000 Quadratmeter großen Firmengelände in Stolberg investiert. Seitdem wurden unter anderem die Vorstofflagerhalle (fünf Millionen Euro), eine Abwasserbehandlungsanlage (3,3 Millionen Euro) und die Schwefelsäureanlage (7,8 Millionen Euro) gebaut, von Öl auf Gas umgestellt und unterirdische Abgastunnel (2,3 Millionen Euro) wurden zurückgebaut. Aktuell wird ein Ofen für 5,3 Millionen Euro umgebaut und die genannte Silberanlage errichtet. Meurer betont dabei, dass etwa 40 Millionen der 60 Millionen Euro vor allem Investitionen in den Umweltschutz waren.

Der Umweltschutz: Die Wasserdampfschwaden über dem Firmengelände mögen auf den unwissenden Betrachter beängstigend wirken. Doch es ist: Wasserdampf. Nicht mehr und nicht weniger. Die beschriebenen Maßnahmen hätten sich allesamt ausgezahlt, berichtet Meurer. Die Investitionen seien sehr bewusst im Sinne der Umwelt erfolgt. „Das ist so nicht selbstverständlich“, sagt Meurer. Dass das in der Nachbarschaft ankommt, wird an diesem Aspekt deutlich: Mit der Biologischen Station Stolberg wird ein gemeinsamer Tag der offenen Tür veranstaltet.

Die Infrastruktur: Die Bleierze kommen aus Skandinavien, Australien und zunehmend auch aus Südamerika. Der Weg nach Stolberg ist also lang. Und problematisch. Drei Mal pro Woche kommen Züge mit 2000 Tonnen Bleierzen aus dem Hafen Antwerpen. Dort hat Berzelius eine eigene Lagerhalle. Für den Transport muss mit 25 Euro pro Tonne gerechnet werden. Und die Bahnstrecke ist bekanntermaßen bis an die Grenzen ausgelastet. „Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann würde ich gerne die Infrastruktur optimieren“, erklärt der Berzelius-Geschäftsführer und fügt hinzu: „Stolberg ist nicht der Nabel der Welt.“

Das ist er nicht, und einen Hafen wird es dort auch niemals geben. Aber ein weiteres Bahngleis oder ein besserer Autobahnanschluss würden helfen. „Bis ein Lkw von uns auf die Autobahn kommt, dauert das seine Zeit“, erzählt Meurer. Womit er irgendwie auch wieder beim Besuch von Minister Duin angekommen ist. „Ich habe dem Minister versprochen: Wenn ich Sorgen habe, melde ich mich“, berichtet Meurer.

Das Thema Infrastruktur wird er gewiss bald ansprechen.

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