Gewerblicher Müll steckt im Stau

Von: Sarah-Lena Gombert
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Blick in die Müllverbrennungsanlage in Weisweiler: Die Lager sind voll, die Brennöfen laufen auf Hochtouren. Seit einigen Monaten wird es für private Abfallwirtschaftsunternehmen zunehmend schwieriger, Abfälle loszuwerde, die thermisch entsorgt werden müssen. Foto: S.-L. Gombert
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In der Müllverbrennungsanlage in Weisweiler wird vor allem kommunaler Abfall entsorgt. Foto: S.-L. Gombert

Stolberg. Mehrere Säcke mit Abfall sind angefallen, als der Stolberger Detlef Eisenhuth vor einigen Wochen sein Haus renoviert hat. Tapetenreste, alte Teppichböden und weitere Dinge wollte er anschließend über einen Entsorgungsbetrieb in Stolberg oder in der Region loswerden. „Aber bei allen wurde ich abgewiesen“, sagt Eisenhuth, der sich auch mit einem Leserbrief an unsere Redaktion gewandt hatte.

Er vermutet, dass auch andere Personen dieses Problem haben würden. Er vermutet richtig. „Es gibt seit einigen Monaten Engpässe an den Müllverbrennungsanlagen, und zwar bundesweit“, erklärt Arthur Koch auf Anfrage unserer Zeitung. Er ist Geschäftsführer der Käthe Koch GmbH & Co. KG.

Wie viele private Abfallwirtschaftsunternehmen in der Region kann Kochs Firma derzeit die Abfälle ihrer Kunden nur in begrenztem Umfang entgegennehmen, zumindest was das gemischte Material angeht, das verbrannt werden muss. Koch selbst kann nur gewisse Mengen an Müll lagern, bevor dieser in die MVA kommt.

Über den Müll wird verhandelt

Der entscheidende Unterschied zum Stolberger Hausmüll ist an der Stelle: Während die AWA als Betreiberin der Müllverbrennungsanlage dazu verpflichtet ist, den Müll anzunehmen, der über die Kommune abgewickelt wird, müssen gewerbliche Müllunternehmen wie Koch mit dem MVA-Betreibern verhandeln. „Und derzeit ist die Nachfrage unserer Kunden einfach höher als das Angebot der Müllverbrennungsanlagen. Es ist mehr Müll da als verbrannt werden kann“, so Koch.

Den Grund dafür sieht Koch, ebenso wie der zuständige Bundesverband Sekundärrohstoffe vor allem im Ausland: Aus Großbritannien und anderen europäischen Ländern komme immer mehr Müll, von „ungezügeltem Import“, der die Entsorgungskanäle für gewerbliche Abfälle verstopfe, ist im Branchenmagazin „Recyaktuell“ die Rede.

Auch Michael Uhr, Sprecher der AWA in Weisweiler, bestätigt die Engpässe in den Müllverbrennungsanlagen. „Wir haben hier in Weisweiler zwar keinen englischen Müll“, sagt er. Überhaupt gebe es dort weniger als fünf Prozent ausländischen Mülls. Aber dadurch, dass viele Abfälle aus dem europäischen Ausland in den Müllverbrennungsanlagen der Bundesrepublik entsorgt werden, und weil der kommunale Müll verpflichtend angenommen werden muss, haben die MVA-Betreiber kaum noch Spielraum, wenn es darum geht, Müll von gewerblichen Kunden anzunehmen.

„Wir arbeiten auf Hochtouren“, sagt Michael Uhr. Man versuche, den Anfragen der Kunden aus der Region möglichst gerecht zu werden. „Aber zurzeit kann hier keiner der regionalen Containerdienste so viel abgeben, wie er gerne möchte“, sagt MVA-Sprecher Uhr.

Dieses Problem hat auch Arthur Koch mit seinem Stolberger Unternehmen. Nicht nur an der Müllverbrennungsanlage in Weisweiler fragen die Kupferstädter regelmäßig nach freien Kontingenten. „Wir fahren mittlerweile bis zu 250 Kilometer weit, um das gemischte Material thermisch verwerten zu können“, sagt Koch. „Doch die Kapazitätsgrenzen der MVAs in Deutschland sind zu großen Teilen ausgeschöpft.“

Neben Metallen, Grünabfällen, Bauschutt oder Sonderabfällen – diese Bereiche laufen weiterhin ganz normal – bildet der gemischte Abfall einen wichtigen Bereich des Stolberger Unternehmens, das 30 Mitarbeiter in der Kupferstadt beschäftigt. Seine Kunden sind vor allem regionale Unternehmen aus dem Baugewerbe oder Handwerk. „Wenn unser Lager voll ist, dann können wir keinen gemischten Müll mehr annehmen“, sagt Koch.

Wartungsarbeiten sind nötig

Das gilt auch für Weisweiler, wo jährlich rund 360.000 Tonnen Abfall verbrannt werden können. Viele Lkw-Ladungen unterschiedlichsten Mülls werden hier tagtäglich angeliefert. Kaum ein Tag vergeht in den letzten Wochen, in denen der große Müllbunker nicht voll ist. Weil die MVA-Angestellten darauf achten müssen, dass der Müll beim Verbrennen gewisse Temperaturen nicht überschreitet, kann aber nur streng dosiert verbrannt werden.

Dennoch das permanente Verbrennen von Müll macht der Weisweiler Anlage zu schaffen, das Material verschleißt. So musste Ende des Monats September eine von drei Linien für Wartungsarbeiten gestoppt werden.

Die veränderte Nachfrage auf dem Müllmarkt macht sich natürlich auch beim Preis bemerkbar: „Für gewerblichen Müll muss man mittlerweile mehr zahlen. Die Preise haben seit einem Jahr angezogen“, sagt Michael Uhr. Bis vor kurzem sei es für die Unternehmen ein Leichtes gewesen, sich die preisgünstigste Müllverbrennungsanlage auszusuchen. Da sei auch der ein oder andere Unternehmer aus der Region an Weisweiler vorbeigefahren, weil die Preise anderswo attraktiver gewesen seien.

Jetzt müsse man überall deutlich tiefer in die Tasche greifen. Dennoch sei es für die Betreiber von Müllverbrennungsanlage n momentan keine wirtschaftlich interessante Option, neue Anlagen zu bauen oder die alten zu vergrößern. Der Markt sei schwankend, und die Situation kann sich schnell wieder ändern. „Wer weiß, was mit dem britischen Müll nach dem Austritt aus der Europäischen Union passiert?“, fragt Uhr.

Mehr wilder Müll in Stolberg

Dass die Engpässe an den Müllverbrennungsanlagen nicht nur Abfallwirtschaftsbetrieben Probleme bereiten, sondern auch wieder mehr wilder Müll in der Region auftaucht, bestätigt auch das Technische Betriebsamt der Stadt Stolberg mit Sitz an der Industriestraße. Vier städtische Kolonnen sind täglich unterwegs, um Müll nicht nur aus öffentlichen Abfalleimern, sondern auch der Böschung einzusammeln.

„Kein Wunder, wenn man immer mehr Müll und Unrat in Straßengräben findet“, kommentiert unser Leser Detlef Eisenhuth. Mit wildem Müll in Stolberg werden wir uns in einer unserer nächsten Ausgaben ausführlich befassen.

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