Father Sylvanus: „Reich Gottes beginnt von unten“

Von: Marie-Luise Otten
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Freut sich auf seine neue Aufgabe in der Kupferstadt: Father Sylvanus wird in den neun Gemeinden der Gemeinschaft Stolberg-Süd tätig sein und tritt damit die Nachfolge von Dr. Christian Okwuru an. Foto: M.-L. Otten

Stolberg-Zweifall. Subsidiare sind nach der christlich-katholischen Sozialordnung Menschen, die ergänzend oder fördernd Aufgaben innerhalb der Kirche übernehmen. Zu ihnen zählen nicht nur die schon im Ruhestand versetzten Priester. Auch junge Absolventen der Priesterseminare nehmen während oder nach dem Studium der Theologie diese Tätigkeiten gerne an.

Einer davon ist Father Sylvanus, der seit Anfang Dezember in der Gemeinschaft der neun Gemeinden Stolberg-Süd eine 50-prozentige Stelle bekleidet. Er löst damit Dr. Christian Okwuruab, der nach fünf Jahren Seelsorge in Stolberg-Süd im neuen Jahr eine neue, umfangreichere Arbeit im Bistum Aachen aufnehmen wird.

Woher kommen Sie? Und wie sind Sie nach Stolberg gekommen?

Father Sylvanus: Geboren bin ich in Ost-Nigeria. Mein Prior Bischof Anthony G. Nwedo der Ordensgeeinschaft „Sons of Mary Mother of Mercy“ (SMMM), der sich im Aufrag der katholischen Bischofskonerenz Nigerias um die katholische Jugend in Nigeria kümmert, steht in Verbindung mit Bischof Heinrich Mussinghof. Er hat auch schon meinen Kollegen Dr. Christian Okwuru nach Stolberg geholt. Aufgrund seiner guten Erfahrungen bat der Prior mich jetzt, nach Deutschland zu gehen. Das Angebot habe ich gerne angenommen.

Wo haben Sie studiert?

Father Sylvanus: Nach dem Gymnasium habe ich vier Jahre Philosophie und vier Jahre Theologie studiert. Von Nigeria führte mich der Weg dann 2011 an die Katholisch-Theologische Fakultät der staatlichen Leopold-Franzens-Universität nach Innsbruck, wo ich zwei Jahre bei den Jesuiten lebte und 2013 den Magister in Theologie ablegen konnte. Hier erwarb ich auch meine Deutschkenntnisse in einem Intensivkursus über sieben Monate. Da ich in Stolberg nur über eine halbe Stelle verfüge, will ich nebenbei noch in Bonn promovieren.

Wie viele Sprachen sprechen Sie?

Father Sylvanus: Igbo (wird von bis zu 25 Millionen Menschen in Nigeria gesprochen), Hausa (die am meisten gesprochene Handelssprache in West-Zentral-Afrika), Englisch, Griechisch, Deutsch und Italienisch.

Was machen Sie in Ihrer freien Zeit, wenn es denn welche gibt?

Father Sylvanus: Ich lese sehr viel, höre Musik und meditiere.

War Ihr Beruf, Priester zu werden, Berufung?

Father Sylvanus: Ja, in jedem Fall. Ich wollte schon als kleiner Junge Priester werden. Ich war immer wissbegierig und beseelt davon, den Willen Gottes zu erfüllen. Für mich sind alle Menschen gleich, und ihnen zu dienen, ist für mich eine Herzensangelegenheit.

Welche Aufgaben übernehmen Sie in Stolberg-Süd?

Father Sylvanus: Meine Tätigkeit umfasst alle priesterlichen Dienste: Messen feiern, die froh machende Botschaft des Evangeliums verkünden und Sakramente spenden.

Worin sehen Sie Ihre Herausforderung?

Father Sylvanus: Erst einmal möchte ich die deutsche Kultur, Mentalität und das Leben hier vor Ort kennenlernen. Im Gegensatz zu meiner Tätigkeit in Österreich habe ich schon bemerkt, dass die Menschen hier offener und herzlicher sind.

Wie sieht Ihre Vision vom Reich Gottes aus?

Father Sylvanus: Das Reich Gottes beginnt von unten. Alle Menschen sind gleich und eingeladen, in das Reich Gottes einzutreten. Dabei muss das Herz eines jeden fühlen, was der unmittelbar Nächste braucht. Wo zwei oder drei sich im Namen Gottes versammeln, haben Terror und Kriege, Armut und Hunger, Umweltzerstörung und Naturkatastrophen keinen Platz.

