Für die Hochzeit hat der Pfarrer keine Zeit

Von: Heike Eisenmenger
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Für viele Menschen der schön
Für viele Menschen der schönste Tag im Leben - die Hochzeit in Weiß in der Kirche: Das Paar auf unserem Bild hatte Glück, es hat seinen Wunschtermin für die Hochzeit in der St. Barbara-Kirche in Breinig realisieren können. Foto: Heike Eisenmenger

Stolberg. Pfarrer Ulrich Lühring ist ein Mann, der fast immer einen Ausweg kennt. Aber wie er das Problem, das sich jetzt vor ihm auftürmt, lösen soll, weiß der katholische Seelsorger in Stolberg-Dorff nicht: Lühring kommt kaum noch mit den Hochzeiten und Beerdigungen in seinen beiden Gemeinden nach.

Dabei sind das nur zwei Bereiche, die von Priestermangel und Bistums-Sparkurs betroffen sind, aber es sind besonders sensible Bereiche. „Die Eheschließung ist ein heiliges Sakrament”, sagt Lühring.

Dieses Jahr musste er bereits drei heiratswilligen Paaren absagen. „Es werden erst der Saal, das Catering und die Musikkapelle gebucht. Erst wenn alles festgezurrt ist, wird beim Pfarrer angerufen - damit ist der Ärger programmiert”, sagt Lühring, denn sein Terminkalender ist voll.

Zu wenig „Bodenpersonal”

Dass Heiraten mit kirchlichem Segen wieder „in” sei, habe weniger mit religiöser Überzeugung zu tun, als damit, dass - salopp formuliert - „wir das schönere Ambiente haben, zumal die meisten ein weißes Hochzeitskleid mit der Eheschließung verbinden”, und das trage man allgemeinhin ja nur bei einer Trauung in einer Kirche. Neun Hochzeiten hat Lühring im Schnitt pro Jahr. Hinzu kommen etwa 45 Beerdigungen. Das sollte doch problemlos zu schaffen, denkt man im ersten Moment. Doch bei genauer Betrachtung wird klar, warum hier ein generelles Problem besteht - es gibt zu wenig „Bodenpersonal”.

„Rein mathematisch sind neun Hochzeiten und 45 Beerdigungen pro Jahr zu schaffen. Aber die Frage ist doch, wie man dieser Aufgabe als Seelsorger nachkommt”, gibt der 51-Jährige zu bedenken. „Es mag sein, dass es Kollegen gibt, die dieses Pensum bewältigen und mehrere Gemeinden gleichzeitig verwalten, aber ich schaffe es mit meinem Anspruch, den ich als Pastor habe, nicht.”

Um überhaupt das Pensum schaffen zu können, hat er für heiratswillige Paare einen jährlichen „Kennenlerntag” eingeführt, statt wie früher die Paare einzeln zu empfangen. Nun wird in der Runde über Erwartungen und Verantwortung in der Ehe gesprochen. Einige Zeit nach dem Treffen findet noch ein separates Gespräch von ein bis zwei Stunden mit jedem Paar statt, um Texte und Inhalte abzustimmen. „Nicht mitgezählt sind die Telefonate und E-Mails, das sind hier mal 20 Minuten, da zehn Minuten, das summiert sich. Aber es soll schließlich keine Hochzeit wie vom Fließband werden, denn man muss auch vergegenwärtigen, dass wir hier von einem heiligen Sakrament sprechen.”

Auch ein Begräbnis ist nicht allein damit getan, den Verstorbenen zu seiner letzten Ruhestätte zu begleiten. „Die Angehörigen benötigen Trost”, da könne er sich nicht einfach abwenden, nur weil sein „Zeitmanagement” das nicht zulasse. Die Worte, die er in der Kirche und am Grab sagt, müssen gut überlegt sein, sie müssen zum Leben des Verblichenen passen. „Mir fliegen die Worte aber auch nicht immer gleich zu. Wie viel Zeit ich für Texte brauche, ist völlig unterschiedlich.” Heilfroh ist Lühring, dass in Stolberg Urnenbestattungen möglich sind. „Wären es ausschließlich Erdbestattungen und hätte ich nicht einen pensionierten Kollegen, der aushelfen würde, wüsste ich nicht, wie ich das zeitlich schultern sollte.” Denn für eine Erdbestattung bleibt maximal eine Woche, während die Urnenbeisetzung einen größeren Zeitrahmen erlaubt.

