Stolberg - Feuerwehr probt Ernstfall: Schwer Verletzte aus Wagen „geborgen“

Feuerwehr probt Ernstfall: Schwer Verletzte aus Wagen „geborgen“

Von: Leona Otte
Letzte Aktualisierung:
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Die Prüflinge des Truppmannlehrganges zerlegen alten Volvo mit hydraulischer Schere zu Kleinholz, um das Unfallopfer aus dem Auto befreien zu können. Foto: L. Otte
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Die Prüflinge des Truppmann-Lehrganges haben es geschafft. Nachdem sie Frau und Kind aus dem Wagen „gerettet“ haben, stellen sie sich zum Gruppenbild zusammen. Foto: L. Otte
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Die „verletzte“ Frau musste während der Bergungsarbeiten von den Feuerwehrleuten betreut werden. Foto: L. Otte

Stolberg. Es fehlen die Schreie und Hilferufe, das Adrenalin, wenn es durch die Adern schießt und die realen Bilder eines wahr gewordenen Alptraumes, wie er sich jährlich tausendfach auf Deutschlands Straßen ereignet. Trotzdem spiegelt sich in dem Blick von Torsten Sieben große Ernsthaftigkeit wieder.

Eine jüngere Frau ist am Samstagvormittag mit ihrem Fahrzeug von der Fahrbahn abgekommen und gegen einen Baum geknallt. Sie ist eingeklemmt, auf dem Boden des Rücksitzes befindet sich ihr kleines Kind, es liegt bewusstlos unter dem Beifahrersitz.

Sieben ist einer von acht Feuerwehrmännern, die nach dem Aufheulen der Sirene ausrücken mussten, um eine patientengerechte Rettung vorzunehmen. In dem Fall – zum Glück nur zum Prüfungszweck. Die Situation ist simuliert. Und dennoch weist die Geschichte derart reale Aspekte auf, dass einem schlagartig wieder bewusst wird, wie die traurige Wirklichkeit aussieht.

Denn nach Angaben des Statistischen Bundesamtes zählte die Polizei allein im Jahr 2015 bundesweit 2,5 Millionen Verkehrsunfälle. Dabei starben insgesamt 3459 Menschen. Die Zahlen verdeutlichen nicht nur das Ausmaß der Unfallbilanz, sondern geben auch Aufschluss darüber, mit welchen Herausforderungen sich die Feuerwehrmänner zuweilen konfrontiert sehen.

Rückblick: War es vergangene Woche im Rahmen der Truppmannausbildung noch die Prüfung der Module 1 und 2, die als Einführung in den technischen Dienst diente, so knüpfte diese Woche die Abschlussprüfung der Module 3 und 4 daran an. Der Lehrgang fand über 13 Samstage in Folge und in Zusammenarbeit mit der Feuerwehr Roetgen und dem THW Stolberg statt.

Anders als bei den Modulen 1 und 2 steht hier die technische Hilfeleistung im Fokus, was gleichzeitig eine Heraufstufung des Schwierigkeitsgrades bedeutet. Es geht, wie oben dargestellt, um Extremsituationen: um das Anheben von massiven Gerätschaften, um Unfall- und Schachtrettungen und um explodierte Häuser.

Bereits früh am Morgen haben Torsten Sieben und seine Jungs die theoretische Prüfung abgelegt, nun folgt der praktische Teil. 11.06 Uhr: Das betroffene Auto, ein dunkelblauer Volvo, steht am Unfallort. Der Gerüstwagen rückt an. Die ersten Absicherungs- und Handlungsmaßnahmen werden eingeleitet. Innerhalb von Bruchteilen von Sekunden muss sich der Gruppenführer einen Überblick über die Situation verschaffen. Wie geht es den Patienten? Sind sie ansprechbar? Haben sie stark blutende Wunden?