Kann man von anderen Kontinenten lernen?

Father Sylvanus: Ja, immer. Nur wenn man die Kultur, Sprache und Mentalität der anderen Kontinente kennt und versteht, ist Frieden möglich. Ich sehe mich ein wenig als Bindeglied zwischen Deutschland und Nigeria. Man verbindet Afrika momentan immer mit Ebola. Dass es auch andere Seiten gibt, wird erst gar nicht diskutiert. Nigeria hat über 150 Millionen Einwohner, von denen sieben an Ebola gestorben sind. Seit Oktober 2014 ist diese ansteckende Krankheit nicht mehr aufgetaucht, und die Weltgesundheitsorganisation hat das Land offiziell für Ebola-frei erklärt.

Heute ist viel von „Geschwisterlichkeit“ und „Miteinander Kirche werden“ die Rede? Was kann man sich darunter vorstellen?

Father Sylvanus: Die Kirche soll wie eine Familie sein, wo jeder für jeden ein offenes Ohr hat. Dies soll nicht nur verkündet, sondern auch gelebt werden, wie Jesus es getan hat. Natürlich ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Es gilt auch manchmal das Schwere auszuhalten oder Wege der Veränderung zu suchen. Egal, was ansteht, ohne Liebe wird die Geschwisterlichkeit nicht möglich sein.

Braucht es in der Kirche mehr charismatische Menschen? Experten?

Father Sylvanus: Für mich sind alle Menschen charismatisch, wenn sie die christlichen Aufgaben erfüllen. Es reicht nicht, die Bibelworte zu hören, ihnen müssen Taten folgen. Gott wirkt nicht im Kopf, man muss ihn im Herzen suchen.

Haben alte Traditionen ausgedient?

Father Sylvanus: Nein, wenn sie glaubwürdig sind, sollten sie bestehen bleiben. So ist es zum Beispiel wichtig, dass man sonntags die heilige Messe besucht, um hier mit Gott in Verbindung zu kommen und einen guten Gedanken aus der Predigt mit in die Woche nimmt.

Bedarf es neuer Formen?

Father Sylvanus: Selbstverständlich sind neue Methoden und Formen nötig, damit man die Menschen heute erreicht. Das hatte ja schon das Zweite Vatikanische Konzil vor 50 Jahren beschlossen. Aber mit der Umsetzung hat man sich Zeit gelassen. Dass die Messen nicht mehr nur in lateinischer Sprache zelebriert werden, sondern in der jeweiligen Muttersprache, ist ja schon ein großer Erfolg. Ein anderes Beispiel ist das Bibelteilen, wie es bei uns in Afrika schon seit Jahren üblich ist. Dazu braucht man keine Bibelspezialisten, sondern nur eine Gruppe von Menschen, die anhand von Bibelzitaten ins Gespräch kommen, untereinander gute zwischenmenschliche Beziehungen aufbauen und ihre Situation im Licht des Evangeliums besser erkennen und bewältigen können.

Gibt es Kirche nur dort, wo die Armen Not leiden oder auch bei den Reichen und Abgesicherten?

Father Sylvanus: Egal ob in Not, im Leiden oder in reichen und abgesicherten Häusern, man muss in allen Situationen an Gott glauben. Denn es geht immer um das Gottesreich, wo Frieden, Versöhnung, Güte und Barmherzigkeit zu Hause sind und nicht um das Reich der Menschen, die den Blick für das Wesentliche im Leben verloren haben. In der heutigen Hektik und Entfremdung von der Natur haben viele Menschen zum Beispiel verlernt, Stille auszuhalten. Sie wissen gar nicht, dass nur in der Stille Fantasie, Intuition und Inspiration wachsen können. Und auch die innerste Stimme ist nur in ihr zu vernehmen.

Wie können letztere überhaupt erreicht werden?

Father Sylvanus: Kirche ist etwas Lebendiges und nichts Statisches. Daher ist es wichtig, dass ein neues Hören auf das Evangelium dringend notwendig ist. Auch die Predigten sollten näher am Volk und nicht von komplizierten theologischen Worten durchzogen sein. Eine lebendige Gemeinde braucht inspirierende Gedanken und Aktivitäten. Das ist nur möglich, wenn viele mitarbeiten und sich offen über den Glauben unterhalten.

Welche Messen halten Sie und wo feiern Sie die Weihnachtstage?

Father Sylvanus: So wie es aussieht, halte ich an Weihnachten drei Messen. Ich feiere die Geburt Jesu mit meinem Kollegen und Freund Dr. Christian Okwuru.

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