Gehölzbeschnitt: Pyramide, schlanke Spindel oder Trichter?

Von: Dirk Müller
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Dass der Obstbaumschnitt eine Wissenschaft für sich ist, haben die Kursteilnehmer schon im theoretischen Teil erfahren. Auf der Streuobstwiese der Biologischen Station erklimmt Herbert Theißen eine Leiter, um die Gehölzpflege „am lebenden Objekt“ zu veranschaulichen. Foto: D. Müller
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Der Diplom-Biologe Theißen zeigt den interessierten Kursteilnehmern mögliche Schnittstellen an einem Ast.

Stolberg. In dem voll ausgelasteten Tagungsraum bietet sich ein ungewöhnliches Bild: Die Teilnehmer sitzen mit derber Allwetterkleidung und festem Schuhwerk – vornehmlich Gummistiefeln – in der Runde und warten auf den Beginn des Vortrags. Doch ihre Ausstaffierung ist begründet, denn sie warten auch auf den praktischen Teil des Kurses, der sie direkt auf eine Streuobstwiese führen wird.

Zuvor vermittelt Diplom-Biologe Herbert Theißen von der Biologischen Station der Städteregion Aachen an der Zweifaller Straße in Stolberg die theoretischen Grundlagen für den erfolgreichen Erziehungsschnitt an Obstgehölzen.

Der in Zusammenarbeit von Biologischer Station, Landschaftsverband Rheinland und den Volkshochschulen Stolberg, Eschweiler und Nordkreis angebotene Obstgehölzpflege-Kurs richtet sich an Besitzer von Streuobstwiesen und hochstämmigen Obstbäumen und ist eigentlich für Fortgeschrittene gedacht. Auf Theißens Nachfrage aber sehen sich nur zwei der 23 Teilnehmer als fortgeschritten in der Obstbaumpflege, die übrigen sind eher unsicher ob des eigenen Kenntnisstands. Kein Problem für Theißen, der die Informationen auch für Einsteiger plausibel vermittelt. „Der Baum gibt ohne Pflege bald den Löffel ab“, erklärt der Biologe, dass Obstbäume in den ersten acht bis zehn Jahren regelmäßig Erziehungs- und Pflegeschnitte benötigen.

Bei fachgerechter Pflege allerdings sei das Lebensalter der Bäume mit dem der Menschen zu vergleichen: „Ein hochstämmiger Obstbaum erreicht ein Alter von 70 bis 80 Jahren.“ Theißen schickt voraus, dass Streuobstwiesen zwar vom Menschen geschaffen, aber prägende Elemente unserer Kulturlandschaft seien: „Obstwiesen können bis zu 5500 unterschiedliche Tier- und Pflanzenarten beherbergen; darunter viele, die leider inzwischen selten geworden sind. Sie gehören zu den artenreichsten Lebensräumen, und das ist der eigentliche Grund, warum die Biologische Station sich so intensiv um den Schutz der Streuobstwiesen kümmert.“

Der Obstbaumbesitzer solle sich zunächst über sein „Schnittziel“ klar werden, da dieses entscheide, wie man die Krone am besten erzieht. Plantagenbetreiber, die auf höchste Erträge setzen, wählen meist die „schlanke Spindel“, Theißen hingegen rät den Kursteilnehmern zur „Pyramidenkrone“: „Die auf dem Kopf stehende Pyramidenform der Krone aus der durchgehenden Stammverlängerung und drei Seitenästen entspricht dem natürlichen Wachstum.“ Der Baum werde langlebig und schön, biete regelmäßige und langfristige Erträge sowie Lebensraum für andere Arten. Lediglich die in unserer Region eher selten kultivierten Aprikosen-, Pfirsich- und Nektarinengewächse seien so sonnenhungrig, dass sie mit trichterförmigen Hohlkronen besser bedient seien.

Der Pflegeschnitt bei Kirsche und Walnuss sollte auch bei Jungbäumen ausschließlich im Sommer erfolgen, betont der Biologe, und auch für andere Obstbaumarten im Ertrag empfehle sich der Sommerschnitt. „Das ist aber nichts für junge Apfel-, Birnen- oder Pflaumenbäume, deren Wachstum durch den Sommerschnitt gebremst würde.“ Diese Obstgehölze sollten rund zehn Jahre lang im Winter geschnitten werden. „Februar und März sind dafür die besten Monate, da die durch den Erziehungsschnitt entstandenen Wunden des Baumes dann schnell heilen“, sagt Theißen. Die Außentemperatur sollte während des Schnitts nicht unter minus sechs Grad Celsius liegen. „Danach kann es auch kälter sein, denn Frostschäden am Baum sind so gut wie auszuschließen.“

Der Biologe widmet sich im theoretischen Teil noch kurz den Grundprinzipien des Beerenschnitts, dann macht die Gruppe sich auf den Weg zu der Streuobstwiese der Biologischen Station. Die Kursteilnehmer kommen aus der Städteregion, Düren und Belgien. Horst Weber ist eigens aus Bergheim angereist, doch die 60 Kilometer lange Anfahrt habe sich gelohnt: „Der Vortrag war hoch interessant, und ich habe viele neue Erkenntnisse gewonnen“, sagt der Besitzer einer Obstwiese mit mehr als 40 Bäumen schon bevor Theißen „am lebenden Objekt“ zu Werke geht. An den Jungbäumen demonstriert Theißen den leicht schrägen Schnitt genau so weit über der Knospe, dass hinter dieser noch Rinde steht. Er zeigt die Vorzüge der Arbeit mit einer Teleskopschere auf und beginnt einen zweijährigen Baum auf „Saftwaage“ zu schneiden, bevor auch die Kursteilnehmer Gelegenheit bekommen, die Theorie in der Praxis umzusetzen.

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