Stolberg - „Ge‘ma oder ge‘ma nicht“ im Zug mit?

„Ge‘ma oder ge‘ma nicht“ im Zug mit?

Von: Dirk Müller
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Karneval wird zunehmend eine Frage des Geldes: Verschärfte Sicherheitsauflagen und steigende Gebühren für Gema & Co. sorgen bei den Organisatoren in Stolberg für wachsende Verärgerung. Das Stolberger Karnevalskomitee erhebt nun erstmals bei den Rosenmontagszugs-Teilnehmern einen Kostenbeitrag. Foto: D. Müller

Stolberg. Vielen Karnevalisten verschlägt es schnell Heiterkeit und Frohsinn, wenn es um den neuen Gema-Tarif geht. Sie befürchten, dass in Zukunft jeder „Larida-Marsch“ teurer werden könnte. Insbesondere für Top-Veranstaltungen, also die großen Karnevalssitzungen, macht das Schreckgespenst von einer Gebührenerhöhung um mehrere hundert Prozent die Runde, und manchem Narr fällt vor Zorn die Pappnas‘ aus dem Gesicht.

Doch erst einmal können die Jecken aufatmen und befreit weiterschunkeln, denn für die Kritiker des inkassobezogenen Tarifmodells (Inka) gibt es eine gute Nachricht:

„Da sich die Schiedsstelle des Deutschen Patent- und Markenamtes sich derzeit noch mit dem geplanten Tarif befasst, haben wir beschlossen, den Ausgang des Schiedsverfahrens abzuwarten“, erklärt Ursula Goebel, Marketing-Direktorin bei der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, „dass in 2013 noch kein neues Tarifsystem für Karnevalisten zu etabliert wird“.

Hoffen auf Schiedsspruch

Für die aktiven Jecken bedeutet dies, dass nicht wie bisher geplant ab dem 1. April ein neuer Tarif gilt, sondern im gesamten laufenden Jahr – also auch bei Sessionseröffnungen und Proklamationen im November 2013 – fast alles beim Alten bleibt. „Karnevalistische Vereinigungen zahlen die Gebühren wie im Vorjahr, allerdings mit einer fünfprozentigen Erhöhung in diesem Jahr. Für Vereine, die dem Bund Deutscher Karneval angeschlossen sind, tritt diese Erhöhung aber erst ab dem 1. April in Kraft“, führt Goebel aus.

Zu den Narren, die den Aufschub des nun frühestens am 1. Januar 2014 für sie geltenden Inka-Tarifs erleichtert begrüßen, gehört auch Michael Bartz. Der Vizepräsident des Stolberger Karnevalskomitees setzt große Hoffnungen auf das Schiedsverfahren, denn das designierte Tarifmodell auf Karnevalsveranstaltungen anzuwenden, hält er für unlogisch und ungerecht, sieht darin gar eine Gefährdung des rheinischen Brauchtums.

„Brauchtum ist in Gefahr“

Der Inka-Tarif soll sich künftig aus der Größe des Veranstaltungsraums beziehungsweise der Anzahl der Gäste und dem Eintrittspreis errechnen; hier sieht Bartz Karnevalssitzungen außen vor: „Eine klassische Sitzung besteht zu großen Teilen aus Reden und Tänzen, bei denen die Musik nur eine untergeordnete Rolle spielt.“ Der tatsächliche Anteil von Musik an einer Sitzung liege vielleicht bei rund 30 Prozent, daher dürfe auch nur ein Drittel des Eintrittspreises in die Tarifberechnung mit einfließen. Neben seiner logischen Argumentation betont er den Punkt „Gerechtigkeit“, denn: „Vereine richten ihre Veranstaltungen nicht gewinnorientiert aus.“ Faktisch zahlen die meisten Stolberger Karnevalsgesellschaften bei ihren großen Sitzungen drauf, die Kosten für Künstler, Gema und Versicherungen werden durch die Eintrittsgelder nicht gedeckt. Das sagt Bartz. Wenn wirklich einmal ein Überschuss nach der Sitzung entstehe, fließe dieser in die Vereinskasse und werde zum Beispiel für die Jugendarbeit verwendet. Besonders kleinere Vereine würden bei Umsetzung des Inka-Tarifs bald keine Sitzungen mehr veranstalten können, und ein Teil der Tradition würde sterben.