Dann wird eine Entscheidung getroffen. Je nach Sachlage und verbleibender Zeit kommt es entweder zu einer patientenschonenden Rettung oder zu einer Crashrettung, die in dem Falle deutlich nervenaufreibender wäre. Während das bewusstlose Kind derweil durch das Rückfenster geborgen werden konnte und dem Rettungsdienst übergeben wurde, entscheidet man sich für eine patientengerechte Rettung der Frau. 11.13 Uhr: Die Feuerwehrmänner gehen, aufgrund potenzieller Gefahren, gewissenhaft wie systematisch vor, stoßen aber direkt auf ein massives Problem. Alle vier Türen des Volvos lassen sich nicht öffnen, und die Patientin ist immer noch eingeklemmt.

Sicherheitsvorkehrungen der modernen Automobilindustrie, die die Menschen im Innenraum schützen sollen, aber der Feuerwehr nicht unbedingt zuspielen. Es gibt keine andere Möglichkeit, die Türen müssen aufgebrochen werden. Die Männer in dunkelblau beginnen mit enormen hydraulischen Gerätschaften mit Druck von bis zu 700 bar die Türen aus dem Auto zu montieren, arbeiten dabei mit einer sogenannten Rettungskarte, effektiv, schnell und aufeinander abgestimmt.

11.36 Uhr: Die Türen sind raus. Aber es gibt immer noch keinen optimalen Zugang, um die Patientin zu befreien. Es gilt Ruhe zu bewahren. Letzte Option: Das Dach muss ab. Es wird aufgeschnitten und nach hinten gekippt. 11.55 Uhr: Die Patientin musste, obwohl sie die ganze Zeit über psychische sowie physische Betreuung erhielt, bereits viel mitmachen. Durch den Unfallmechanismus wurde die komplette Mittelkonsole auf sie gedrückt.

Jetzt kommt es zur entscheidenden Wendung. Rettungszylinder, die seitlich im Türrahmen eingesetzt werden, drücken die Karosserie wieder auseinander. Dann liegt die junge Frau frei. Sie haben es geschafft. Knapp eine Stunde hat die Rettungsmaßnahme gedauert. Unmissverständlich vergegenwärtigte sie, wie wichtig das Mitdenken eines jeden Einzelnen, aber auch das schnelle und gezielte Handeln in der Gruppe ist.

Denn dies ist im Ernstfall immer entscheidend. Was Feuerwehrfrauen und -männer im Detail an den jeweiligen Unfallorten erwartet, kann nie genau vorhergesehen werden: „Es ist immer mit schweren Verletzungen bis hin zum Tode zu rechnen“, erklärt der Ausbildungsleiter Michael Bartz. Und eines ist auch klar: „Wenn da wirklich eine Person sitzt, die blutet, Schmerzen hat oder ein Trauma erleidet, dann ist das noch einmal eine ganz andere Hausnummer als in der Prüfungssituation.“

Bei diesen Worten kommt man nicht umhin, sich zu fragen, welche Motivation diejenigen prinzipiell mitbringen, die in die Feuerwehr eintreten und sich freiwillig solch teils belastenden Situationen aussetzen?

Für Torsten Sieben liegt die Antwort auf der Hand: „Ich bin unlängst zugezogen. Dadurch kam die Frage auf, wie ich mich am besten in die Gemeinde einbringen kann. Ich wollte Leute kennenlernen, die mittlerweile wie eine zweite Familie für mich geworden sind, und etwas Sinnvolles machen“, so Sieben. „Ich weiß noch genau, wie es war, als beim ersten Mal gesagt wurde: ,Du legst jetzt den Atemschutz an und gehst in das brennende Gebäude da.‘ Natürlich hat man in solchen Fällen ein mulmiges Gefühl, aber manchmal muss man einfach gewisse Dinge ausblenden, um rational handeln zu können.“

Nicht nur Torsten Sieben, sondern auch Alex Gräbe, Sascha Meier, René Mondo, Moritz Späth, Frank Martin, Pierre Ewald sowie Lukas Melcher haben innerhalb des intensiven Lehrganges Mut bewiesen und schließlich in der Prüfung gezeigt, dass sie als Gruppe in einer Stresssituation einwandfrei funktionieren.

Damit sind sie gewappnet, denn beim nächsten Mal wird es sicherlich keine Simulation mehr sein.

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