Emanzipation lässt sich nicht alleine durch Gesetze erreichen

Von: Annika Kasties
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Auch Frauen können zupacken: Am Berufskolleg Simmerath/Stolberg bemüht man sich, das technische Interesse von Frauen und jungen Mädchen früh zu fördern. Foto: B. Averdung-Häfner.

Stolberg. Oft sind es die beiläufigen Bemerkungen, an denen Ingrid Wagner merkt, dass der Weg zur vollen Gleichberechtigung der Geschlechter noch weit ist. Eine Frau an der Spitze einer weiterführenden Schule? „Auf schulformübergreifenden Fortbildungen werde ich noch häufig gefragt, von welcher Grundschule ich denn komme“, erzählt die Leiterin des Berufskollegs Simmerath/Stolberg schmunzelnd.

Trotz aller Fortschritte in der Emanzipation der Frau sitzen klassische Rollenbilder weiterhin tief. Und das nicht nur bei Männern. Emanzipation, das weiß die Pädagogin, lässt sich nicht nur über gesetzliche Bestimmungen erstreiten. Sie ist eine Haltungssache. In Zeiten, in denen Frauen hohe Ministerposten übernehmen und sogar die Spitze der Regierung begleiten, nehmen viele Menschen gleiche Rechte für Mann und Frau für selbstverständlich. Dies sieht die Schulleiterin allerdings nicht nur positiv: „Es droht die Gefahr, dass Gleichberechtigung insbesondere von der jungen Generation nicht mehr als Wert gesehen wird, für den es sich zu kämpfen lohnt.“

Eine Umfrage, die Wagner unter ihren Schülern durchführte, offenbarte große Wissenslücken in der Geschichte der Frauenbewegung. Dass Frauen noch vor 50 Jahren nicht ohne die Erlaubnis ihres Mannes arbeiten durften, sei beispielsweise nur wenigen Schülern bewusst gewesen.

Doch kulturgeschichtliches Wissen reiche nicht aus, um das Bewusstsein für Frauenrechte zu stärken. Den Auftrag von Schulen in der Förderung von Frauen sieht Wagner vor allem in der Stärkung ihres Selbstbewusstseins erfüllt. „Das ist ein langwieriger Prozess, der sich durch punktuelle Unterrichtseinheiten allein nicht bewältigen lässt“. Am Berufskolleg Simmerath/Stolberg setzt man hierzu vor allem auf interkulturelle Kompetenz durch Mobilität. Als vom Land Nordrhein-Westfalen zertifizierte Europaschule verpflichtet sich das Berufskolleg, den Europagedanken sowohl inhaltlich als auch durch internationale Projekte und Partnerschaften umzusetzen. Rund zehn Prozent der Schüler absolvieren ihre Pflichtpraktika im Ausland. Das Resultat dieser Erfahrung sei enorm, berichtet Wagner. Vor allem bei den Mädchen beobachte sie eine deutliche Veränderung. „Die kommen mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein zurück.“

Dieses Selbstvertrauen sollen die Schüler ihrerseits an die kommende Generation weitergeben. Im Rahmen der Erzieher-Ausbildung werden die Schüler und Schülerinnen dazu angehalten, die Förderung der sogenannten Mint-Fächer – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – schon bei den Kleinsten in den Alltag zu integrieren. Im Vordergrund stünden dabei keine imposanten Experimente, bei denen es blitzt und raucht. Stattdessen sollen Alltagssituationen zum Anlass genommen werden, um das technische Interesse von Kindern zu fördern. So könne die Beobachtung, dass sich ein Wasserglas beim Spülen mit Wasser füllt und dadurch untergeht, zum Anlass für kindgerechte Physik werden. Und das ganz unabhängig vom Geschlecht.

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