Entlassener Fluthelfer: Baumarkt nimmt Kündigung zurück

Von: Ottmar Hansen/red
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Das Hochwasser hatte auch die Gegend um Magdeburg heimgesucht. Zur Rettung der Flutopfer und zu den Aufräumarbeiten wurden DRK-Helfer aus der ganzen Bundesrepublik angefordert. Auch aus der Städteregion Aachen. So kam auch der Stolberger Norbert Augusto zu seinem Einsatz. Foto: Jens Wolf/dpa
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Norbert Augusto ist wieder zurück in Stolberg. Als erste Amtshandlung hat er sich einen neuen Job gesucht. Foto: O. Hansen

Stolberg. „Man wird noch dafür bestraft, dass man anderen Menschen geholfen hat.“ Norbert Augusto versteht die Welt nicht mehr. Fünf Tage lang war er als Helfer des Deutschen Roten Kreuzes in den Hochwassergebieten bei Magdeburg im Einsatz. Währenddessen erhielt er die Kündigung für seine Arbeitsstelle in einem Stolberger Baumarkt - die aber mittlerweile wieder zurückgenommen wurde.

Es war am frühen Sonntagmorgen, als die Alarmierung des DRK kam. Die Flutkatastrophe an der Elbe machte den Einsatz weiterer Helfer erforderlich. Auch aus der Städteregion Aachen sollten Kräfte Richtung Magdeburg ausrücken. Norbert Augusto zögerte nicht lange und sagte seine Hilfe zu. Das Problem: Er musste als 400-Euro-Jobber am Montag und Dienstag in einem Baumarkt arbeiten. „Ich habe sofort versucht, meinen Chef angerufen. Doch der ging nicht ans Telefon.“ Einem Kollegen trug der 19-Jährige auf, den Chef zu benachrichtigen.

Ausgesprochen sauer“

„Wir sind dann um 8.30 Uhr aufgebrochen. Abends um 19 Uhr waren wir am Ziel“, blickt Norbert Augusto zurück. Am Montagmorgen hat der junge DRK-Helfer dann selbst noch einmal bei seinem Chef im Baumarkt angerufen und die Lage erklärt. Augusto: „Der reagierte ausgesprochen sauer. Auch die Ankündigung, dass ihm mein Lohn erstattet würde, konnte ihn nicht milder stimmen.“ Eine halbe Stunde später sei dann per Mail die Nachricht von der Arbeitsstelle gekommen: „Wenn Sie einfach nach Magdeburg fahren, können sie auch gleich da bleiben.“

Mit anderen Worten: Der 19-Jährige war fristlos entlassen worden. Norbert Augusto versteht die Welt nicht mehr: „In Magdeburg sind alle Helfer gegen die Hochwasserkatastrophe wie Helden gefeiert worden, und zu Haus wirst du fristlos entlassen. Andere Chefs haben da mehr Verständnis.“

Im Toom-Baumarkt in Stolberg sieht man das anders. „Wenn man nicht wie vereinbart zur Arbeit kommt, muss man das absprechen. Man kann nicht einfach zu Hause bleiben oder weg fahren. So funktioniert das nicht“, betont eine Kollegin. „Man verlässt sich ja schließlich darauf, dass der Mann zum Dienst erscheint. Zumal andere Kollegen derzeit krank sind.“

Der Kollege habe schon das eine oder andere Privileg genossen. Etwa früher Schluss zu machen, damit er den Bus noch bekomme. Der Marktleiter wollte sich am Montag auf Anfrage nicht zu dem Thema äußern und verwies auf die Konzern-Zentrale in Köln.

Norbert Augusto ist enttäuscht. Nun habe er schon ehrlich mitgeteilt, warum er nicht zur Arbeit habe kommen könne. Er habe sich ja auch einfach ebenfalls krank melden können. In Magdeburg war der junge Stolberger vor allem im Verpflegungstrupp eingesetzt, der die vielen Helfer mit kräftigender Nahrung versorgte. „Wir haben mehr als 4000 Essen am Tag gekocht“, schildert Norbert Augusto seine Tätigkeit vor Ort.

Pro Tag war der Stolberger mehr als zwölf Stunden im Einsatz. „Ich habe kaum geschlafen. Ich hätte aber auch Sandsäcke geschleppt“, so der junge Mann. „Magdeburg hatte das Schwerste aber schon überstanden. Es ging darum, Keller auszupumpen und die Straßen aufzuräumen.“

Norbert Augusto hat sich auch in Stolberg in sozialen Projekten engagiert, wie etwa im JUMP-Projekt zur Integration von Jugendlichen. Die weitere berufliche Zukunft des jungen Mannes ist allerdings noch unklar. Zunächst einmal hat er einen neuen 400-Euro-Job gefunden. Der 19-Jährige hat sein Fachabitur gemacht und könnte jetzt auch ein Studium beginnen. Lieber würde er allerdings als Sanitäter bei der Bundeswehr arbeiten. Als gebürtiger Angolaner hat er jedoch wenig Chancen, bei der deutschen Armee unterzukommen.

Am Dienstag, 18. Juni, nahm die Geschäftsführung der Toom Baumarkt-Zentrale in Köln in einer Pressemitteilung Stellung zu unserem Artikel:

„Bei toom Baumarkt verliert niemand seinen Job, weil er anderen Menschen hilft“, so Detlef Riesche, Vorsitzender der Geschäftsführung von toom Baumarkt.

toom Baumarkt hat bereits gestern mit Norbert Augusto Kontakt aufgenommen und das Missverständnis erklärt.

„Viele unserer Mitarbeiter wurden auf Anfrage freigestellt, um in den betroffenen Hochwasser-Gebieten zu helfen. Denn Verantwortung zu übernehmen ist einer unserer Grundwerte bei toom Baumarkt. Es tut uns leid, dass eine Verkettung unglücklicher Umstände zur unberechtigten und gegenstandslosen, da mündlichen Kündigung des Mitarbeiters geführt haben. Norbert Augusto ist selbstverständlich noch Mitarbeiter des toom Baumarktes in Stolberg-Breinig und dort willkommen“, so Riesche weiter.

toom Baumarkt und die örtliche Marktleitung in Stolberg-Breinig haben großen Respekt vor seiner spontanen Entscheidung zu helfen, genauso wie für die vorbildlich-selbstlose Hilfe des DRKs und aller Helfer.

Zu der unwirksamen, da mündlichen Kündigung kam es, weil ein Mitarbeiter in einer Ausnahmesituation überreagiert hat. Sowohl der Mitarbeiter als auch toom Baumarkt bedauern dies ausdrücklich.

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