Stolberg - Entschlossen in die erste Streikwoche: 19 Kitas bleiben dicht

Entschlossen in die erste Streikwoche: 19 Kitas bleiben dicht

Von: Michael Grobusch
Letzte Aktualisierung:
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„Vorbereitung auf eine „historische Situation“: Verdi-Gewerkschaftssekretär Mathias Dopatka stimmt die Stolberger Erzieherinnen und Erzieher im „Piano“ auf den am Montag beginnenden Arbeitskampf ein.
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Hat bei den Eltern viel Zustimmung für den Streik ausgemacht: Vertrauensleute-Sprecher Joachim Paul.

Stolberg. Die Hintergrundmusik und das übliche Stimmengewirr gibt es an diesem Abend nicht, wenngleich das „Piano“ noch besser besucht ist als zu dieser Zeit sonst üblich. Diesmal aber spricht zunächst nur einer: Mathias Dopatka schwört die versammelten Erzieherinnen auf den am Montag beginnenden Streik im öffentlichen Sozial- und Erziehungsdienst ein.

Er erklärt ihnen auch, was der Arbeitskampf für die Angestellten der städtischen Kitas in der Praxis bedeutet. „Die meisten von euch haben einen Streik in solchen Ausmaßen noch nicht erlebt“, weiß der Verdi-Gewerkschaftssekretär für den Bezirk Aachen/Düren/Erft und fügt hinzu: „Das ist eine historische Situation.“ 23 Jahre ist es her, dass ein Tarifkonflikt im öffentlichen Dienst derart eskalierte. „Aber nach fünf Verhandlungstagen, drei Warnstreiktagen und unendlich vielen Gesprächen bleibt uns keine andere Wahl mehr.“

Weit über 90 Prozent haben bei der Urabstimmung für den Ausstand gestimmt. Und diese Entschlossenheit ist auch in der Altstadt-Gaststätte deutlich zu spüren. „Es gibt heute keine Erzieherin und keinen Erzieher mehr, der nicht eine schwierige Tätigkeit zu verrichten hat. Die aktuellen Entgelteinstufungen sind völlig überholt“, erklärt Christa Haupts, Leiterin des Familienzentrums Franziskusstraße, die auch zur dreiköpfigen Arbeitskampfleitung von Verdi in der Kupferstadt gehört. Gut 40 Jahre ist Haupts inzwischen im Dienst, und sie stellt fest: „Die Arbeitsbedingungen haben sich massiv verändert. Nur das Gehalt ist den neuen Gegebenheiten leider nicht angepasst worden.“

Patrick Winkler steht gerade erst am Anfang seiner beruflichen Laufbahn. Der angehende Erzieher der Kita Mozart-straße ist einer der wenigen Männer, die in einer Stolberger Kindertagesstätte arbeiten. „Ich erwarte einfach eine angemessene Bezahlung für die Arbeit, die wir machen“, bringt Winkler seine Forderung an die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände auf den Punkt. Das kann Mareike Zakic nur unterstreichen: „Wir fordern mehr Wertschätzung für das, was wir leisten. Auch auf finanzieller Ebene.“

Es herrscht Einigkeit in der großen Runde: Dieser Kampf ist es wert, ausgetragen zu werden – mit aller Konsequenz. Für Stolberg heißt das konkret, dass ab Montag sämtliche städtischen Kitas geschlossen bleiben werden – 19 an der Zahl. „Unbefristet“, heißt es offiziell von Seiten der Gewerkschaft. Der Streikplan für die Kupferstadt aber umfasst zunächst einmal die kommenden zwei Wochen. Christa Haupts räumt ein, dass das für die betroffenen Eltern eine große Herausforderung darstellt. Insgesamt sind derzeit 1029 Kinder in städtischen Einrichtungen eingeschrieben. „Aber unterm Strich ist es wichtig, dass wir alle Kitas bestreiken. Das erhöht den Druck auf alle Beteiligten und wird uns am Ende schneller zu einer Lösung führen.“

Den großen Ansturm auf die von der Stadt angebotene Hotline hat es nach Aussage von Robert Voigtsberger bis dato nicht gegeben: „Uns liegen aber immerhin 78 Anfragen für eine Betreuung vor“, erklärte der Erste Beigeordnete am Freitagnachmittag auf Anfrage unserer Zeitung. Ihnen wird die Stadt keine Notgruppe, sondern „eine alternative Betreuung“ anbieten, die von nicht streikendem Personal sichergestellt werden soll (siehe Kasten).

Ärger oder Proteste von Elternseite gibt es offenbar bislang nicht. Das können auch die Erzieherinnen bestätigen. Sie berichten von großer Zustimmung in der Elternschaft, von ermutigenden Worten und sehr viel Verständnis. „Die Landeselternschaft hat sich eindeutig positiv zu unseren Anliegen geäußert“, freut sich Joachim Paul. Und auch aus dem direkten Umfeld gebe es nicht nur große verbale, sondern auch schriftliche Unterstützung: „Die Eltern der Kita Bertholdstraße haben eine Petition an den Bürgermeister geschickt“, berichtet der Verdi-Vertrauensleute-Sprecher für die Stadtverwaltung Stolberg.

Das passt gut in das Konzept von Verdi, wie Mathias Dopatka erklärt: „Die Bürgermeister sitzen zwar nicht mit am Verhandlungstisch, aber sie können Einfluss nehmen auf die Arbeitgeberverbände.“ Eine Ausnahme sieht Dopatka allerdings, und die nimmt er ganz besonders ins Visier: Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp. „Er gehört zum Gruppenausschuss Verwaltung und damit zu denjenigen, die die Entscheidungen für die Arbeitgeber treffen.“ Bedruckte Postkarten werden im „Piano“ verteilt, mit Philipp als Adressaten und einem deutlichen Hinweis: „Seit 24 Jahren ist die Bezahlungsgrundlage der Kita-Beschäftigten nicht mehr angepasst worden.“

Zum Auftakt nach Aachen

Dies zu ändern, das wird immer wieder betont, ist der größte Ansporn der Streikenden. Am Montag, dem ersten Tag des Ausstandes, werden sie sich auch von Stolberg aus aufmachen zur zentralen Kundgebung in Aachen. „Es ist wichtig, dass wir unsere Forderungen mit unserer Anwesenheit untermauern“, ruft Christa Haupts in die Runde. Tosender Applaus folgt.

Als nach gut zwei Stunden alles geklärt ist, gibt es immer noch einiges zu besprechen. Viele Erzieherinnen bleiben nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung und tauschen sich aus. Und auch die Musik spielt nun wieder im Hintergrund.

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