Stolberg - Einfach mal dem Hamsterrad entfliehen

Einfach mal dem Hamsterrad entfliehen

Von: Luisa Houben
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Unterschiedliche Standpunkte:
Unterschiedliche Standpunkte: Ralf Houfer (l.) hat (noch) keins, Leo Wellens bucht schon seine Arbeitszeit auf das Lebenszeitkonto.

Stolberg. Es scheint eine klare „Win-Win-Situation” zu sein. Sowohl das Bethlehem Gesundheitszentrum, einer der größten Arbeitgeber in Stolberg, als auch die Beschäftigten des Unternehmens sollen von dem neuen System der Arbeitszeitkonten bestens profitieren.

Als eines der ersten Krankenhäuser deutschlandweit versucht sich das „Bethlehem” in der Umsetzung dieses Projektes. Das große Ziel lautet: Flexibilisierung. Insbesondere für die Beschäftigten im Bereich der körperlich belastenden Berufe wie Altenpflege. Es soll eine Brücke zwischen Berufs- und Privatleben gebaut werden. Der Arbeitgeber will vor allem eine Bindung an den Arbeitsplatz aufrechterhalten. In dem Burnout-Syndrome vorgebeugt werden und den Beschäftigten bezahlte Freizeit geboten wird, soll das Know How der Fachkräfte dem Unternehmen langfristig sicher sein.

Träume werden wahr

So vereinbaren Mitarbeiter ganz freiwillig mit dem Arbeitgeber, dass ein Teil des Gehaltes nicht ausgezahlt wird, beispielsweise Überstunden, Weihnachtsgeld oder nicht in Anspruch genommene Urlaubstage. Stattdessen wird der Betrag auf ein persönliches Zeitwertkonto eingezahlt - ohne Abzug von Steuern und Sozialabgaben, welche erst bei der Auszahlung fällig werden.

Nachdem z. B. eine Krankenschwester 70 bis 100 Prozent ihres Gehaltes über einen unbestimmten Zeitraum angesammelt hat, könnte sie sich eine dreimonatige Auszeit nehmen. Der Personalchef des Gesundheitszentrum in Stolberg, Helmut Drummen, ist sichtlich begeistert: „Lebenszeitkonten sind eine spannende Sache. Wir bieten unseren Mitarbeitern mehr Zeit für sich, insbesondere wenn sie unter großem Stress und Druck stehen und eine Auszeit wünschen, um aus dem Hamsterrad zu entfliehen.”

Für andere besteht die Möglichkeit sich den Traum, bei „Ärzte ohne Grenzen” mitzuwirken, endlich zu erfüllen oder größere Reisen anzutreten. Das Angebot richtet sich aber auch an Beschäftigte, die auf Grund von privaten Krisensituationen eine Auszeit brauchen und gleichzeitig keinen Gehaltsverlust riskieren wollen oder können. Auch wird das Wertguthaben genutzt, um vorzeitig in Ruhestand, in Form einer bezahlten Freistellung zutreten.

Diese Vorstellung hat Ralf Houfer, der Gesamtleiter des ZAP, Verantwortlicher für stationäre Therapie und Schulleiter der Physiotherapieschule am Beth­lehem. Er hat noch kein Arbeitszeitkonto eröffnet und stellt sich die Frage ob er sich dies wirklich leisten könne. „Zurzeit lebe ich meinen Traum. Priorität haben für mich die Gestaltung meiner Freizeit, Hobbys und Urlaub.” Generell hält er die Möglichkeit für ein sehr gutes Angebot und schließt nicht aus, es irgendwann selber wahr zu nehmen. Vorher will Houfer jedoch wissen wofür er die gesparten Urlaubstage oder Weihnachtsgelder nutzen würde. „Ich kann mir durchaus vorstellen meine Rente vorzuziehen. Theoretisch stellt das Angebot auch eine Zusatzversorgung dar, die ich statt Lebensversicherung hätte abschließen können.”

Nachfrage zurückhaltend

Als die Mitarbeiter im letzen Jahr über das Angebot der Lebenszeitkonten in Informationsveranstaltungen unterrichtet wurden, entschied sich Leo Wellens dafür.

Der Physiotherapeut verdient nun unterm Strich weniger und stellt fest: „Es ist ein Luxus den ich mir damit leiste, denn ich bin auf das Weihnachtsgeld und Urlaubstage nicht angewiesen.” Inwiefern er das Ersparte nutzen wird, weiß er noch nicht. „Möglicherweise werde ich es einmal kurzfristig brauchen können und sonst wartet eben eine höhere Rente auf mich. Verlieren werde ich es also nicht.” Im Fall der Fälle könnten diejenigen, die ein Arbeitszeitkonto eröffnet haben, dieses jederzeit kündigen.

Doch warum ist das Bethlehem Gesundheitszentrum ein der wenigen Krankenhäuser oder gar Unternehmen, welches Zeitwertkonten einrichten lässt? Der Personalchef des Krankenhauses erklärt: „Andere Unternehmen sehen die Herausforderung möglicherweise als zu hoch, haben Angst vor einer Explosion der Überstundenanzahl und fürchten Fachkräftemangel, der nicht so leicht zu ersetzten ist.”

Es ist ein Jahr vergangen, seitdem die Arbeitszeitkonten für Mitarbeiter des Krankenhauses eingeführt wurden, und grade einmal 30 der rund 950 Beschäftigten nehmen das Angebot in Anspruch.

Obwohl die Mitarbeiter über das Angebot gut informiert wurden scheint die „kritische Masse” groß zu sein. „Aber”, so sagt Helmut Drummen, „das Angebot der Arbeitszeitkonten muss weiter von der Mitarbeitervertretung aktiv beworben werden”, damit seine Vorzügen populärer werden. „Denn in dem Projekt steckt viel Musik”, ist der Personalchef überzeugt.
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