Goetheschüler haben keine Angst vor großen Tieren aus Europa

Von: Christoph Hahn
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Keine Angst vor großen Tieren: Martin Schulz, Präsident des Europaparlaments, kam ganz zwanglos mit Oberstufenschülern des Stolberger Goethe-Gymnasiums ins Gespräch: Foto: Christoph Hahn

Stolberg-Liester. Auf schnelles Punkten legt es Martin Schulz nun wirklich nicht an. „Ich war eine richtig faule Sau“, gesteht der Präsident des Europaparlamentes im Gespräch mit Schülern des Goethe-Gymnasiums im Foyer vor der Aula. Auch sonst geizt der prominente Sozialdemokrat nicht mit Anekdoten und Details aus seiner, sagen wir mal, abwechslungsreichen Bildungskarriere.

Denn im lockeren Gespräch wie bei der Diskussion ist dem in Hehlrath geborenen Top-Politiker vor allem eines anzumerken: Er will überzeugen, durch eigenes Beispiel und seine Begeisterungsfähigkeit anstecken, einfach ehrlich sein. Er ist nahbar, lässt die jungen Frauen und Männer an sich heran. Das überzeugt dann auch die Gymnasiasten auf der Liester.

Echt sein, kein Profi mit glatter Sprache und ähnlich windschlüpfrigem Auftreten, Ecken und Kanten zeigen: Damit fängt Schulz, der von Direktor Bernd Decker und seinem Kollegen Philipp Pletsch, der den Arbeitskreis Europaschule des Hauses leitet, nach Stolberg eingeladen worden ist, gleich mal an: „Entschuldigung“, sagt er und erinnert seine Zuhörer daran, dass eben erst die iranische Trägerin des EU-Menschenrechtspreises, Nasrin Sotudeh, in Freiheit gekommen sei und er sich ihres weiteren Schicksals habe annehmen müssen. So findet auch die große weite Welt ihren Weg in die Aula.

Dennoch bleibt es sehr irdisch und praktisch: „Das Gespräch, das wir heute führen, will ich nicht durch eine längere Ansprache belasten“, nimmt Schulz sich selber in die Pflicht, um kurz darauf doch ein paar grundsätzliche Bemerkungen auf den Tisch zu packen, an dem der EU-Chef-Parlamentarier zusammen mit Nora Luffy und Henning Heister, den beiden Moderatoren der Veranstaltung am gestrigen Vormittag, Platz genommen hat. Von Anfang an bemüht sich der hochrangige Gast, ihnen die Liebe zu Europa ins Herz zu pflanzen. „Das ist Ihr Jahrhundert“, ruft er ihnen zu und schärft ihnen ein: „Sie leben in einer Welt, in der Alles mit Allem verbunden ist.“

Zur europäischen Einigung gibt es für Schulz schon darum keine Alternative. Energisch erteilt er rechten Kräften eine Absage und warnt: „Die, die davon reden, dass wir als Deutsche alles besser können, lügen.“ Im Gegenzug aber fordert der temperamentvolle Redner auch etwas Anderes ein: „Wir sollten nicht jeden, der die EU kritisiert, zum Europa-Gegner erklären.“ Denn: „Die EU ist in einem verdammt schlechten Zustand.“ So viel Ehrlichkeit muss sein.

Und mit Blick auf die Spuren, die Nationalismus und Krieg in und um Deutschland hinterlassen haben, warnt Schulz: „Die Dämonen, die diesen Kontinent vernichtet und beherrscht haben, sind immer noch lebendig.“ Die Reform der EU sei ein in dieser Hinsicht konsequenter Vorgang: „Die EU muss reformiert werden – aber selbst diese EU ist immer noch besser als das Gegeneinander von Völkern.“

Dann wird es spannend, denn unter Mithilfe des Moderatoren-Duos kommt die Diskussion des Politikers mit seinen Zuhörern in Gang. Ein bunter Mix von Themen kommt aufs Tapet. Ob er sich denn die Einführung der Wahlpflicht wünsche? „Nein“, sagt Schulz und kramt nicht groß nach Worten, „ich halte nichts davon – aber es gibt eine moralische Wahlpflicht.“ Datenschutz und NSA-Abhöraffäre sind auch nicht weit. Dann wird’s provokant: „Warum kommen Länder in den Euro, die zum Scheitern verurteilt sind?“, fragt ein Schüler, der nicht lange auf eine griffige Antwort warten muss: „Der Euro ist eine der stabilsten Währungen der Welt – er hat nur ein Problem: Er wird jeden Tag schlecht geredet.“

Eine Schülerin spricht Schulz auf die Flüchtlingspolitik an. Der bezieht wiederum deutlich Position: „Ich bin für eine großzügige Immigrationspolitik“, stellt der Gesprächspartner fest und präzisiert: „Ich bin aber auch für eine Lastenverteilung unter den einzelnen Ländern. Am Schluss steht die Erkenntnis, die der EU-Profi den jungen Leuten im Goethe-Gymnasium unbedingt nahelegen will: „Europa ist nicht nur ein Problem, sondern auch eine enorme Chance.“

Während die Heranwachsenden draußen noch weiter mit Schulz zusammenstehen (und das liegt wohl mit an seinem Charisma), zeigt sich Schulleiter Decker in der Aula sehr vom Auftritt des Besuchers überzeugt und macht seinen Schülern ein dickes Kompliment:

„Das war eine sehr lebhafte Diskussion mit interessanten Fragen – zum Beispiel der, warum Europa an den Kontinent und nicht an bestimmte Werte gebunden ist.“

Kollege Pletsch sieht die Sache ähnlich pädagogisch-praktisch: „Schulwissen hinterfragen und vertiefen“– darum sei es gegangen. Angst vor großen Tieren war in der Goethe-Aula jedenfalls in keinem Augenblick zu spüren.

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