Stolberg - „Flüchtlingsdialog“: Junge Afrikaner besichtigen Bethlehem-Gesundheitszentrum

„Flüchtlingsdialog“: Junge Afrikaner besichtigen Bethlehem-Gesundheitszentrum

Von: Ottmar Hansen
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Benja Bosko (links) zeigt den Flüchtlingen, wie die Instrumente für die Operationen im Stolberger Krankenhaus keimfrei sterilisiert werden. Foto: O. Hansen

Stolberg. Was die jungen Gäste noch vor dem Start ihres Informationsrundgangs durch das Stolberger Krankenhaus lernen, ist: „Immer die Hände desinfizieren!“ Wegen der Keime. „Damit die nicht wachsen“. Ilse Zörkler, Vorstandsmitglied des Fördervereins „Menschenskind“, hält ein kleines Glasdöschen in die Höhe. Unübersehbar darin: Schwarze Keime. Krankheitserreger, die, eigentlich unsichtbar, an Türklinken und Klinikmöbeln haften.

Um die Bedrohung sichtbar zu machen, wurden die Keime eigens gesammelt und größer gezüchtet. Jetzt können alle die Gefahr deutlich sehen.

Rund 20 jugendliche Flüchtlinge aus verschiedenen afrikanischen Ländern und Afghanistan besuchen an diesem Tag im Rahmen des „Stolberger Flüchtlingsdialog“ das Bethlehem-Gesundheitszentrum. Eigentlich sind die jungen Leute topfit, aber man kann ja nie wissen. Und dann kennt man sich in der Klinik schon einmal aus, vorhandene Ängste weichen.

Der Vorsitzende von „Menschenskind“, Dr. Volker Siller, und Ilse Zörkler haben die Schülerinnen und Schüler der Internationalen Förderklasse des Berufskollegs Stolberg/Simmerath mit Klassenlehrerin Ruth Reich ins Gesundheitszentrum eingeladen. Die jungen Menschen im Alter zwischen 14 und 22 Jahren sind unterschiedlich lange als Flüchtlinge in unserer Region untergebracht. Manche besuchen die Förderklasse bereits ein Jahr, andere wiederum erst einige Wochen. Entsprechende Unterschiede gibt es auch bei den Deutschkenntnissen. Die schwarzen Keime in der Dose erklären sich allerdings schon ohne Worte auf den ersten Blick.

Nach der Begrüßung durch Klinik-Geschäftsführer Dirk Offermann geht es sogleich in die Umkleide. Grüne Hosen und Hemden für Pfleger und Mediziner wollen übergestreift werden. In unterschiedlichen Sprachen verständigen sich die Besucher und reichen die jeweils passende Schutzkleidung an. Über den Kopf wird eine Haube gestreift, damit niemand Haare an unerwünschter Stelle hinterlässt, hinzu kommt der obligatorische Mundschutz.

Benja Bosko führt die Flüchtlingsgruppe in die Räume der Klinik, in der das Operationsbesteck und andere medizinische Geräte keimfrei sterilisiert werden. Nach mehreren Spülgängen und Erhitzungsvorgängen geht es am Ende in die Sterilisationsöfen, in denen bei 134 Grad heißem Dampf 99,9 Prozent der Bakterien abgetötet werden. Wird das OP-Besteck anschließend luftdicht verschweißt, kann es mindestens ein halbes Jahr steril gelagert und bei Bedarf gleich abgerufen werden. „Wir haben hier eine sehr hohe Verantwortung“, betont Abteilungsleiter Benja Bosko vor seinen Gästen. Die meisten Flüchtlinge haben den Vortrag in der für sie eigentlich fremden Sprache durchaus verfolgen können. Das wird nicht zuletzt deutlich bei Zwischenfragen. Zweifellos: „Die jungen Leute lernen schnell“, meint auch Bosko.

Umziehen, Hände sterilisieren. Und weiter geht es. Auch Sozialamtsleiter Paul Schäfermeier und die Ehrenamtsbeauftragte Hildegard Nießen haben sich der Gruppe angeschlossen. Gemeinsam mit den Flüchtlingen folgen sie dem Organisationsleiter der Klinik, Hans Fräger, in die Technikzentrale im Keller. Hier wird aus Gas Strom, Wärme und heißes Wasser gewonnen. Kaum hat die Flüchtlingsgruppe den Raum betreten, schaltet sich das Blockheizkraftwerk aus. Sollte es eigentlich nicht. Fräger telefoniert. Sekunden später läuft der Motor wieder. Das Interesse der Jungs in der Klasse ist geweckt. Auch kleine Details lassen sich die jungen Afrikaner genau erklären. Die Wissbegier gefällt Hans Fräger. Gerne gibt er Auskunft.

Weitere Zahlen werden genannt. Die Stolberger Klinik muss jährlich rund eine Million Euro für Energie aufbringen. Jährlich werden in dem Krankenhaus mit seinen 327 Betten mehr als 14.000 Patienten betreut. Es werden 4500 Operationen vorgenommen, rund 1200 Kinder kommen hier pro Jahr zur Welt. Der Jahresumsatz der Klinik mit ihren 850 Beschäftigten liegt bei 50 Millionen Euro.

Derweil gibt es unter den Operationssälen noch mehr Technik zu sehen. „Was passiert in diesen weißen Röhren?“, will ein Flüchtling wissen. Er erfährt: In ihnen wird das Wasser entkalkt und so aufbereitet, dass Härtegrad und Ph-Wert stimmen. Zuletzt erfolgt die Sterilisation, damit das Wasser auch in den Operationssälen genutzt werden kann. „Wo kommt die Luft her, die hier für die OPs aufbereitet wird?“ Fräger erklärt einem anderen Besucher auch diesen Kreislauf.

In der Röntgenabteilung schallt lautes Babygeschrei über den Flur. Das weckt eher das Interesse der jungen Flüchtlingsdamen. Auf die Frage, wer denn in seinem Leben schon einmal geröntgt worden ist, hebt nur einer aus der Klasse den Finger. Aber auch für ihn ist der Computertomograph neu. „Man kann hier Fotos von Knochen machen“, erklärt Ilse Zörkler den Jugendlichen, die etwas ratlos vor der „Röhre“ stehen. „Aber vor dem Röntgen müssen wir immer fragen, ob es wirklich notwendig ist. Denn zu viel Strahlung ist schlecht.“ Anschließend zieht die Gruppe in die zentrale Ambulanz und wieder Richtung Ausgang.

Eines ist nach der Führung wohl allen Flüchtlingen klar: Muss man wirklich einmal in die Klinik, dann kennt man sich im Bethlehem-Krankenhaus schon aus.

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