Eine Industrieruine erwacht zum Leben

Von: Nadine Preller
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Drei im Team können so Einige
Drei im Team können so Einiges bewirken: Sebastian Wenzler, Leiter des Zinkhütter Hofs (r.), Museumspädagogin Petra Grüttemeier (m.) und Hausmeister Stefan Will Foto: Nadine Preller

Stolberg. Es muss damals mächtigen Lärm gegeben haben, ein unablässiges Wummern und Knallen in den Ohren der rund 4000 Arbeiter, die in den 29 Aachener Nadelfabriken ein paar Mark verdienten.

Schwarz müssen ihre Hände gewesen sein, ihre Schuhsohlen und Hosensäume. Schwarz getränkt vom ganzen Öl, dass die Fallhämmer und Spindelpressen am Laufen hielt und das unablässig die wuchtigen Maschinen heruntertropfte. Was für ein Dreck, was für ein Getöse. Das war um 1900.

Heute stehen die Maschinen still. Und leise lächelnd betrachtet Sebastian Wenzler einige dieser Giganten aus vergangen Zeiten, die jetzt die Dauerausstellung des Zinkhütter Hofs bereichern. „Das war ein gutes letztes Jahr für das Museum. Und dieses wird mindestens genauso wunderbar”, sinniert der Museumsleiter vor sich hin. Er könnte mit seiner Prophezeiung recht behalten.

120 Zusatzveranstaltungen

Denn nach einer Erhebung des Deutschen Museumsbunds können sich deutsche Kunsthäuser endlich wieder über steigende Besucherzahlen freuen. Vor ein paar Jahren sah es noch weniger rosig aus. Jetzt aber schwimmt Wenzler mit seinen Kollegen auf der Erfolgswelle. Allein im vergangenen Jahr strömten mehr als 25.000 Kulturbegeisterte in die Backsteinbauten an der Cockerillstraße. Das waren 5000 Besucher mehr als im Jahr 2010 - Tendenz: steigend.

Wenzler führt den positiven Trend in erster Linie auf die zahlreichen Zusatzveranstaltungen am Hof zurück. „Irgendwann sind Besucher gesättigt von der regulären Ausstellung”, sagt er. „Die Museen müssen heute ihren rückwärtsgewandten Makel loswerden. Das heißt: man muss sich immer wieder etwas einfallen lassen.”

Und sich etwas einfallen lassen, das können Wenzler und sein Team. Über 120 Zusatzveranstaltungen gab es im vergangenen Jahr. Da bebte die Stadt ob geballter Kunst unter Sternen bei der Stolberger Museumsnacht. Da bannte der Stolberger Fotograf Rolf Werner unmenschliche, monströse Welten auf Zelluloid und präsentierte sie in seiner „Cockerill Country”-Ausstellung. Und die Übernahme vierer Motorräder von Ernst Neumann-Neander bilde nach Wenzler auch nur den Anfang einer fortwährenden Mobilitäts-Reihe.

Das Erlebnis mit dem Original

Seit 1994 füllt Wenzler die ehemalige Industrieruine mit Ideen. Etwas wagen, Neues ausprobieren, das sei für ihn in der heutigen Museumsarbeit unabdingbar. Und seine Wagnisse machen den Hof publik, auch über Stolberger Grenzen hinaus.

Manches aber gehe ihm dann doch zu weit, beispielsweise der Trend einiger Kunsthäuser, ihre Exponate zu digitalisieren und online zu stellen. Ein Museums-Rundgang vor dem PC? Das kommt für Wenzler nicht in Frage. „Ich brauche das Erlebnis mit dem Original”, sagt er bestimmt.

Hier, in seinen Ausstellungshallen, findet er diese Originale. Und was für welche. Eine Badewanne aus Zink, beispielsweise. „Das ist ein richtiges Luxusstück, so etwas hat sich schon Napoleon in seinen Schlachten hinterhertragen lassen.” Wenzler flaniert vorbei an Waschbrettern und Wäschestampfern, an historischen Stechuhren und Landkarten. Dann macht er Stop vor seinem Lieblingsausstellungsstück. Es steht unten im Keller, in der Abteilung „Stolberger Gold”. Hier blitzt und blinkt das Kupfer. Und mittendrin, fast unscheinbar, eine Kaffeekanne aus dem Jahr 1930, die Wenzler ans Herz gewachsen ist. „Die habe ich auf dem Flohmarkt in Aachen für einen unglaublichen Preis erstanden”, sagt er augenzwinkernd.

Die Begeisterung für seinen Beruf ist dem Museumsleiter ins Gesicht geschrieben. Und vielleicht liegt es auch an dieser Arbeitslust, dass das riesige 2000 Quadratmeter große Gelände von nur drei Festangestellten (mit Wenzler die Museumspädagogin Petra Grüttemeier und Hausmeister Stefan Will) so liebevoll auf Vordermann gehalten wird. Zur Seite stehen den Dreien eine halbe Verwaltungskraft, zwei Studenten und einer Handvoll freie Mitarbeiter.

Und so gibt es immer etwas zu tun. „Wir sind ein privatgetragenes Museum, da kommt kein Geld von der Stadt oder vom Land.” Dankenswerterweise erhalte der Hof Betriebsmittel vom Landschaftsverband Rheinland (LVR), aber auch nicht unbegrenzt. „Das heißt, wir müssen wirtschaften. Klar kann ich mehr Mitarbeiter gebrauchen.” Für Wenzler jedoch eine Milchmädchenrechnung. „Mehr Mitarbeiter bedeuten wieder: mehr erwirtschaften. Und so fort.”

So bleibt alles erst einmal, wie es ist. An neuen Themen zumindest mangelt es dem Leiter nicht. „Das Ruhrgebiet ist in der Tat ein unerschöpflicher Pott”, sagt er begeistert. „Aus dem können wir immer was rausholen.” Es ist wohl Wenzlers Begeisterung für Kunst und Kulturgeschichte, gepaart mit der Begeisterung für seine Heimat, die dem Zinkhütter Hof so gute Zahlen beschert.

Nachwuchssorgen?

Und mit Unterstützung von Petra Grüttemeier konstatiert Wenzler, müsse man sich auch keine Sorge um den Nachwuchs machen. Mit dem Forum und der Zukunftswerkstatt schaffe es der Zinkhütter Hof immer wieder, Heranwachsende für die Stolberger Geschichte und für Kunst zu begeistern.

Dem Leiter ist es ungemein wichtig, dass Menschen schon in jungen Jahren mit diesen Elementen in Berührung kommen. „Wenn Sie das einmal geschafft haben, überzeugt haben, dann bleibt das Interesse von allein und geht nie wieder verloren.”

Angst machen Wenzler vielmehr die steigenden Kosten. „Bei den voluminösen Ausstellungsräumen und den wachsenden Heizkosten mach ich mir schon so meine Gedanken, wie wir das zusätzliche Geld künftig reinbekommen sollen.”

Blick aufs neue Jahr

Aber mit Blick aufs neue Jahr hat er da schon einige Ideen. Ein großes Open-Air-Konzert im Sommer in Kooperation mit der Städteregion sei geplant. Und auch das Thema Glas in Verbindung mit der ehemaligen Glashütte solle eine große Rolle spielen im Jahr 2012. Wenzlers Steckenpferd: Die Ausstellung auf das Thema Mobilität auszuweiten. Im Depot warten da schon so einige Schätzchen auf zwei und vier Rädern. „Ich blicke absolut positiv aufs neue Jahr”, sagt der Leiter. Und man hat wirklich keinen Grund, ihm nicht zu glauben.
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