Gesucht: Eine Mehrheit für die Gesamtschule

Von: Kolja Linden
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Gesamtschule hin oder her: Den Bestand der Realschule Mausbach wollen Schulpolitiker derzeit nicht gefährden. Foto: Michael Grobusch

Stolberg. Noch sucht man in Stolberg vergeblich nach einer Gesamtschule, und noch steht eine solche auch nicht auf der politischen Agenda. Noch. Denn in das Thema ist wieder Bewegung gekommen.

Seitdem feststeht, dass alleine in Nordrhein-Westfalen für das kommende Schuljahr 15.000 Kinder an Gesamtschulen abgewiesen werden mussten, weil nicht genügend Plätze vorhanden waren, und seit aus dem Schulministerium verlautbart wurde, das neue Gesamtschulen grundsätzlich genehmigungsfähig seien, wird in vielen Kommunen über die Einrichtung neuer oder zusätzlicher Gesamtschulen wieder intensiver nachgedacht.

Die Nachricht dieser Woche kam aus Aachen. Dort hat sich eine breite politische Mehrheit auf die Einrichtung einer neuen Gesamtschule ab dem Schuljahr 2010/11 geeinigt.

Es wäre die vierte in der Kaiserstadt. Grund ist, dass alleine in Aachen 250 kommende Fünftklässler an den drei Gesamtschulen abgewiesen werden mussten, von denen eine, die Gesamtschule Brand, auch das Ziel vieler Stolberger Schüler ist.

Dass auf Seiten der Befürworter in Aachen nun auch die CDU-Fraktion steht - deren Zustimmung kam einstimmig - darf man gerne als Sensation bezeichnen.

Die Stolberger Christdemokraten sind da wesentlich zurückhaltender als die Parteifreunde aus Aachen. „Wir haben im vergangenen Jahr ein klares Bekenntnis abgegeben”, sagt der schulpolitische Sprecher der Stolberger CDU, Ludwig Hahn, dass man das dreigliedrige Schulsystem behalten wolle.

Das jetzige Angebot in Stolberg sei völlig ausreichend, zumal auch noch der Ganztag massiv ausgebaut würde: „Optimaler kann es gar nicht sein”, sagt Hahn deshalb und erinnert auch noch einmal an die jüngsten Anmeldezahlen, nach denen sich auch die Realschule Mausbach wieder erholt hat.

Gerade in diese Schule hätte man investiert, um die bestehende Schullandschaft zu erhalten, die sich in Stolberg bewährt habe. „Eine andere Schulform würde das Gesamtspektrum gefährden”, führt Hahn aus.

In Aachen ist es nämlich so, dass die geplante Gesamtschule nicht zusätzlich, sondern auf Kosten dreier bestehender Schulen errichtet wird.

Ein Gymnasium, eine Realschule und eine Hauptschule sollen der neuen Gesamtschule weichen, sehr zum Unwillen von deren Rektoren. Und Ludwig Hahn sieht in Stolberg bereits gezahlte Fördergelder in Gefahr, wenn andere Schulen zugunsten einer Gesamtschule geschlossen würden.

„Wir haben in die Realschule Mausbach investiert, in das Goethe, das Ritze, die Kogelshäuserschule”, zählt der CDU-Schulpolitiker auf. Die Fördergelder des Landes dafür seien unter dem Siegel der Nachhaltigkeit gewährt worden. „Wenn eine dieser Schulen dicht gemacht würde, dann wären in jedem Fall Fördergelder zurückzuzahlen”, sagt Hahn.

Doch von Dichtmachen könne gar keine Rede sein, heißt es bei der SPD, die ein klares Bekenntnis pro Gesamtschule in ihr kommunalpolitisches Programm für die kommende Legislaturperiode geschrieben hat - und zwar nicht zu Lasten anderer Schulen.

„Es ist doch so, dass jedes Jahr rund 140 Stolberger Kinder in anderen Städten beschult werden”, sagt der Fraktionsvorsitzende der SPD, Dieter Wolf. „Ganz abgesehen von denen, die woanders abgewiesen werden.”

Die SPD beabsichtigt deshalb, nach der Wahl eine Bedarfsfeststellung durch die Verwaltung zu beauftragen. Sollte diese ergeben, das ein ausreichender Bedarf vorhanden ist - „wovon wir ausgehen”, so Wolf - dann werde man versuchen, eine Mehrheit für eine Gesamtschule zu finden.

Und zwar als Alternative zusätzlich zu den bestehenden. „Wir stehen für Pluralität”, so Wolf, der keinen Anlass für eine Diskussion darüber sieht, ob diese Gesamtschule zu Lasten anderer entstünde.

Anders als in Aachen müsste eine Mehrheit für die Gesamtschule dann ohne die CDU gesucht werden, aber vielleicht mit dem aktuellen Koalitionspartner FDP.

Deren Fraktionsvorsitzender hat nach eigenen Angaben nämlich kein Problem mit der Gesamtschule - zumindest kein ideologisches. Bernd Engelhardt sieht vielmehr monetäre Gründe, die gegen eine zusätzliche Gesamtschule in Stolberg sprächen.

„Für eine neue Schule haben wir nicht die finanziellen Möglichkeiten”, so Engelhardt, der mit Kosten in Höhe von 30 bis 40 Millionen Euro rechnet, da er keine geeigneten Gebäude in städtischem Besitz sieht, die für eine neue Schule nutzbar wären.

„Das ist utopisch, denn die Landesregierung wird da ganz sicher nichts beisteuern.” Und das, so Engelhardt, hat wohl wieder ideologische Gründe.

Zwar zieht bald die Gutenbergschule zum Rhein-Nassau-Weg, doch deren alte Räume auf der Liester wären für eine Gesamtschule viel zu klein.

Zählen können Gesamtschulbefürworter ganz sicher auf die Grünen. „Wir waren die Initiatoren und haben das am vehementesten gefordert”, sagt Katharina Hirtz, dass es den Grünen am liebsten gewesen wäre, man hätte das Thema schon in dieser Legislaturperiode auf die Agenda gesetzt.

Die schulpolitische Sprecherin der Grünen will damit den Elternwillen erfüllen: „Das hat nicht nur mit dem Ganztag zu tun, sondern auch mit dem Abitur in 13 Jahren und den Empfehlungen der Grundschule. Die Eltern wollen einfach alle Möglichkeiten ausschöpfen, und das bietet die Gesamtschule.”

Nicht auf einer Linie mit der SPD sind die Grünen aber in einem anderen Punkt: Eine Gesamtschule könne nur auf Kosten anderer Schulen eingerichtet werden, sagt Hirtz. Vor allem, weil die Gesamtzahl der Schüler in den kommenden Jahren schrumpfen wird: „Das will keiner gerne aussprechen, aber es ist einfach so.”

Und eines ist sicher: Das Thema wird die Politik in Stolberg weiter beschäftigen, der kommende Wahlkampf lässt grüßen.
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