Gewaltige Herausforderungen: Wasser und Wald, Wege und Wartezeiten

Von: Robert Flader
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Fast wie eine Draisine: Das mo
Fast wie eine Draisine: Das mobile Schienentransportgerät dient als Materialwagen, wenn die Stolberger Feuerwehr um Oliver Grendel (r.) und Jens Müllejans in schwierigem Gelände unterwegs ist. Foto: R. Flader

Stolberg. Zunächst die positive Nachricht: Es gab keine Verletzten, und auch der Sachschaden hielt sich in Grenzen. Als am vergangenen Sonntag ein ausgewachsener Waldbrand in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof wütete, konnte die Feuerwehr durch einen Großeinsatz in kürzester Zeit Schlimmeres verhindern, wie Karl Wenn auch eine knappe Woche nach dem spektakulären Vorfall noch erleichtert zugibt.

Die Einsatzkräfte hatten im wahrsten Sinne Schwerstarbeit zu verrichten, und das hatte nicht nur damit zu tun, dass das Feuer im Wald ein „relativ großer Flächenbrand” war, wie Wenn, Leiter der Stolberger Feuerwache, sagt. Denn die Voraussetzungen rund um den Hauptbahnhof und den angrenzenden Probsteier Wald, unter denen die Feuerwehr im Notfall problemlos ihrer Arbeit nachgehen und Gefahrenherde unter Kontrolle bringen kann, sind mit einem Wort zu umschreiben: mangelhaft.

Problem Nummer 1: das Löschwasser. Bereits am vergangenen Sonntag, als um kurz vor 13 Uhr der Brand, der vermutlich durch den Funkenflug einer defekten Bremse eines Güterzuges ausgelöst wurde, auf der Hauptwache gemeldet wurde, beklagte Stadtbrandinspektor Toni Sturz die Gegebenheiten vor Ort und sagte: „In der Nähe der Einsatzstelle gibt es keinen Hydranten, das Wasser musste also mit Hilfe von Löschfahrzeugen herbeigeschafft werden.” Dies sei grundsätzlich zwar kein Problem, erschwere aber die Arbeit der Feuerwehr ungemein, sagt nun auch Karl Wenn: „Um die Wasserversorgung ist es nicht optimal bestellt rund um den Hauptbahnhof.”

Was in diesem Bereich fehlt: Löschwasserleitungen und -unterführungen. So musste am Sonntag etwa das Löschwasser, immerhin rund 10 000 Liter, mit Fahrzeugen, die im „Pendelverkehr” (Wenn) unterwegs waren, Richtung Hauptbahnhof gebracht werden. Besserung ist hier nicht in Sicht, die fehlenden (Trinkwasser-)Leitungen unterhalb des Stellwerks können nicht en passant verlegt werden. Somit gibt es auch keine Hydranten. Löschwasser muss also weiterhin aus den Einsatzfahrzeugen geholt werden und über zum Teil mehrere hundert Meter lange Schläuche bis zum tatsächlichen Einsatzort gepumpt werden. Wenn: „Im Wald können wir Schlauchleitungen von bis zu vier Kilometern, verlegen die durch Pumpen angetrieben werden.”

Problem Nummer 2: die Erreichbarkeit. „Die Gleise am Hauptbahnhof sind vom Stadtgebiet aus nur schwer zu erreichen”, sagt der Wachleiter. Die Rhenaniastraße endet am Hauptbahnhof, die Probsteistraße am Schotterwerk. Und auf jenem Schotter geht es für die Einsatzkräfte im Fall der Fälle dann weiter - zu Fuß. Eine Anbindung beispielsweise über Camp Astrid ist nicht ohne weiteres möglich. Wenn: „Das sind Forstwege, die wir mit unseren schweren Fahrzeugen nicht benutzen können.” Das zuständige Forstamt reagiere nicht auf entsprechende Bitten der Feuerwehr. „Es heißt immer, man kümmere sich darum, aber dann passiert weiter nichts.” Mehrmals sei die Feuerwehr mit ihrer Bitte vorstellig geworden - ohne Erfolg.

