Stolberg - Früher galt: Mehr schunkeln, weniger Ballermann

Früher galt: Mehr schunkeln, weniger Ballermann

Von: Hendrik Gielchen
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Bei vielen jungen Karnevalisten steht das Partyzelt höher im Kurs als eine festliche Sitzung mit Abendgarderobe. Bei ihnen gilt: tanzen statt schunkeln. Langjährige Karnevalisten erinnert dies jedoch eher an Partys auf Mallorca mit entsprechender Musik, die mit dem klassischen Karneval nicht mehr viel gemein haben. Foto: stock/Fotoarena

Stolberg. Am Montag in zwei Wochen ist Rosenmontag, der Höhepunkt des Straßenkarnevals. Doch auch Karnevalssitzungen, hinter denen eine Menge (Vereins-)Arbeit steckt, gehören zu jeder Session dazu. Ein Anlass, die Frage zu stellen, welche Entwicklung die „Fünfte Jahreszeit“ genommen hat – auch in Stolberg. Hat die Karnevalsbegeisterung nachgelassen?

Hat sich der Karneval selbst gewandelt? Eine Behauptung: Immer mehr Jugendliche sind nicht mehr am Vereinskarneval interessiert. Stattdessen feiern sie mit ihren Freunden lieber im Partyzelt statt auf einer Sitzung mit Programm. Eine von ihnen ist Selin Keldenich. Die 15-Jährige, die selbst nie mit dem Vereinskarneval in Kontakt gekommen ist, sagt: „Ich gehe lieber mit Freunden feiern. Das macht mir mehr Spaß, als mir eine Sitzung anzusehen. Ein Partyzelt bietet mehr.“ Chriss Lindenau sieht das ähnlich. Der 16-Jährige sagt, dass er sich bei einer Karnevalsveranstaltung vor allem bewegen wolle und meint damit vor allem tanzen. Klassische Karnevalssitzungen würden ihn eher abschrecken, weil man dort die meiste Zeit sitze.

Manfred Essmajor, der als Präsident der KG Mölle schon viele Jahre im Stolberger Karneval engagiert ist, kennt die Skepsis der Jugendlichen. „Damals war die Begeisterung wesentlich größer“, sagt der 56-jährige Aktive. Ein Grund: „Man hatte nicht so viele Möglichkeiten wie heute, seine Freizeit zu gestalten. Dadurch war es deutlich leichter, die Säle zu füllen.“

Vereinsarbeit fordert viel Zeit

Hinzu käme, so Essmajor, dass die zeitintensive Vereinsarbeit auf viele Menschen abschreckend wirke und sie diese dann lieber anderen Karnevalisten überließen. Zustimmung bei der Frage, ob sich der Karneval verändert habe, kommt auch von Dirk Gielchen, einem ehemaligen KG-Präsidenten, der einst die Geschicke der KG de Wenkbülle leitete. „Es wurde jedes Jahr schwieriger, den Saal zu füllen. Durch die Medien existiert einfach ein Überangebot.“ Damit meint Gielchen die großen Sitzungen im Fernsehen.

Viele Künstler, etwa bekannte Karnevalsbands, seien außerdem das gesamte Jahr auf Tour, so dass ihre Fans nicht mehr zwingend darauf angewiesen seien, sie während der „jecken Tage“ zu sehen. Und eine weitere Veränderung hat Gielchen ausgemacht: „Der Karneval hat sich zu einem knallharten Geschäft entwickelt. Das bedeutet: weniger Leidenschaft. Das Geld steht im Vordergrund.“

Viel Arbeit im Verein, ein Überangebot an Veranstaltungen, teure Künstler und zu wenig „Action“ aus Sicht der Jugendlichen: Gehen die Karnevalisten also nicht mit der Zeit?

„Wie auf Mallorca“

Zumindest Dirk Gielchen findet, dass sich die Musik durchaus gewandelt hat – aus seiner Sicht jedoch nicht zum Positiven. „Heute gibt es kaum noch Kapellen. Das machen jetzt DJs.“, so der Ex-Präsident. „Wenn ich in ein Zelt komme, habe ich das Gefühl, ich wäre auf Mallorca am Ballermann. Die Musik, die dort läuft, hat mit der klassischen Karnevalsmusik nicht mehr viel zu tun.“ Im Vordergrund stehe eindeutig das Partymachen. „Für die klassische Schunkelmusik ist da kein Platz mehr.“

Gewandelt hat sich auch der Kleidungsstil auf vielen Karnevalssitzungen. Kostümiert wurden vor Jahrzehnten kaum Sitzungen besucht. Stattdessen waren Galasitzungen mit schicker Abendgarderobe die Regel. Eine Intention dahinter: Das hohe Ansehen einer Sitzung und auch der gastgebenden Karnevalsgesellschaft untermauern. Das Programm heutzutage: bunter, vielseitiger. Der Kleidungsstil: lockerer. Kostümierte Gäste sind heute die Regel, nicht die Ausnahme.

Je näher es auf die den Höhepunkt der „Fünften Jahreszeit“ zugeht und die Dichte an karnevalistischen Veranstaltungen größer wird, lässt sich auch ein negatives Phänomen beobachten: Viele aktive Vereinskarnevalisten kritisieren, dass der Karneval vor allem von Jugendlichen genutzt werde, um Alkohol in Mengen zu konsumieren.

Seine Grenzen kennen

Die negativen Begleiterscheinungen – etwa Streit, Schlägereien, Notarzteinsätze – gingen dann wiederum zulasten des gesamten Karnevals. Viele Jugendliche testeten ihre Grenzen, die sie noch nicht kennen, an Karneval aus und seien der Überzeugung, sie könnten nur mit Alkohol Spaß haben. Doch wenn sich schon die Musik an den Geschmack junger Menschen angepasst hat, müsste dies doch eigentlich auch anders möglich sein.

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