Die Arbeit, die auf die Pfarrer in den Gemeinden zukomme, werde zunehmend mehr, weil immer weniger Geistliche mehr Gemeinden betreuen müssen und der Sparkurs im Bistum Kürzungen im personellen Bereich zur Folge hat. Und die Aufgaben sind vielfältig: Messen an jedem Tag der Woche, Taufen, Krankensalbungen, Kommunionsunterricht, Beichte, Hochzeiten, Beerdigungen, Predigten vorbereiten und so weiter. Und richtig viel Zeit, sagt Lühring, nehmen „vor allem die verwaltungstechnischen Aufgaben” in Anspruch. Beispiel Pfarrbüro: „Früher war das Büro jeden Tag besetzt, jetzt hat es nur noch an zwei halben Tagen in der Woche geöffnet. Die Arbeit, die anfällt, wird aber nicht weniger.”

Zeitintensiv sind auch die repräsentativen Aufgaben eines Pfarrers. Lühring etwa besucht nicht nur Feste in seinen Gemeinden, er ist auch im Karneval und bei den Schützen aktiv. An dieser Stelle gelangt er zur Grundsatzfrage: Was ist notwendige seelsorgerische Arbeit und was nicht? „Ist ein Danke-Schön-Frühschoppen für die Teilnehmer der Fronleichnamsprozession als Arbeit oder meine persönliche Freizeit zu definieren?” Das Vereinsleben zu unterstützen, findet der Seelsorger, der im Karneval in die Bütt steigt, wichtig. Und das nicht nur vor dem Hintergrund, weil die Vereine regelmäßig Benefizaktionen starten. Für Lühring ist das Vereinsleben unentbehrlich für eine gesunde Dorfgemeinschaft. Vereine helfen ihm, nah am Menschen zu sein und auch Barrieren einzureißen. Hört man sich im Ort um, ist es gerade diese „weltliche” Haltung des Pfarrers, die die Menschen mögen.

Bevor Lühring nach Stolberg kam, war er Pfarrer in Erkelenz. Lühring war für sieben Pfarrgemeinden zuständig und hatte das Gefühl, den Menschen nicht gerecht werden zu können. Ein Pfarrer am Limit. Und auch jetzt bewegt er sich an der Grenze des von ihm Machbaren. Dabei sind es „mit Breinig und Dorff „nur” zwei Pfarrgemeinden mit insgesamt 4400 Mitgliedern plus der Schäfchen zweier weiterer Gemeinden nebenan, die derzeit ohne Priester auskommen müssen und um die er sich gemeinsam mit seinen beiden Kollegen der Gemeinschaft der Gemeinden Stolberg-Süd kümmert.

Wie viele Stunden er pro Woche arbeitet? „Ich kann es nicht genau sagen, weil das davon abhängt, was man als Arbeit definiert.” Aber eines weiß er genau: Die Belastung ist dauerhaft zu hoch. Was ihm vor allem Sorgen macht, ist, dass sich die Situation vermutlich zuspitzen wird. Nach Auskunft des Bistums Aachen gibt es derzeit etwa 270 aktive Priester. Hochrechnungen sagen voraus, dass sich die Zahl der Seelsorger in zehn Jahren auf 130 dezimiert. „Trifft die Prognose zu, stünde für den Bereich Stolberg-Süd mit insgesamt neun Gemeinden nur noch ein Priester zur Verfügung”, sagt Lühring. Doch wie die Kirche wahrgenommen wird, hängt in den Augen des Breiniger Hirten maßgeblich vom „Bodenpersonal” ab. Was also tun gegen den Priestermangel? „Ich bin ratlos und bin froh, nicht in der Haut des Bischofs zu stecken, der eine Lösung finden soll.”
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