Eine wahre Goldgrube: Stolberger Bleihütte wird ein „El Dorado“

Von: Jürgen Lange
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Auf dem Weg ins Goldland am Binsfeldhammer: Dr. Urban Meurer, Sebastian Maurell-Lopez und Knut Esser (v.l.). Foto: J. Lange / Berzelius
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Der Tiegel wiegt 1,35 Tonnen und enthält 80 Prozent Silber. Foto: Lange/BBH
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Aus der Zentrifuge (hinten) fließt das Güldischsilber in die Warmwanne (vorne) und wird als Anode gegossen. Foto: Lange/BBH
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Aus der Zentrifuge (hinten) fließt das Güldischsilber in die Warmwanne (vorne) und wird als Anode gegossen. Foto: Lange/BBH

Stolberg. „Wir haben die Pubertät überstanden“, sagt Knut Esser auf die Frage, ob sein Kind erwachsen geworden ist. „Wir haben die schwierigen Zeiten überstanden und sind nun beim schönen Teil, der Weiterentwicklung auf einer soliden Basis“, schwärmt der Produktionsleiter der Berzelius Bleihütte Binsfeldhammer (BBH) von „seinem Kind“.

Von 2010 an hat sich der Diplom-Ingenieur mit der Planung, Entwicklung und dem Betrieb der Silberhütte beschäftigt. Im Juli vor zwei Jahren war zur Inbetriebnahme des ersten von drei Vakuumöfen eigens Howard M. Meyers angereist. Der 74-Jährige ist der Inhaber der Quexco Inc. mit Sitz in Dallas/Texas, zu der die Stolberger Bleihütte über die britische Ecobat Technologies Ltd. gehört. Quexco ist der weltweit größte Bleiproduzent.

Vor ein paar Tagen war Howard Meyers wieder einmal in der Kupferstadt. Nicht nur, weil „die Stolberger Bleihütte eins meiner Lieblings-Unternehmen ist“, wie der Selfmade-Millionär freimütig bekennt, sondern auch weil die Entwicklung des Werkes am Ufer des Vichtbachs ständig fortschreitet und dabei einen interessanten Wandel erlebt. „Wir verdienen heute mehr Geld mit der Gewinnung von Gold und Silber als mit Blei“, erklärt Dr. Urban Meurer. Die früheren Nebenprodukte der Bleigewinnung sind in den Mittelpunkt gerückt.

Das drückt sich in einer rückläufigen Blei- und einer steigenden Herstellung von Edelmetallen aus, sagt der BBH-Geschäftsführer. Verließen 2012 noch über 150.000 Tonnen Blei die Stolberger Hütte, so geht heute der Trend zu einer Jahresproduktion von 120.000 Tonnen. Gleichzeitig wurde die Gewinnung von Silber auf rund 750 Tonnen im Jahr verdoppelt. „Und da sind dann auch gut fünf Tonnen Gold bei“, erklärt Sebastian Maurell-Lopez, der die Feinhütte leitet.

Und angesichts der Metallpreise wird nun einmal mit den dreistelligen Edelmetall-Mengen mehr Geld verdient als mit sechsstelligen Blei-Tonnagen. „Vor dem Hintergrund rückläufiger Schmelzlöhne muss es eben auch die Menge machen“, so Meurer weiter. Der Schmelzlohn ist der Betrag für die Gewinnung von Blei, Silber, Gold sowie Zink, Kupfer, Wismut, Paladium und Platin, die in Stolberg aus dem Erzkonzentrat und Recyclingmaterial aus Autobatterien gewonnen werden. Angesichts der Werte der edlen Metalle steht der Umsatz von 500 Millionen Euro vor einer Verdopplung, wobei das Team von Urban Meurer ständig vor der Aufgabe eines liquiden Geldflusses gestellt ist.

Vor dem Hintergrund eines stagnierenden Bleimarktes und harten Wettbewerbs soll der Anteil der Edelmetalle weiter ausgebaut werden. Das bedingt, dass Bleierze mit einer entsprechend hohen Quote an den gewünschten Stoffen in die Produktion eingebracht werden. Neben europäischen und australischen Bezugsquellen rücken daher immer mehr Minen in Südamerika ins Visier der Stolberger, weil dort die gewünschten höherwertigen Erze abgebaut werden.

