Europa pur am Stolberger Berufskolleg

Von: Nadine Preller
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Die Ausweitung des europäisch
Die Ausweitung des europäischen Gedankens auf die Welt hinaus? Warum nicht? Maurice Hartmann, Priscilla Merstein und Kaan Akin (v.l.), Schüler am Berufskolleg in Stolberg, glauben an eine Zukunft, in der verschiedenste Kulturen und Völker friedlich miteinander leben. Foto: N. Preller

Stolberg. Am Anfang steht da Angst, Verwirrung und auch ein wenig Ratlosigkeit - die Gedanken, die drei junge Stolberger zum Thema Euro und Krise und der Zukunft Europas äußern, dürften denen ähneln, die momentan in vielen Köpfen kreisen. Fiskalpakt, Europäischer Stabilitätsmechanismus, Internationaler Währungsfonds: Ja, das sind wohl Begriffe, die irgendwie mit dem Großen und Ganzen zusammenhängen.

Doch selbst eingefleischte Profis und auch „die da oben”, die die Entscheidungen zu treffen haben, müssten momentan wahrscheinlich längst das Handtuch werfen, sollten sie nur einen dieser Begriffe verständlich an den Laien bringen müssen. Darüber sind sich Kaan Akin (19), Maurice Hartmann (21) und Priscilla Merstein (21) einig.

Hand aufs Herz

Das Trio besucht das Berufskolleg Stolberg/Simmerath der Städteregion Aachen, hat sein Steckenpferd im Bildungsgang Wirtschaft und Verwaltung gefunden. Und die Drei haben vor zwei Jahren ihren Ausbildungsschwerpunkt auf das Thema Europa gesetzt. Drei junge Profis also, was das komplexe Thema angeht. Und drei Verfechter des europäischen Gedankens. Also, Hand aufs Herz, was von der Eurokrise kommt überhaupt noch an an der Basis?

„Es ist vor allen Dingen die Angst, dass das Europa, in dem wir groß geworden sind, bald nicht mehr so bestehen wird, wie wir es kennen”, gibt Maurice Hartmann zu. Kennen- und schätzen gelernt haben sie den Zusammenschluss der verschiedenen Staaten bereits als Kleinkinder. Was davor existierte? Das war vor ihrer Zeit.

Europa: Das Thema findet Eingang in ihren Politikunterricht, wird auf Englisch in den Fremdsprachenkursen diskutiert. Alle drei, wie die meisten ihrer Mitschüler, sind mit der europäischen Idee aufgewachsen. Den Fall der Mauer? Die Öffnung von Grenzen, beispielsweise am nahe gelegenen Grenzübergang Kerkrade/Herzogenrath? D-Mark bei der Bank umtauschen, wenn man zu unseren Nachbarn in den Urlaub fahren wollte? Alles Dinge, die die Schüler nur aus dem Geschichtsbuch kennen.

Und trotzdem ist da diese Angst, dorthin zurückkehren zu müssen. In eine Zeit, die die Schüler eigentlich gar nicht richtig kennen. Was kann man tun für die Rettung Europas? Soll Griechenland vielleicht aus der Euro-Zone austreten? „Lautet die Antwort ?Ja, zerstört man wohl im selben Atemzug das System. Da wäre es nur eine Frage der Zeit, bis andere Länder folgen und austreten müssten”, sagt Kaan Akin. Europa nur noch ein Flickenteppich? „Dann lieber mit ?Nein antworten. Griechenland soll bleiben. Aber dann ziehen wir vielleicht den Euro mit runter.”

Es ist eine schwierige Frage, und klar, wäre sie leicht zu beantworten, „dann hätten die da oben wohl schon längst eine Lösung parat”. Die da oben - ein Begriff, der öfter fällt bei den jungen Berufsschülern. Sie sehen sich unten, handlungsunfähig, und sind doch momentan im Begriff, genau das aufrechtzuerhalten, wofür „die da oben” gerade kämpfen.

Mit der Wahl ihres Schwerpunktes und dem damit verbundenen Eintritt in die Europaklasse am Kolleg haben die Schüler nicht nur ein Rundum-Paket aus informativem Unterricht zu europäischen Themen bekommen. Es gibt zusätzliche Sprachkurse neben dem normalen Sprachunterricht, in denen sie beispielsweise den Delf-Abschluss erwerben können - die bestandene Prüfung stimmt mit dem Referenzrahmen des Europarats und des europäischen Sprachenportfolios überein.

Es gibt ein Austauschprogramm mit einem Partnerkolleg in Frankreich, die Möglichkeit zu Auslandspraktika. Von denen kann übrigens nicht nur die Europaklasse des Bereichs Wirtschaft und Verwaltung profitieren. Auch die anderen Bildungsgänge - Sozial- und Gesundheitswesen, Bau/Holz, Naturwissenschaften - haben dazu die Möglichkeit. „Adäquat zu den Berufen bieten wir in Partnerbetrieben Praktika an”, sagt Jürgen Spalink, Abteilungsleiter für Wirtschaft- und Verwaltung. „In einer Tischlerei in Finnland beispielsweise, oder in einem Kindergarten in den Niederlanden.”

Die zahlreichen Angebote haben jetzt das Ministerium für Bildung in Düsseldorf veranlasst, dem Kolleg den Titel Europaschule zu verleihen. Mehr als nur ein Aushängeschild für die Bildungseinrichtung. Spalink: „Es ist für uns Lehrer wichtig, dass die Institution Europa ins Bewusstsein der Schüler eindringt als eine feste politische Einheit, die wir über Jahrzehnte angestrebt haben. Ihr verdanken wir es, dass wir über 60 Jahre in Frieden leben konnten.”

Den drei jungen Berufsschülern ist dies durchaus bewusst. Und sie glauben an die Zukunft Europas, trotz der momentanen Krise. „Man darf nicht mehr so kleinkariert denken, erwarten, dass man an dem Standort, wo man seine Ausbildung begonnen hat, für immer und ewig bleibt. Man muss heute seinen Horizont erweitern, vor allen Dingen im beruflichen Sinne”, sagt Priscilla Merstein. „Vielmehr: Man darf in erweitern”, fügt Maurice Hartmann betonend hinzu. „Und das finde ich, ist eine Errungenschaft, die uns Europa gebracht hat. Das dürfen wir nicht vergessen.”

So ganz nebenbei erzählen die drei Schüler, dass ihre kulturellen Wurzeln in Polen, in Belgien und in der Türkei liegen. So sehr in Fleisch und Blut übergegangen ist ihnen bereits, normal damit umzugehen, dass sie es kaum erwähnenswert finden, selbst bei einem Gespräch über Europa. Vielleicht ist es genau das, was den heutigen europäischen Gedanken ausmacht: dass er bereits mit der Muttermilch aufgesogen wurde, dass man mit ihm großgeworden ist, und dass alles andere davor in Geschichtsbücher gehört.

Und vielleicht ist es gerade deshalb beruhigend zu wissen, dass diese jungen Leute im Mai ihren Abschluss in der Tasche haben, hinaus in die Welt ziehen und ihre beruflichen Wurzeln in einer der großen oder kleinen Städte Europas fassen wollen. Und vielleicht kann diese junge Basis dann mehr bewirken und vorantreiben, als es einen „von denen da oben” momentan bewusst ist. Die Grundwerkzeuge dazu haben die Schüler mit ihrem Abschluss am Berufskolleg schon einmal in der Tasche.
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