„Schon die jetzigen Gebühren für die Nutzung von Musik belasten die Vereine stark. Das Stolberger Karnevalskomitee kann zum Beispiel die Kosten des Rosenmontagszuges nicht mehr aus eigener Kraft stemmen und muss erstmals die Zugteilnehmer daran beteiligen.“ Musikgruppen wollen bezahlt werden, Sicherheitsvorschriften würden mehr Streckenposten nötig machen, die Haftpflichtversicherung werde immer teurer und die Gebühren an die Gema und die GVL , die als Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten Geld an die Musiker ausschüttet, seien zu entrichten, damit der närrische Lindwurm ziehen kann.

Vorab zahlt etwa eine KG mit Tanzgarde und Mariechen jährlich rund 342 Euro an die Gema (inkl. 7 Prozent Umsatzsteuer) für Musiknutzung, BDK-Gesellschaften erhalten 20 Prozent Rabatt. Hinzu kommen Gebühren für die ausgerichteten Veranstaltungen. Diese können je nach Saalgröße und Eintrittspreis auch derzeit bereits mehrere hundert Euro ausmachen. „Grundsätzlich habe ich Verständnis dafür, dass Gema und GVL Gebühren erheben und Geld an Komponisten, Textdichter und Musiker ausschütten“, sagt Bartz, der als Vizepräsident des Komitees sowohl Karnevalist, wie auch selbst Urheber und Gema-Mitglied ist. Er schrieb unter anderem die Musik und den Text zum aktuellen Prinzenlied „Ne Jung us dieser Stadt“ von Daniel I. (Heinrichs).

„Natürlich sollen diejenigen, die mit der Musik, die andere produziert haben, Geld verdienen, die Künstler für ihre erbrachte Leistung angemessen beteiligen“, meint Bartz; „aber Karnevalsvereine bereichern sich halt nicht daran, wenn sie Musik spielen oder aufführen“.

Außerdem bemängelt er das Verteilungssystem der Gema: „Es sind in erster Linie die Besserverdienenden der Musikbranche, die von den Ausschüttungen profitieren. Kleinere Künstler, die regional arbeiten, bekommen dagegen sehr wenig von der Gema“, beschreibt Bartz. Für sein eigenes 2010er Prinzenlied „Wir feiern mit der ganzen Welt“, bei dem er als Komponist, Texter, Produzent und Interpret fungierte, habe er Gema-Ausschüttung im lediglich zweistelligen Bereich erhalten.

Um größere Summen geht es wohl, wenn Bartz und Komitee-Präsident Josef Behlau am Rosenmontag die Hand aufhalten und bei den Zugteilnehmern kassieren. Freude an der Finanzspritze von den Jecken werden sie allerdings nicht lange haben, denn sind die Kosten für Musikgruppen, Versicherung und die Streckenposten beglichen, folgt der nächste Takt im Karnevals-Kosten-Lied und Gema- und GVL-Gebühren müssen berappt werden.

Derzeit zahlt das Komitee an die Gema pro Standort bzw. Gruppe: für festinstallierte Lautsprecher 13,90 Euro, für mobile Lautsprecher 16,80 Euro. Hinzu kommen 20 Prozent Gebühr für die GVL plus Umsatzsteuer, so dass 17,85 Euro für installierte und 21,57 Euro für mobile Lautsprecher zu entrichten sind. Auch für die Livemusik beim Umzug muss das Komitee Gema-Gebühren zahlen: Für teilnehmende Musikgruppen beträgt der Satz inklusive Umsatzsteuer 28,14 Euro je Ensemble. Ausnahme bilden Spielmannszüge sowie Trommler- und Pfeiferkorps, für die „wegen des eingeschränkteren Repertoires“ nur 14,12 Euro entrichtet werden müssen.

Angesichts dieser Kosten hofft das Komitee, dass die Jecken sich nicht fragen, „ge‘ma oder ge‘ma nicht im Rosenmontagszug mit?“

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