Stolberg - Gesundheitswochen: Kita und Jugendamt setzen auf Prävention

Gesundheitswochen: Kita und Jugendamt setzen auf Prävention

Von: Lukas Franzen
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Gesundes Frühstück ist wichtig: Sebastian Heyn, Nina Grüttemeier, Waltraud Röwer, Christa Haupts und Gaby Herrmann (v.l.) haben die Gesundheitswochen in der Kita Franziskusstraße konzipiert. Foto: L. Franzen

Stolberg. Das Wohl eines Kindes ist meistens nicht plötzlich gefährdet. Anzeichen dafür, dass es an einem gesunden Aufwachsen gehindert wird, kristallisieren sich schon früh heraus. Die Frühen Hilfen des Jugendamts wollen in diese Entwicklung eingreifen. Aktiv werden, bevor es zum Ernstfall kommt, lautet ihr Prinzip.

„Das Jugendamt hat neben seiner Wächterfunktion auch eine präventive Aufgabe zu erfüllen“, sagt Gaby Herrmann, Sozialpädagogin und Erzieherin in der Kindertagesstätte Franziskusstraße, deren Einrichtung jetzt ein gemeinsames Projekt mit den Frühen Hilfen initiiert hat: die Gesundheitswochen.

12 Tage lang möchte die integrative Kita, die sich auch Familienzentrum nennt, in Kooperation mit den Frühen Hilfen Eltern und Kinder für Gesundheitsthemen sensibilisieren. Zwischen dem 10. und 21. November stehen zum Beispiel Themen wie gesunde Ernährung, Entspannung und Zahnpflege auf dem Programm. Aber auch Termine, die auf den ersten Blick nicht direkt mit dem Thema Gesundheit in Verbindung stehen, wurden unter dem Motto „spielend gesund und stark“ zusammengefasst.

So konnte das Familienzentrum zum Beispiel die Kinderbuchautorin Sigrid Zeevaert für eine Vorlesestunde gewinnen. Ebenso stehen gemeinsames Singen und Musizieren, „Raufen und Ringen“, Tanzen und Brotbacken auf dem vielseitigen Terminplan. „Es geht nicht nur um körperliche, sondern eben auch um psychische und seelische Gesundheit“, sagt Erzieherin Gaby Herrmann und erklärt damit, warum die Gesundheitswochen derart breitgefächert konzipiert wurden.

Gleichzeitig wird mit dem Angebot das Rad nicht neu erfunden, denn Gesundheitsförderung sei bereits jetzt Alltag für die rund 30 Mitarbeiter der Kita, wie Leiterin Christa Haupts betont. Neu sei jedoch, dass die Eltern noch stärker „mit ins Boot“ geholt würden als zuvor. Sechs Termine sind deswegen reine Elternveranstaltungen zu Themen wie Medienkonsum, gesundem, preiswertem Kochen oder Sprachentwicklung. „Wann muss ein Kind was können?“, fragt Nina Grüttemeier, Physiotherapeutin am Familienzentrum und Teil des „multiprofessionellen Teams“, das für die Gesundheitswochen zusammengestellt wurde. Die Antwort liefert sie gleich mit: „Viele Eltern wissen das heute nicht mehr. Sie haben die Basics verlernt.“

In besonderem Maße gelte dies für das Familienzentrum – ein Spiegelbild der Probleme und Herausforderungen in der Velau. In dem Ortsteil leben überdurchschnittlich viele ökonomisch schwache Menschen, darunter viele mit ausländischen Wurzeln. Folglich haben 80 Prozent aller Kinder, die in dem Familienzentrum angemeldet sind, einen Migrationshintergrund. 26 von 100 Kindern zwischen zwei und sechs Jahren sind als Kinder mit „besonderem Förderbedarf“ eingestuft, wobei diese Zahl über den wesentlich höheren Förderbedarf hinwegtäusche, sagt Christa Haupts. „Armut ist hier ein großes Thema.“

Stigmatisieren will die Kita-Leiterin allerdings niemanden. „Wir unterstellen den Eltern niemals, dass sie nicht das Beste für ihre Kinder wollen. Aber die Lebensumstände geben das leider nicht immer her.“ Nicht kontrollieren, sondern „alltagsorientierte und niederschwellige Hilfe“ anbieten, das wollen auch Sebastian Heyn, Leiter der sozialpädagogischen Sonderdienste der Stadt und Waltraud Röwer, Netzwerkkoordinatorin der Frühen Hilfen. „Wer an das Jugendamt denkt, meint automatisch: Die wollen mir mein Kind wegnehmen. Diese Hemmschwelle wollen wir abbauen“, sagt Sebastian Heyn und seine Kollegin Waltraud Röwer fügt hinzu: „Das geht am besten in einem Umfeld, wo sich Kinder und Eltern wohlfühlen, also im eigenen Stadtteil oder, noch besser, in der eigenen Kita.“

Einig sind sich die Initiatoren der Gesundheitswochen auch bei der Frage, ob der Schulterschluss zwischen Kitas und Frühen Hilfen Modellcharakter für andere Einrichtungen haben kann. „Der Bedarf ist groß“, sagt Leiterin Christa Haupts. In abgewandelter Form sei das neue Präventions- und Aufklärungsangebot auch und gerade in anderen Kitas möglich. Denn: „Kitas sind Seismographen für die gesellschaftliche Entwicklung. Wenn etwas verkehrt läuft, merken wir es zuerst.“

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