Eine Radtour über 21.000 Kilometer

Von: Dirk Müller
Letzte Aktualisierung:
4756256.jpg
Vom Jangtse-Drei-Schluchten-Staudamm in China, dem östlichsten Punkt seiner einjährigen Radreise, ist Frank Keusgen zwischenzeitlich an die Vicht zurückgekehrt. Foto: D. Müller

Stolberg. „Zum Reisen muss man sich Zeit nehmen“, ist sein Credo, und das hat er 2011 und 2012 ausgiebig getan. Sein Weg führte ihn durch 16 Länder bis nach China 28.000 Kilometer legte er zurück – 21.000 davon mit dem Rad: Frank Keusgen war ein Jahr lang unterwegs, saß bei seiner „Tour of Change“ rund 1240 Stunden im Sattel.

„Ich wollte sehen, wie die Menschen mit politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, Globalisierung, Rohstoffknappheit und Klimawandel leben“, beschreibt der gebürtige Eschweiler, der neun Jahre beim Radsportclub (RSC) Stolberg in die Pedale trat. Die Eindrücke und Erlebnisse, die er auf seiner „Tour der Veränderung“ gesammelt hat, hielt der 39-Jährige in dem Buch „Tour of Change – Eine Fahrradreise im Zeichen des Wandels“ fest.

Logistische Herausforderung

Zu beziehen ist das im Eigenverlag herausgegebene Buch über seine Internetseite. Marokko, Namibia, Island und den Polarkreis bereiste Keusgen bereits mit dem Rad, doch seine längste Reise sei nicht nur körperlich sondern auch logistisch eine ungleich größere Herausforderung gewesen, erklärt Keusgen nach der Rückkehr in die Kupferstadt: „Ich musste mich geografisch orientieren, Getränke, Nahrung, Schlafstellen, Ersatzteile fürs Rad und Visa besorgen. Das war mit den verschiedenen Sprachbarrieren nicht einfach, aber ich habe viele hilfsbereite Menschen kennengelernt. Besonders in den muslimischen Ländern und Regionen war die Gastfreundschaft der Einheimischen riesig.“ Mit ein Grund für ihn, nach der Tour zu sagen: „Ich würde es wieder tun“.

Ein weiterer ist wohl, dass er keine Gefahrensituation erlebt hat, obwohl er meist im Zelt in freier Natur übernachtete, den Urwald des Ural und die Steppe in Kasachstan mit Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius durchfuhr und auf 4000 Meter Höhe in Klein-Tibet bei minus 7 Grad fror. „Auch die Zugfahrten waren teils abenteuerlich, da die Gefährte und die Strecken nicht im besten Zustand waren“, berichtet Keusgen und erläutert, warum er bei seiner Mammut-Tour dennoch auf die Schienen angewiesen war: „Russland und China sind einfach so unglaublich groß, dass es schwer ist, diese Länder mit dem Rad zu durchqueren. In China wäre es mir gar nicht möglich gewesen, da das Visum auf drei Monate beschränkt war, und ich also gar nicht genug Zeit gehabt hätte, das riesige Land nur mit dem Fahrrad zu bereisen.“ Ohnehin sei China „sehr speziell“ gewesen.

Die ersten sechs Monate seiner „Tour of Change“ seien noch nach Plan verlaufen, danach hätten Probleme eingesetzt. „Ich wurde zunächst krank, hatte 40 Grad Fieber. Die Grenze zwischen Tadschikistan und Kirgistan war eigentlich für Ausländer geschlossen, und ich hatte Mühe, sie dann doch überqueren zu können.“ Auf das China-Visum habe er zwei Wochen lang warten müssen und später an einem Magen-Darm-Infekt gelitten. „Dadurch stand ich dann doppelt unter Zeitdruck: Das Visum drohte abzulaufen und mir saß quasi der Winter im Nacken.“ In China hätten ihn die starke Überwachung zum Beispiel durch Kameras, der Konflikt zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen wie den Han-Chinesen, der Uiguren und den Tibetern und die enorme Umweltverschmutzung beeindruckt.

Lächeln als Lebenseinstellung

„In Ballungsräumen konnte ich nur mit einer Atemmaske Radfahren, und wenn ich abends mein Trikot ausgewaschen habe, war das Wasser anschließend schwarz“, beschreibt Keusgen. Die anschließende Station Vietnam habe ihn aber neu motiviert: „Die Menschen waren sehr kontaktfreudig und enorm freundlich. Überhaupt war es für mich faszinierend, zu sehen unter welchen Bedingungen leben, wie arm sie teilweise sind und dennoch glücklich. Im asiatischen Raum sind die Menschen gelassener als in Europa, das Lächeln gehört dort zur Lebenseinstellung.“ Nach der Fahrt durch Laos traf Keusgen in Thailand auch auf deutsche Rentner – schon das zweite Mal während der „Tour of Change“, dass Landsleuten begegnete. „Im ukrainischen Kiew habe ich eine Gruppe von Studenten der RWTH Aachen getroffen. Ihnen konnte ich mich anschließen und an einem Tagesausflug zum havarierten Atomkraftwerk in Tschernobyl teilnehmen.“

Der Rad-Abenteurer hat auf seiner Tour viele hilfsbereite Menschen kennengelernt, ist häufig spontan eingeladen worden, und ganz alleine war er in dem Jahr auch nicht unterwegs. Zehn Wochen lang begleitete ihn seine Lebensgefährtin Nadine Zimmermann – natürlich auf dem Rad – unter anderem durch das Land, das Keusgen am besten gefallen hat: „Das war eindeutig Kasachstan mit seiner Landschaft und den herzlichen Bewohnern. Unser Besuch im Naturreservat ,Little Switzerland‘ bleibt unvergesslich.“ Einen Teil der Seidenstraße sei er zusammen mit einem Radfahrerpaar aus den Niederlanden gefahren und bei seinem Rückflug von Thailand aus habe sich die Redensart „Die Welt ist ein Dorf“ bewahrheitet, als die beiden im selben Flugzeug saßen.

Persönliche Veränderung

Von Stolberg und Eschweiler aus startet Frank Keusgen nun zu einer zweiten, persönlichen „Tour of Change“, denn er zieht zu seiner Partnerin in die Schweiz. Dort wird er seine Arbeit als Systemadministrator wieder aufnehmen und per Post und Internet zu einigen Reisebekanntschaften der „Tour of Change“ Kontakt halten. „Bei den kommenden Jahresurlauben ergibt sich vielleicht auch die Möglichkeit, den ein oder anderen zu besuchen. Außerdem können Nadine und ich uns gut vorstellen, innerhalb der nächsten zehn Jahre vielleicht noch einmal eine größere Radtour zu machen“, sagt Keusgen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert