Eine Kontaktbörse für die, die sonst oft verspottet werden

Von: Heike Eisenmenger
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Die „Liebesengel” brechen da
Die „Liebesengel” brechen das Eis: Michelle Schäfer (r.) und Verena Sauvage helfen bei der Kontaktaufnahme. Foto: Heike Eisenmenger

Stolberg. Einen „Liebesengel” brauchte Stephan nicht. Er hat sich ganz allein getraut und die junge Frau mit dem braunen Lockenkopf angesprochen, Sonja heißt sie und ist 26. Nun stehen sie Händchen haltend beisammen, trinken Limonade und strahlen sich an.

Sonja und Stephan sind geistig behindert. Kennengelernt haben sie sich bei der Premiere der integrativen Single-Disco im Stolberger Ortsteil Breiniger Berg. Die Bässe wummern, bunte Lichter tanzen im Takt der Musik über Wände und Boden im Jugendtreff „Remember”.

Organisiert hat die Veranstaltung die KoKoBe in der Euregio. Das ist die Abkürzung für die Koordinierungs-, Kontakt- und Beratungsstelle für Menschen mit (geistiger) Behinderung. Die Veranstaltung soll geistig Behinderten eine Plattform bieten, um Gleichaltrige kennenzulernen, aber auch, um in einem geschützten Rahmen feiern zu können. Unterstützt wird die KoKoBe dabei vom Jugendamt und dem Jugendparlament Stolbergs.

Es ist viel los, die Stimmung ist ganz gut. Der Clou sind „Liebesengel”, die bei der Kontaktaufnahme helfen. Michelle Schäfer und Verena Sauvage vom Jugendparlament sind in diese Rolle geschlüpft. Sie sehen hübsch aus mit ihren Engelsflügeln. Im Auftrag der Besucher schreiben sie kurze Botschaften und überbringen die Nachrichten auf Wunsch auch. Sie sind die Eisbrecher an diesem Abend.

Selbstbewusst zu sein, fällt nicht jedem der Besucher leicht. Das liegt zum einen daran, dass die Behinderung ihnen in gewissen Bereichen Grenzen setzt. Zum anderen liegt es daran, dass sie leicht Opfer von Spott werden.

Sonja weiß, wie es sich anfühlt, verhöhnt zu werden: „Ich hatte den Jungen, die mir entgegenkamen, nichts getan, aber sie hörten trotzdem nicht auf, gemeine Dinge hinter mir herzurufen”, beschreibt sie eine jener Situationen. Die Unsicherheit sitzt tief: Allein in eine Discothek oder Gaststätte zu gehen, würde Sonja sich nicht trauen. Bei der integrativen Disco liegt der Fall anders. Hier wird Sonja akzeptiert wie jeder andere auch. Was zählt ist, wie man als Mensch ist. Die Botschaft ist klar: Es ist normal, ein bisschen anders zu sein.

Ganz normal zu sein, bedeutet für Sonja auch, eines Tages einen festen Partner an ihrer Seite zu haben. Stephan, den sie an diesem Abend kennengelernt hat, könnte vielleicht dieser Mann sein, aber das werden die kommenden Wochen und Monate zeigen. Dass es zumindest gefunkt hat, ist den beiden deutlich anzusehen.

Sonja ist sehr zierlich und wirkt so fast kindlich. Tatsächlich aber ist Sonja eine erwachsene Frau mit Sehnsüchten und Bedürfnissen. Zu akzeptieren, dass aus einem geistig behinderten Kind ein erwachsener Mensch geworden ist, überfordere manche Eltern, schildert die Diplom-Sozialarbeiterin Heike Uphues ihre Erfahrungen. „Die Eltern haben sicherlich nur das Beste für ihr Kind im Sinn, sie wollen ihr Kind beschützen. Dennoch müssen sie lernen, auch loszulassen, damit ihr behindertes Kind selbstständiger wird”, sagt die KoKoBe-Mitarbeiterin. „Bei einem behinderten Kind, das ja besonderer Fürsorge und Förderung bedarf, ist das ebenso essenziell wie bei einem nichtbehinderten Kind: Es muss seine eigenen Erfahrungen machen”, sagt Heike Uphues eindringlich. So verständlich der Wunsch auch sei, sein Kind vor Enttäuschungen bewahren zu wollen - „ihm das Recht auf seine eigenen Fehler zu nehmen, wäre fatal”.

„Das Risiko muss man eingehen”

Auch Stephan hat nicht nur gute Erfahrungen gemacht. „Meine letzte Freundin hat auf eine fiese Art mit mir Schluss gemacht”, erzählt der 32-Jährige. Frustriert ist er aber dennoch nicht. „Das Risiko, dass es schief geht, muss man eingehen”, sagt er.

Der junge Herzogenrather hofft, dass die Beziehung mit Sonja etwas Festes wird. Aber er ist auch nach Breiniger Berg gekommen, um einfach zu feiern, neue Leute kennenzulernen und gute Musik zu hören. Durch eine Operation ist sein Mund ein wenig schief. „Niemand hat sich selbst gemacht”, sagt Stephan kämpferisch.

Sonja hat ein bisschen Angst wegen der vielen Menschen im Saal. Stephan nimmt sie fürsorglich an die Hand, und mit ihm an ihrer Seite traut sie sich auf die Tanzfläche. Einfach einen schönen Abend zu haben, darum geht es auch in dieser Disco.
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