Stolberg - Einsatz für Frauen: Junge Menschen nicht verloren geben

Einsatz für Frauen: Junge Menschen nicht verloren geben

Von: Doris Kinkel-Schlachter
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Irene Wachtensleben aus Mausbach setzt sich für ihre Mitmenschen ein. Vor allem der Verein Solwodi Aachen, der junge Frauen unterstützt, kann auf ihre Hilfe bauen. Foto: D. Kinkel-Schlachter

Stolberg. Es sind schon gut 23 Jahre vergangen, aber das Bild hat Irene Wartensleben heute noch vor Augen: Da saß diese junge Frau mit ihren Zwillingen auf den Schultern im Sand und schaute die Diakonie-Kirchmeisterin mit großen Augen an. „So fing es bei mir an“, sagt die heute 76-Jährige und lächelt zurückhaltend.

Bei der jungen Frau handelte es sich um Emilie Lisasi, ein kongolesischer Flüchtling, 18 Jahre jung und hochschwanger. Irene Wartenslebens „Anfang“ sah folgendermaßen aus: Sie besuchte die Familie Lisasi im Asylbewerberheim, früher zwischen Mausbach und Werth gelegen, besorgte Busfahrkarten, meldete die Zwillinge im Kindergarten Vicht und ein weiteres Kind, Sohn Joris, in der Grundschule Büsbach an. Da, wie sich herausstellte, Joris Asthma hatte, attestierte die Schulärztin, dass das Kind und somit seine Familie nicht zurück können. „Wir haben heute noch Kontakt“, freut sich Irene Wartensleben. Emilie lebt mit ihren vier Kindern in Köln und arbeitet in einem Altenheim in Leverkusen.

Eine Geschichte nur, und davon könnte Irene Wartensleben so viele erzählen. Sie redet aber nicht viel, sie handelt. Das hat sie über 25 Jahre lang getan. Immer wieder. Ihr dauerhaftes Engagement bei der Förderung von jungen Menschen mit Migrationshintergrund ist beispiellos. Dafür wurde ihr von der „Stiftung ehrenamtliches Engagement“ in der Städteregion als einzige Frau von fünf Preisträgern im November der Stifterpreis in der Kategorie „Einsatz für eine gute Sache“ übergeben. Der Preis ist mit 2500 Euro dotiert.

Das Geld wandert nun aber nicht in die Urlaubskasse, sondern direkt auf das Konto von „Solwodi“ (Solidarity with women in distress – Solidarität mit Frauen in Not). Das ist ein Verein, der Frauen in Notsituationen hilft. Die Mitarbeiterinnen engagieren sich für Frauen, die durch Sextourismus, Menschenhandel oder Zwangsheirat nach Deutschland gekommen sind. Das Projekt „Stella“ ist eine Beratungs- und Kontaktstelle für Frauen in der Prostitution und für Frauen, die Opfer von Menschenhandel geworden sind, in und um Aachen. Die Mitarbeiterinnen bieten Mädchen und jungen Frauen, die aus der Prostitution aussteigen möchten, Beratung und Begleitung an. Das Angebot ist kostenlos und anonym. „Und wir sind natürlich auf Spenden angewiesen“, zeigte sich Roshan Heiler, die Vorsitzende von Solwodi in Aachen, froh über den Geldsegen.

„Danke im Namen Stolbergs und unserer Bürger für Ihre lebenslange Arbeit. Wir sind stolz, dass so ein Mensch wie Sie in unserer Stadt lebt“, betonte die stellvertretende Bürgermeisterin, Hildegard Nießen. „Sie sind sehr konsequent geblieben, auch insofern, als dass Sie einen Spendenzweck gesucht und gefunden haben in Solwodi. Damit rücken Sie die Problematik von Frauen in den Fokus, die in Zwangsprostitution geraten sind.“ Irene Wartensleben gebe ihren Geldpreis dort weiter, wo dringend und zwingend Handlungsbedarf sei. Und Else Beckers vom sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamtes der Städteregion nennt die 76-Jährige liebevoll „Ein-Frau-Institution“; weil sie sich persönlich und äußerst praktisch um junge Menschen mit Migrationshintergrund in Stolberg gekümmert habe und das als Einzelperson – ohne einer Organisation angeschlossen zu sein.

Wie Irene Wartensleben auf Solwodi gekommen ist? Die Mausbacherin mit bayrischen Wurzeln wurde durch einen Artikel auf den Verein aufmerksam und diskutierte zu diesem Thema mit den Teilnehmern des zweiwöchentlich stattfindenden Gemeindetreffs in Mausbach. Hierbei sei sie auch auf die Idee gekommen, mit dem Geld den Verein zu unterstützen.

„Wir helfen den Frauen, egal, ob sie aus der Prostitution aussteigen möchten, oder weiterhin im Milieu arbeiten und einfach nur Beratung und Ansprechpartner benötigen“, erklärt die 33-jährige Roshan Heiler. Und so vereint die beiden Frauen – trotz des Altersunterschieds – dieser unermüdliche Einsatz. „Als Fürsprecherin verlieh Irene Wartensleben denen eine Stimme, die ansonsten keine eigene Lobby im gesellschaftlichen Bewusstsein haben. Sie hat junge Menschen nicht verloren gegeben, sondern im wahrsten Sinne des Wortes integriert, wo es möglich war und die Entfaltungsmöglichkeiten des Einzelnen gestärkt und versucht, die Lebensumstände zu verbessern, um ein menschenwürdigeres Dasein zu ermöglichen“, fasste die Gleichstellungsbeauftragte Susanne Goldmann zusammen. Und so, wie sich vor allem Frauen mit ihren Problemen und Nöten an Irene Wartensleben gewendet haben, weil sie ihr vertrauten, sind es auch Frauen, die ihre Sorgen an Solwodi herantragen.

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