Doch wer feine Sachen gewinnen möchte, muss auch entsprechend sorgfältig arbeiten. Und hier kommen nun wieder Knut Esser und Sebastian Maurell-Lopez ins Spiel, die sich mit ihren Mitarbeitern intensiv um die Feinjustierung der neuen Öfen in der Silberhütte gekümmert haben. „Junker in Lammersdorf hat wirklich sehr gute Öfen für uns gebaut“, so Esser weiter, „die wir auch teilweise gemeinsam entwickelt“ haben. „Aber die Betriebserfahrung mussten wir selbst einbringen und anpassen“, erklärt der Feinhütten-Leiter, dass auch einige Anpassungen und Umbauten an Aggregaten vorgenommen worden sind, um die Arbeit von Öfen, Kondensatoren und Personal weiter optimieren zu können. Seit einem Jahr ist die Silberhütte komplett in Betrieb – „und nun läuft sie richtig gut“, freut sich Esser. Das bedeutet natürlich keinen Stillstand, sondern eine solide Basis, um die Produktion kontinuierlich weiterentwickeln und verfeinern zu können. Der schöne Teil beginnt...

Dazu zählte auch, dass die Stolberger genau geprüft haben, mit weiteren Veredelungsschritten die Herstellung zu erweitern. Konventionell werden die Silberanoden – jede der rund 55 Kilogramm schweren Platten ist gut und gerne 5000 Euro wert – an Scheideanstalten verkauft, die das Güldischsilber für die Anwendung als Industrie- oder Schmuck-Rohstoff weiter verfeinern.

„Howard Meyers war schon bereit in die Produktion eigener Silber- und Goldbarren in Stolberg zu investieren“, verrät Urban Meurer. „Gut dass wir genau hingeschaut haben, denn dieser nächste Produktionsschritt hätte sich für uns nicht gelohnt“, unterstreicht der Geschäftsführer. Die Wertschöpfung der Scheideanstalten beruhe weniger auf den industriellen Prozess, als auf den Weiterverkauf. „Und das ist dann gar nicht mehr so recht unser Fachgebiet“. Die Stolberger setzten lieber weiterhin auf die gute Zusammenarbeit mit ihrem Kundenstamm.

Zudem baut die Beihütte nicht nur auf ihren bewährten, sondern auch auf einen steigenden Mitarbeiterbestand. Innerhalb der vergangenen zwei Jahre ist die Anzahl der Beschäftigten von 240 auf 270 angestiegen – mit weiterhin steigender Tendenz.

Über 60 Millionen Euro hat Berzelius seit dem Jahr 2000 in Effizienz und Umweltschutz am Standort investiert. Unter anderem 2009 gemeinsam mit Bayer in die Entwicklung der Schwefelaufbereitungsanlage „Bayquik“. Über 130.000 Tonnen Schwefelsäure jährlich gewinnt BBH quasi als normales Abfallprodukt der Bleiproduktion. „Jetzt gibt es einen weiteren Käufer für dieses Produkt, freut sich Meurer. Gut 25 Millionen Euro flossen alleine in den Aufbau der Silberhütte. Ganz aktuell wird ein aufwendiges Projekt zum Lärmschutz absolviert. Optischer Ausfluss davon ist die neue blau-weiße Außenverkleidung der alten Betriebsgebäude zur Zweifaller Straße hin. Doch hinter dem Millionen-Projekt steckt wesentlich mehr Aufwand als von außen sichtbar ist. Aus Gründen des Natur- und Hochwasserschutzes dürfen keine Gerüste ins Bett der Vicht gebaut werden. Oft freitragend müssen sie kompliziert am Ensemble-Bestand befestigt werden, der dabei gleichzeitig saniert werden muss. „Wir produzieren übrigens leiser als der Vichtbach dahinfließt“, merkt Dr. Meurer an. Für den Nachweis der geforderten Emissionswerte müssen bei den Messungen die Geräusche des Baches eigens ausgeblendet werden.

„Spannend“ findet der BBH-Geschäftsführer die Pläne der Kupferstadt, den Hauptbahnhof zu einem „Euregio Railport“ als Hinterland-Terminal der Nordseehäfen auszubauen. Das kann interessant sein für die eigenen logistischen Aufgaben. Aufgrund des Wertzuwachses dürften zukünftig immer mehr verschließbare Container eingesetzt werden. „Das spielt dann auch für unsere Transportwege eine Rolle“, sagt Esser und verweist auf ein weiteres Stolberger Projekt an der Nordseeküste: BBH wechselt vom Hafen Antwerpen nach Vlissingen, wo in Umschlaganlagen investiert wird, die der Diversifikation der Stolberger Produktion vermehrt Rechnung tragen. Auch in der Kupferstadt hat diese sich zu einem „El Dorado“ wandelnde Hütte noch einiges vor. Ein Ziel dabei ist eine verbesserte Anbindung des Werksverkehrs ans Straßennetz. Das soll in Zukunft auch die Autofahrer auf der Zweifaller Straße erfreuen. Aber auch dieses „Kind“ will gut geplant sein.

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