Flüchtlingsfamilie aufgenommen: Eine Begegnung, die alles veränderte

Von: Laura Beemelmanns
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In der schlimmsten Not haben Olta (links) und ihr Mann Bledar (2.v.l.) die Stolbergerin Anita Amelong (3.v.l.) und (r.) getroffen. In ihnen haben sie eine große Hilfe und „Mutter“, gefunden, wie sie sagen“, und in Mergim einen Dolmetscher und Freund. Foto: L. Beemelmanns

Stolberg. Leon soll es einmal besser haben. Besser als seine Eltern es bislang hatten, besser als seine Großeltern es wohl je haben werden. Leon ist gerade einmal 18 Tage auf dieser Welt und dennoch hat er schon einiges hinter sich: Er war auf der Flucht – im Bauch seiner Mutter Olta.

Leon wird sich daran später nicht erinnern, seine Eltern werden ihm davon erzählen. Von ihrer Entscheidung, von ihrer Flucht, von ihrer Ankunft. Und sie werden Leon auch erzählen, wie sie in Deutschland aufgenommen worden sind. In Stolberg, ihrer neuen Heimat.

Olta (21) und Bledar (29) haben Mitte vergangenen Jahres beschlossen, nach Deutschland zu fliehen. Da war Olta gerade schwanger. „Wir haben uns ein besseres Leben gewünscht, hier in Deutschland“, sagt Bledar. Geflohen sind sie aus Albanien, ihre Familien mussten sie zurücklassen. Die Verwandten seien zu alt oder sie wollten nicht mitkommen, so sagen das die beiden. Bledar und Olta aber wollten – auch und gerade wegen Leon.

Dass sie in Stolberg auf eine Frau treffen würden, die ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellt, damit haben sie nicht gerechnet, als sie am 6. Juli 2015 in Dortmund ankamen. Ein paar Tage später kamen sie nach Stolberg und lebten für ein paar Monate in der Flüchtlingsunterkunft am Kelmesberg. Keine schöne Situation für eine werdende Mutter, aber es ging schon irgendwie. Sie waren froh, in Deutschland zu sein.

Zur gleichen Zeit, nur einen Katzensprung entfernt, wurde eine Wohnung im Haus von Anita Amelong frei. Eine ältere Frau hat lange dort gelebt, jetzt musste sie in ein Pflegeheim. Da dachte Amelong darüber nach, vielleicht Flüchtlinge in der Wohnung aufzunehmen.

Sie teilte diesen Gedanken mit Bekannten, die Kontakte zur Stadtverwaltung Stolberg haben. Und dann ging alles ganz schnell. Eine junge Familie käme in Frage, da die Frau hochschwanger sei und bald ihr Kind bekommen würde. Amelong fackelte nicht lange und stimmte zu. Das war im November. Seitdem leben Olta und Bledar in ihrer eigenen, kleinen Wohnung.

Zu Tränen gerührt

Als Amelong erfuhr, dass die junge Familie in ihrem Haus einziehen würde, startete sie einen Aufruf. „Ich habe all meinen WhatsApp-Kontakten geschrieben und gefragt, ob noch jemand Möbel abzugeben hat“, sagt sie. So kamen die Couch ihrer Schwiegereltern, die Küchenzeile einer Freundin und das Bett von Bekannten in die Wohnung.

Sieht man sie jetzt, wirkt sie schon ziemlich wohnlich. Und auch für Leon konnte alles vorbereitet werden. „Eine Frau hat sich bei mir gemeldet, die ihr Kind in der Schwangerschaft verloren hatte. Sie hatte schon alle Möbel und Zubehör für das Kind gekauft und wollte sich eigentlich nicht davon trennen. Doch nun, als sie von Olta, Bledar und Leon erfuhr, hat sie ihnen die Sachen geschenkt“, sagt Amelong mit Tränen in den Augen.

Von all der Hilfe, die sie erfuhr, ist sie immer noch gerührt. „Ich hatte auch anfangs Bedenken, denn es gibt ja auch Menschen, die ganz anders über das Thema Flüchtlinge denken“, sagt sie. Doch alle Bekannten und die Nachbarn hätten aufgeschlossen und freundlich reagiert und die junge Familie gut aufgenommen.

Das einzige, woran es noch hapert, ist die Sprache. Bledar wird bald einen Deutsch-Kurs besuchen, seine Frau bleibt zunächst bei Leon. Wenn er aus dem Gröbsten raus ist, will auch Olta Deutsch lernen. „Wir verständigen uns mit Hand und Füßen und übersetzen Sätze auf dem Handy“, sagt Amelong.

Weil da aber auch oft Quatsch raus kommt, schaut Mergim regelmäßig vorbei. Er kommt aus dem Kosovo, ist auch ein Flüchtling und lebt seit etwa einem Jahr in Stolberg. Er spricht schon jetzt sehr gut Deutsch und möchte anderen Flüchtlingen helfen. „Wir sind alle dankbar, dass wir so gut aufgenommen wurden“, sagt er. Und nun möchte er etwas zurückgeben.

Der 21-Jährige darf derzeit noch nicht arbeiten, ihm fehlt die entsprechende Genehmigung. „Wir hoffen, dass es bald klappt, denn mein Mann hätte sogar eine Lehrstelle für ihn, die er am 1. März antreten könnte“, sagt Amelong.

Und Bledar fügt hinzu: „Arbeit ist alles.“ Auch er wolle so schnell wie möglich arbeiten. Er ist gelernter Maler und hofft auf einen Job auf dem Bau. Aber bis es so weit ist, wird noch etwas Zeit vergehen. Bis Mitte April dürfen sie auf jeden Fall in Deutschland bleiben. Aber die Familie hofft, dass sie für immer bleiben darf.

Vor allem auch, weil sie so viele nette Menschen kennengelernt hätte. „Wir haben positive Reaktionen erlebt“, sagt Bledar „Als wir hier im Juli ankamen, da waren wir schon etwas traurig, da wir unsere Heimat verlassen haben. Aber als wir Anita getroffen haben – das war einfach der Wahnsinn.“

Um Anita Amelong zu zeigen, dass sie ihr für alle Zeit dankbar sein werden, durfte sie den Namen ihres Kindes aussuchen. Und auch deshalb wird sich Leon immer an die Frau erinnern, die das Leben seiner Familie veränderte.

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