Die Folge: Die Wehrleute müssen sich im Probsteier Wald beim Einsatz durch schwieriges Gelände kämpfen und Zäune aufschneiden. Eine optimale Voraussetzung für einen Rettungseinsatz sei das nicht. Beim Brand am Wochenende konnte die Feuerwehr das Feuer so nur von einer Seite aus bekämpfen. Die Hanglage tat ihr Übriges, um die Löscharbeiten zu erschweren.

Mit einem draisine-ähnlichen mobilen Schienentransportgerät können immerhin schwere Materialien kinderleicht von zwei Wehrleuten per Hand über die Gleise gesteuert werden, auch am Sonntag war es im Einsatz.

Die Eschweiler Wehrleute haben es da im Vergleich zu ihren Stolberger Kollegen um einiges einfacher, die Gleisstücke sind vom Gebiet der Nachbarstadt aus schneller zu erreichen. Hinzu kommt: Die schlechte Stolberger „Infrastruktur” erstreckt sich auch über den benachbarten Würselener Wald Richtung Saubach, „dieser Bereich ist schwer zu befahren, weil das Sumpfgebiet dort ein zusätzliches Hindernis darstellt.” Erst an Gut Schwarzenbruch endet der Zuständigkeitsbereich der Stolberger Feuerwehr.

Problem Nummer 3: die elektrifizierten Oberleitungen. Es liegt natürlich in der Natur der Sache, das dort, wo Gleise sind, auch Oberleitungen ihre Arbeit verrichten, vor allem rund um einen Bahnhof. Leichter wird die Arbeit der Einsatzkräfte durch diesen Umstand allerdings nicht. Wenn: „Es kann bis zu 40 Minuten dauern, bis die Leitungen abgeschaltet und geerdet sind und der eigentliche Einsatz vor Ort beginnen kann.” Deshalb mussten die rund 60 Einsatzkräfte, die vergangenen Sonntag vor Ort waren, zunächst warten, bis sie ihr schweres Gerät über die Bahngleise Richtung Wald schleppen konnten.

Problem Nummer 4: der Schienenverkehr. Ein Feuer ist da, wo auch Funken fliegen, nie auszuschließen. Doch die mehrstündige Unterbrechung aufgrund aufwendiger Rettungsarbeiten ist nicht nur für Bahnhof und Reisende ärgerlich, sondern auch für den Güterverkehr. Stolberg ist (mit Aachen) vielleicht das Drehkreuz internationaler Fracht aus Belgien und den Niederlanden in Richtung Rheinland. „Wir haben es hier mit einem zentralen Punkt für Regional- und Bundesbahn zu tun”, sagt auch Stolbergs Wachleiter Karl Wenn.

Und was sagt die Bahn? „Sicherheit im Schienenverkehr ist ein sensibles Thema, an dem man sich leicht die Finger verbrennen kann”, geht Dirk Pohlmann, NRW-Sprecher der Deutschen Bahn (DB) in die Defensive. „Da kann man leicht aufs falsche Gleis geraten.” Grundsätzlich sei die jeweilige kommunale Feuerwehr „zuständig für Gefahrenabwehr”, wie es im DB-Themendienst „Grundsätze der Zusammenarbeit von Feuerwehren, Hilfsorganisationen und der Deutschen Bahn AG” heißt. Die eigene Erdung der Oberleitungen sei für Feuerwehren „nur im Ausnahmefall und bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen” vorgesehen, heißt es in der Vorlage.

Für die Stolberger Gegebenheiten sei die Bahn ohnehin nicht zuständig, heißt es aus der Düsseldorfer NRW-Zentrale. Dennoch wolle man weiter intensiv in die Sicherheit investieren, „mit allen Partnern, die hierfür notwendig sind.”

In Stolberg allerdings stehen diese nach wie vor alleine vor den teils gewaltigen Herausforderungen und Hindernissen. Siehe letzten Sonntag.
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