Herzogenrath/Stolberg - Erinnerung an „Judenmarsch” wachhalten

Erinnerung an „Judenmarsch” wachhalten

Von: bea
Letzte Aktualisierung:
Ein älteres Foto der Dammstra
Ein älteres Foto der Dammstraße (aufgenommen 1960), durch die einst die jüdischen Deportierten getrieben wurden: In Haus Nummer 19 (3. von unten) lebte die Familie Wirtz.

Herzogenrath/Stolberg. Sie wurden durch die Straßen getrieben wie Vieh, entladen über Rampen des Herzogenrather Güterbahnhofs. Schaulustige säumten ihren Weg. Am Ende der Dammstraße teilte sich der elende Zug in zwei Kolonnen.

Die eine zog über die Bardenberger Straße ins Reichsarbeitsdienstlager Hühnernest, die andere über die Afdener- und die Further Straße ins Lager Pley. Am 10. Juni jährt sich der Herzogenrather „Judenmarsch” zum 70. Mal.

Eine dritte Gruppe von rund 340 Menschen, meist aus Kölner Altenheimen, wurde am Abend mit einem Güterzug zum Stolberger Hauptbahnhof transportiert. Im Dunkel der Nacht wurden die Menschen zu je 40 in Straßenbahnwaggons verteilt und in den Ortsteil Mausbach gebracht. Den kilometerlangen Weg zum dortigen Arbeitsdienstlager hinauf mussten sie zu Fuß zurücklegen, von Schutzpolizisten streng bewacht. Fast 24 Stunden waren die alten Menschen an dem Tag unterwegs gewesen, müde, hungrig und ausgelaugt. Der Stolberger Polizei-Truppführer Frankenne fertigte damals einen Bericht, der überliefert ist.

Es waren insgesamt rund 690 Kölner Juden, die nach der Bombennacht am 30./31. Mai 1942 aus der Domstadt deportiert worden waren, weil der dortige Gauleiter Grohé bei Hitler Wohnungen, Möbel und Kleidung für die „Fliegergeschädigten” reklamiert hatte.

Nicht nachlassen in ihren Bemühungen, mahnend an die Schrecken des Nazi-Terror-Regimes zu erinnern, wollen unter anderem Dr. Hans-Joachim Helbig und Oswald Ortmanns vom Herzogenrather Arbeitskreis „Wege gegen das Vergessen” sowie die Stolbergerin Karen Lange-Rehberg, die die Ergebnisse ihrer heimathistorischen Recherchen nun zusammengetragen haben.

„Aus Herzogenrath und Würselen sind schriftliche Zeugnisse dieses Ereignisses nicht bekannt”, sagt Dr. Helbig. Aber es gibt Zeitzeugen-Erinnerungen an den „Judenmarsch”: „So wird berichtet, dass Menschen, die am Weg wohnten, den um Wasser bittenden Opfern Getränke reichen wollten, was aber durch begleitendes Wachpersonal unterbunden wurde.” Ein Mädchen in BdM-Uniform jedoch war einer erschöpften Frau beigesprungen, um ihr das wenige verbliebene Hab und Gut zu tragen. Das Wachpersonal sei letztlich nicht eingeschritten, weil das auf Unmut der Zuschauer gestoßen war.

Oswald Ortmanns hat einige Daten zu der mutigen jungen Frau zusammengetragen: Es handelte sich um die 17-jährige Hildegard Wirtz, Tochter von Malermeister Johann Wirtz und Maria Gertrud geb. Severins. Mit einem Augenleiden war sie geboren worden, das sich stetig verschlimmerte und später zur Erblindung führte. Oswald Ortmanns: „Dieses schüchterne, schmächtige, sehbehinderte Mädchen wuchs einmal in ihrem Leben über sich hinaus, als sie unter den Zuschauern vor ihrem Elternhaus an der Dammstraße 19 stand.

Sie gaffte nicht nur, sondern gewahrte, dass eine Frau Hilfe brauchte, und griff mutig ein. Sie drang in die Kolonne der drangsalierten Menschen ein, nahm der alten Jüdin die Koffer ab und trug diese bis in die Afdener Straße. Rudolf Dieregsweiler erinnert sich in seinem Augenzeugenbericht vom 13.2.2011 daran noch ganz genau.” Am 9. Januar 1988 starb diese stille Heldin.

Dramen spielten sich auch im Mausbacher Lager ab, wie Karen Lange-Rehberg herausgefunden hat. Der menschlichen Würde beraubt, mussten die deportierten Menschen auf dem Boden der Baracken übernachten und eine offene Toilettenanlage benutzen, die aus 15 nebeneinander installierten Einzelsitzen bestand.

Lange-Rehberg: „Ermüdend waren für die Lagerinsassen vor allem die Zählappelle, ohne die auch keine Lebensmittel verteilt wurden.” Mit der ärztlichen Betreuung und der Verteilung des Essens war der jüdische Arzt Dr. Max Schoenenberger beauftragt, dem einige Pfleger und seine Frau Erna zur Seite standen. Aufopferungsvolle Arbeit leisteten sie später auch in Theresienstadt, einem der Ziele dieses mörderischen Transports. Schoenenberger starb in Theresienstadt an Flecktyphus, seine Frau Erna wurde im Oktober 1944 in Auschwitz ermordet.

Am „Abreisetag” in Mausbach nahmen sich Richard und Toni Löwendahl das Leben. Am selben Tag noch starb an den unmenschlichen Bedingungen die 76-jährige Kölner Krankenschwester Frieda Wollmann.

Schreckliche Szenen spielten sich am 14. Juni 1942 auch auf dem Stolberger Hauptbahnhof ab, als die alten Leute mit Hilfe von Polizeibeamten die leeren Güterwagen besteigen mussten, wie Karen Lange-Rehberg erfahren hat: „Zu jeweils 45 Menschen einschließlich Gepäck wurden die Menschen in einen Waggon getrieben, Reiseziel zunächst: Theresienstadt. Die Polizeibeamten standen unter Gestapo-Aufsicht und durften keine weiteren Hilfen leisten. An der Derichsberger Straße in Mausbach erinnert heute nichts mehr an die grauenhaften Tage vor 70 Jahren.”

Am 15./16. Juni gab es zwei Transporte: nach Theresienstadt mit 1165 und nach Izbica bei Lublin mit 1066 Personen. Im Letzteren waren auch Hedwig und August Rubens, die schließlich in Sobibor ermordet wurden. August Rubens hatte an der Dammstraße in Herzogenrath eine Metzgerei geführt. Er war Mitglied der freiwilligen Feuerwehr und des Ritzerfeld-Afdener Liederkranzes gewesen.

1936 wurde er von der NSDAP wegen angeblich „asozialen Verhaltens” vorübergehend in Schutzhaft genommen, zudem die Schließung seines Geschäftes verfügt. Die Eheleute zogen nach Aachen, wo August an der Bismarckstraße 96 eine „Massagebehandlung und Fußpflege nur an Juden und in jüdischen Anstalten” betrieb. An der Dammstraße 3 in Herzogenrath erinnern heute zwei Stolpersteine an das schlimme Schicksal der Eheleute.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert