Stolberg - Gleich und doch anders: Industriedenkmal wird lange verkannt

Gleich und doch anders: Industriedenkmal wird lange verkannt

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Die historische Ellermühle entstand 1810 und beherbergte einen industriellen Spinnereibetrieb. Foto: Christian Altena
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Der Wohnkomplex, der das Viertel der ehemaligen Ellermühle heute prägt. Foto: Christian Altena

Stolberg. Im Rahmen unserer Serie „Gleich, und doch anders“, widmet sich Stadtarchivar Christian Altena der Spinnerei an der Ellermühle. Altena verweist auf den Wohnkomplex, der das Viertel der ehemaligen Ellermühle bis heute stark prägt.

1956 bis 1958 wurden die ziegelroten Baukörper erschaffen, die der Rathausstraße einen modernen Charakter verleihen sollten. Moderne Wohnungen ersetzten eine heruntergekommene Industrieruine.

Gegenüber eines der ältesten Kupferhöfe Stolbergs, der Ellermühle am Bastinsweiher, entstand nach 1810 ein industrieller Spinnereibetrieb. Als eine Wiege der deutschen Industrie bezeichnet sich Stolberg, da hier im Westen nach 1800 die ersten Anfänge der Industrialisierung gemacht wurden, die von England und Belgien kommend den Kontinent erfasste. In Münsterbusch wurden Zink- und Glashütten und eine Steinkohlenzeche eingerichtet, die Ketschenburg-Brauerei nahm 1817 ihren Betrieb auf, an der Ellermühle wurde eine Fabrik für Seidengarn errichtet. Das Phänomen Industrie mit hohem Grad an Arbeitsteilung, Mechanisierung und Nutzung von Dampfmaschinen schlug sich architektonisch in neuen Bauformen nieder.

Große Ziegelsteinbauten, vielfenstrig und mit mehr Geschossen als jeder alte Kupferhof, wurden errichtet. Hohe Schornsteine bliesen den Rauch der Dampfmaschinen in die Stolberger Atmosphäre, die immer rußiger und undurchsichtiger wurde. Nach dem ersten Besitzer Paul Offermann war die Spinnerei im Besitz regionaler, ortsfremder Unternehmen. Namhaft wurden die Besitzer der Familie Bastin im späten 19. Jahrhundert, auf die die Benennung von Stolbergs ältestem Mühlweiher des 16. Jahrhunderts zurückgeht.

Der gesamte Industriekomplex ist vor und nach dem Zweiten Weltkrieg abgebrochen worden. Spätere Generationen erkannten den Charme von modernen Wohnungen oder innovativen Unternehmen in historischer Bausubstanz. Aber der Gedanke der Industriedenkmalpflege brauchte Jahrzehnte, bis er auch nur halbwegs etabliert war.

Vor hundert Jahren dachten Bauhistoriker bereits an den Schutz von technischen Denkmälern, aber mitten in der wachsenden Innenstadt wäre kein Stolberger auf einen Erhalt der Spinnerei gekommen. Um 1925 geschlossen, übernahm die Stadtverwaltung die Liegenschaft und richtete eine Feuerwache, eine Turnhalle, Gewerbe und das Arbeitsamt ein. Wie Toni Dörflinger kürzlich zeigte, war auch das alte Gebäude des Stomp durch die modernen Wohnhäuser an der Rathausstraße in den 1920er Jahren ersetzt worden. Rund um den Bastinsweiher sollte ein neues Stadtzentrum entstehen. Die Reichsbank erhielt hier einen Bauplatz für ihre Filiale und kleine Stadtvillen entstanden am Park hinter dem Stadtgewässer. In den 1930ern beabsichtigte man, den Standort der Spinnerei für einen Rathausneubau zu nutzen, der dringend erforderlich war.

Der industrielle Komplex der Sayett-Spinnerei ist längst Vergangenheit. An sehr wenigen Stellen lässt sich heute die frühe Stolberger Industriegeschichte ablesen – mitten in der Innenstadt würde man sie vielleicht gar nicht mehr vermuten.

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