Erika Dienstl: Die Grande Dame des deutschen Sports

Von: Katharina Menne
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Blickt stolz auf ihre bewegte Zeit als Sportfunktionärin zurück: Erika Dienstl. Foto: K. Menne

Stolberg. Die Bilder auf dem Wohnzimmerschrank von Erika Dienstl zeigen sie mit Innenminister Thomas de Maizière, mit dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees Thomas Bach und mit dem Bundespräsidenten außer Dienst Horst Köhler. Immer steht die blonde, adrett gekleidete Frau neben mächtigen Männern aus Sport und Politik.

Doch auch wenn sie sich zu ihr herunterbeugen müssen – sie begegnen ihr stets auf Augenhöhe. Mit ihren 86 Jahren ist die ehemalige Florettfechterin noch immer eine Größe des deutschen Sports. Sie ist Ehrenpräsidentin des Deutschen Fechter-Bunds, war die erste Frau im Vizepräsidentenamt des Deutschen Sportbunds und war lange Jahre in der Kommission für Sport und Umwelt im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) tätig. Wenn die Olympioniken am 23. August aus Brasilien zurückkehren, wird sie dabei sein, wenn sie sich am Frankfurter Römerberg feiern lassen.

Doch auch, wenn sie als Sportfunktionärin um die ganze Welt jettete, ihrer Heimat Stolberg ist sie immer treu geblieben. Zu gut hat sie ihre ersten sportlichen Erfolge beim Atscher Turnverein noch in Erinnerung. Eher zufällig landete sie dann in ihrer Jugend über einen Freund beim Stolberger Fechtclub, wo sie als Linkshänderin zunächst mit rechts focht und sich der Erfolg nicht recht einstellen wollte. „Woher sollte ich denn wissen, dass es auch links fechtende Menschen gibt?“, sagt sie heute.

Als Jugendwartin des Deutschen Fechter-Bunds fuhr sie im Jahr 1968 erstmals mit zu den Olympischen Spielen nach Mexiko. Während sie sich im Hier und Jetzt daran erinnert, schweift ihr Blick immer wieder in die Ferne als würde das Ereignis von vor 48 Jahren wie ein Film vor ihr ablaufen.

Auch käme es ihr so vor, als seien die Spiele von 1976, als der heutige IOC-Präsident Thomas Bach mit der Florett-Mannschaft Gold holte, erst gestern gewesen. Ebenso unvergessen, sagt sie, seien auch die Spiele in Seoul 1988. Damals war die Bundesrepublik die erfolgreichste Nation im Fechten. Insgesamt gewannen die westdeutschen Fechter drei Gold-, drei Silber- und eine Bronzemedaille.

Doch diese Zeiten sind leider vorbei. Dass die einzigen vier deutschen Fechter, die sich für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro qualifizieren konnten, so schlecht abgeschnitten haben, trifft Dienstl sehr. Zu gerne hätte sie die jungen Sportler gefeiert. Doch: „Den Athleten mache ich keinen Vorwurf. Aber die Verbandsspitze kann man in der Pfeife rauchen.“ Erika Dienstl ist für ihre starken Worte bekannt und dafür, dass sie kein Blatt vor den Mund nimmt. Das weiß sie.

Es macht ihr nichts aus. „Als ‚Everybody‘s Darling‘ kommt man nicht in solche hohen Positionen“, sagt sie. Dennoch sei es noch immer vor allem bei Frauen wichtig, dass der Partner einen unterstützt. Ihre erste Ehe habe sie auf dem Altar des Sports opfern müssen. „Männer sind da durchsetzungsfähiger. Die machen das einfach“, sagt sie.

Das sei vielleicht auch der Grund, warum Frauen in Führungspositionen noch immer unterrepräsentiert sind.  „Aber ich habe natürlich auch kein Patentrezept, wie Frauen sich behaupten können.“ Umso stolzer mache es sie, dass die Degenfechterin und Olympiasiegerin Britta Heidemann am Donnerstag in die Athletenkommission des IOC gewählt wurde.

Doch sie hat nicht nur eine Meinung zum Fechten. Als Mitglied der Ethikkommission des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) bezieht sie auch Stellung zu den jüngsten Ereignissen. „Ich hätte mir einen härteren Umgang mit den des Dopings überführten russischen Athleten gewünscht“, sagt sie. Das ganze Ausmaß der Affäre habe sie ziemlich schockiert.

„Aber ich kenne Thomas Bach seit er 17 Jahre alt ist. Als Präsident des IOC hat er nicht die alleinige Entscheidungsmacht und muss mit den anderen Komiteemitgliedern zusammenarbeiten“, sagt sie. Das habe überhaupt nichts mit  einer angeblichen Freundschaft zwischen Bach und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu tun.

Was sie dagegen nicht überrascht habe, seien die im Vorhinein bemängelten Zustände im Olympischen Dorf in Rio gewesen. „Es war mir klar, dass ein Land, das in solchen strukturellen Schwierigkeiten steckt wie Brasilien, keine optimalen Spiele ausrichten kann“, sagt sie. Aber die Badezimmer der Sportler habe sie auch schon geputzt – damals in Atlanta.

Besonders beeindruckt habe sie dagegen der Mannschaftsgeist der Deutschen bei diesen Spielen. Nicht nur, dass Deutschland in fast sämtlichen Teamsportarten Medaillen geholt hat und vielleicht sogar noch holen wird. Nein, besonderen Respekt müsse man auch Sportlern wie dem Turner Andreas Toba zollen, der trotz eines Kreuzbandrisses nicht aufgegeben habe, um die Qualifikation der Mannschaft für das Finale nicht zu gefährden. „Auch ohne sensationelle Einzelleistungen schmälern zu wollen, entspricht es einfach der deutschen Mentalität, sich für die Mannschaft einzusetzen“, sagt sie. Und das sei auch gut so.

Dass in Deutschland fast nur die Fußballer vom Sport leben können, daran werde sich so schnell nichts ändern, glaubt sie. „Das lassen unsere gesellschaftlichen Strukturen gar nicht zu. Es gäbe einen riesigen Aufschrei, wenn Sportler für ihre Leistungen plötzlich staatlich entlohnt würden und ähnliche Preisgelder bekämen wie zum Beispiel in Italien oder Russland.“ Hierzulande ist eine Olympische Goldmedaille in diesem Jahr 20.000 Euro wert – allerdings kommt das Geld nicht vom Staat, sondern von der spendenfinanzierten Stiftung Deutsche Sporthilfe.

Die greift auch sonst Sportlern finanziell unter die Arme, als Gegenleistung für ihre Verdienste um das Ansehen des Landes, wie es offiziell heißt. Erika Dienstl war auch hier lange als Vizevorsitzende tätig und ist noch immer Aufsichtsrats- und Ehrenmitglied. Besonders die jungen Nachwuchssportler liegen ihr am Herzen. Und so hängt in ihrem Flur ein Bild der Säbelfechtweltmeister von 2014 mit der Widmung: „Frau Dienstl ist die Beste!“.

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