Eschweiler/Stolberg - Flüchtlinge: Eine beschwerliche Reise endet in Vicht

Flüchtlinge: Eine beschwerliche Reise endet in Vicht

Von: Sarah-Lena Gombert
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Familie Mirza und Dilan Mohamad (links) haben sich in der Türkei kennengelernt und sind gemeinsam nach Deutschland. Die Stolberger Stadtverwaltung, hier vertreten durch Robert Voigtsberger und Paul Schäfermeier (rechts), hat die Geflüchteten in Vicht untergebracht. Foto: S.-L. Gombert

Eschweiler/Stolberg. Ein Kapitel der Donnerbergkaserne ist Geschichte: Die Bezirksregierung hat die Notunterkunft für Flüchtlinge, die von den beiden Städten Eschweiler und Stolberg gemeinsam betrieben wurde, geschlossen. Bis zum Jahresende soll die Einrichtung aber noch im „Stand-by“-Modus bleiben.

Die 35 Personen, die dort bis zuletzt untergebracht waren, sind nun anderweitig in den beiden Städten untergekommen – zum Beispiel in Vicht.

„Seit drei Tagen leben wir jetzt in Vicht und sind sehr glücklich“, sagt Firas Mirza. Deutsch spricht er noch nicht, ein Übersetzer hilft bei dem Gespräch mit unserer Zeitung. Er und seine Familie sind Jesiden aus dem Norden des Irak. Sie gehören zu den insgesamt 652 Flüchtlingen, die derzeit in der Kupferstadt leben.

Seit dem vergangenen Jahr, als besonders viele Geflüchtete nach Deutschland kamen, ist in Stolberg diesbezüglich viel passiert. Notunterkünfte wurden eingerichtet, um die große Menge an Menschen überhaupt unterbringen zu können, und in der Zwischenzeit schon wieder geschlossen.

Beispielsweise die Unterbringung im Berufskolleg. „Das war sehr gut dort“, sagt Mirza. Die Menschen, die die Unterkunft im Berufskolleg betreut haben, seien sehr freundlich gewesen. Man habe sich dort sehr gut um seine Familie und ihn gekümmert. Die Zeit in der Donnerberg-Kaserne hingegen war schwierig. „Wir hatten nichts zu tun, und Deutschkurse konnten wir auch nicht belegen“, sagt Mirza.

„Die Städte Eschweiler und Stolberg haben sich gemeinsam dazu entschieden, dass wir die Flüchtlinge, die bis Ende August in der Kaserne gelebt haben, freiwillig bei uns unterbringen“, sagt Robert Voigtsberger, Erster Beigeordneter der Stadt Stolberg. Eigentlich hätten diese Personen, also auch Familie Mirza, in irgendeine Notunterkunft anderswo in Nordrhein-Westfalen gebracht werden sollen. „Das wollten wir den Menschen aber nicht zumuten“, sagt Voigtsberger.

Darum sei er jetzt sehr dankbar dafür, dass die Stadt Stolberg ihm und seiner Familie eine neue Bleibe in Vicht zur Verfügung gestellt hat, sagt Mirza, und erzählt die Geschichte ihrer Flucht. Die Mirzas verließen ihre Heimat Sindschar im August 2014, als Terroristen des sogenannten „Islamischen Staats“ die Bevölkerung zwingen wollten, zum Islam zu konvertieren.

Viele Männer aus dem Dorf verloren ihr Leben, erzählt Mirza. „Zunächst sind wir in die Türkei gegangen, weil wir schnell wieder zurück wollten“, sagt der Betriebswirt, der in seiner Heimat bei einem Lebensmittelhändler für die Abrechnung zuständig war.

„Doch es wurde immer schlimmer, und wir haben uns entschieden, nach Europa zu gehen.“ Kein einfaches Unterfangen für Firas Mirza und seine Frau Suad – sie haben fünf Kinder. Die Vierlinge Kauar, Mehvan, Rahma und Melek sind acht Jahre alt, der kleine Alan ist anderthalb. „Aber jemanden in der Türkei zurückzulassen, das kam für mich nicht infrage.“

Das galt auch für die junge Syrerin Dilan Mohamad. „Wir haben uns in der Türkei getroffen und sind zusammen nach Deutschland weiter“, sagt Mirza. Mittlerweile gehört die junge Frau mit zur Familie. „Wir haben zusammen viel erlebt.“ Und jetzt wollen sie ihre Zukunft in Deutschland gemeinsam angehen. Das ist vor allem mit einem verbunden: viel Lernen.

„Die Vierlinge sind im schulpflichtigen Alter“, sagt Paul Schäfermeier, Leiter des Stolberger Sozialamts, „wir werden uns zeitnah darum kümmern, dass sie an einer Grundschule untergebracht werden.“ Das kann noch in diesem Schuljahr passieren. Auf die Schule angesprochen, fangen die Kinder an zu nicken. Ja, sie wollen endlich richtig Deutsch sprechen, und andere Kinder kennen lernen. “

Auch Firas Mirza und seine Frau Suad haben fest vor, Deutsch zu lernen. Jetzt können sie Sprach- und Integrationskurse belegen. Auch wenn das Asylverfahren der Familie noch nicht abgeschlossen ist: Die Mirzas schauen optimistisch in die Zukunft. „Ich hoffe, dass mein Betriebswirtschaftsstudium hier in Deutschland anerkannt wird“, sagt der Vater. Er wisse, dass das schwierig sei und viel Zeit in Anspruch nehme. „Aber wenn das möglich ist, möchte ich hier in Deutschland in meinem alten Job arbeiten.“

Wie sich die Flüchtlingssituation in Deutschland und in der Region in den kommenden Monaten entwickeln wird, ist für die Stadt Stolberg kaum absehbar. Zu unsicher ist die weltpolitische Lage, um feste Aussagen treffen zu können. „Damit wir noch einen gewissen Puffer haben, falls wieder mehr Menschen zu uns kommen sollten, wird die Donnerberg-Kaserne noch bis Ende des Jahres auf Stand-by gehalten“, erklärt Robert Voigtsberger. Das sei eine sinnvolle und verhältnismäßige Maßnahme.

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