Stolberg - Ein Leser erzählt: Immer Stress mit Schreiben der Grußkarten zum Fest

Ein Leser erzählt: Immer Stress mit Schreiben der Grußkarten zum Fest

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Autor Franz-Willi Hirtz aus Stolberg hat für unsere Leser eine Weihnachtsgeschichte verfasst. Foto: T. Dörflinger

Stolberg. Eine Weihnachtserzählung für die Leser dieser Zeitung hat Franz-Willi Hirtz aus Stolberg verfasst:

„Hallo Andrea“, ruft Holger in die Küche hinüber. „Ja, Schatz, was ist denn?“ „Kennst du die Postleitzahl von Bad Berleburg im Sauerland?“ Die Gerufene kommt, sich die Hände an der Schürze abwischend, herüber in Holgers Büro und fragt etwas erstaunt: „Nein, die kenne ich nun wirklich nicht. Bin ich etwa die Auskunft? Aber ich kann gerne einmal nachschauen.“ „Dann sei doch bitte so freundlich, ja“, brummte Holger schon etwas bestimmter.

„Wozu brauchst du denn die Postleitzahl von Bad Berleburg, Holger?“ „Weil sie zur Adresse gehört. Zwingend!“ „Zu welcher Adresse denn?“ „Ja, Himmel Herrgott noch mal, natürlich zu der von Onkel Albert!“, raunzet Holger sichtlich genervt seine verdutzte Frau an. „Oder kennst du sonst jemand aus unserer Familie, der in Berleburg wohnt?“ „Nein, Holger. Spontan fällt mit da niemand ein. Was willst du Onkel Albert denn schreiben?“

„Ja, was werde ich dem denn wohl schon schreiben wollen? Welches Datum haben wir denn heute, na?“ „Heute ist der 10. November.“ „Genau. Und was schreibt man denn um diese Zeit herum gewöhnlich für Grüße?“ „Am 10. November? Keine Ahnung. Allerheiligen ist vorbei und da schreibt man ja auch keine Grüße. Zudem hat Onkel Albert erst im Februar Geburtstag.“

Theatralisch breitete Holger nun die Arme über seinem Schreibtisch aus und fragte seine Frau: „Und wonach sieht das hier denn bitteschön aus?“ Jetzt erst bemerkte Andrea, dass auf dem Schreibtisch ein ganzer Berg von Weihnachtskarten ausgebreitet lag. „Das sind ja lauter Weihnachtskarten!“, entfuhr es ihr. „Natürlich sind das Weihnachtskarten! Oder steht da irgendwo Frohe Ostern drauf?“

Etwas pikiert antwortete sie: „Und die willst du nun schon Anfang November schreiben und verschicken?“ „Von Verschicken war nie die Rede. Das hat ja wohl noch Zeit. Aber schreiben muss ich sie. Ich möchte diese unselige Zwangsarbeit erledigt wissen. Je schneller, desto besser“, motzte er und fügte hinzu: „Ist ja doch nur alles für die Altpapierkiste, denn dahinein werden sie ohnehin gleich entsorgt. Oder kannst du dich entsinnen, eine Weihnachtskarte länger als maximal bis Neujahr aufbewahrt zu haben? Und wozu das Ganze? Nur um irgendwelche rührseligen, längst verstaubten Traditionen und Rituale aufrecht zu erhalten!“ „Jetzt reg dich wieder ab, Holger. Weihnachten mit seinen schönen Bräuchen ist ein wunderschönes Fest, und das Schreiben von Weihnachtskarten an liebe Menschen ist ein Zeichen der Wertschätzung, des Vertrauens und der Nächstenliebe.“

„So so, liebe Menschen“, frotzelte Holger. „Dann kann ich ja die meisten der Namen auf der Liste streichen, an die wir Karten verschicken wollen. „Ach Holger, bist du dir denn sicher, dass alle, die uns Weihnachtsgrüße schicken, uns auch mögen?“

„Meine Rede, sag ich doch. Genau das ist doch der Punkt, Andrea. Viele Karten werden geschrieben aus gesellschaftlichen Verpflichtungen heraus. Das ist Heuchelei. Wenn ich zum Beispiel meinem Chef eine Weihnachtskarte schreibe, dann nicht, weil mir an dessen froher Weihnacht gelegen ist, das kümmert mich nämlich einen feuchten Kehricht, sondern vielmehr weil, würde ich es nicht tun, das spätestens am zweiten Januar im Büro zu spüren bekäme. Ich bleibe bei meiner Meinung, dass ein Großteil aller Weihnachtskarten geschrieben werden nach dem Motto, ein Gruß könnte ja nichts schaden.“

„Gut, in gewisser Weise magst du ja Recht haben, aber ich bleibe dabei, dass Weihnachten ein Fest der Wärme, des Lichtes der Liebe und der Freude ist. Und die solltest du uns, nur weil du ein paar Karten schreiben musst, nicht schon im Vorhinein vermiesen.“ Hektisch begann Holger, auf seinem Schreibtisch herumzukramen. „Wo ist denn nun wieder diese blöde Liste?“

„Welche Liste?“, fragte seine Frau. „Na die, auf der die Adressen der Allerliebsten stehen, denen wir im vorigen Jahr eine Weihnachtskarte geschickt haben“, und den Begriff Allerliebsten sprach er mit einem spöttischen Unterton aus. Andrea schaute kurz über die Zettelwirtschaft auf dem Schreibtisch, fischte ein Stück Papier unter dem Telefonbuch hervor und reichte es ihrem Mann: „Dann nimm doch die hier solange!“

„Danke“, brummte Holger, überflog die Namen und kam auf 26, inklusive Onkel Albert. Spontan beschloss er, einige davon zu streichen, zumindest die, die im vorigen Jahr ihre lieben Weihnachtsgrüße nicht erwidert hatten. „Haben Buddmanns letztes Jahr eine Karte geschickt?“ „Nein!“ „Gestrichen! Wunderlichs und Gerbers?“, fragte er hoffnungsvoll. „Nein, beide nicht.“ „Wieder zwei weniger“, freute er sich. Mit dem Kugelschreiber machte er einen energischen Strich durch die Namen und überflog danach die Liste erneut. Ungehalten stellte er fest, dass bei allen Namen die Anschriften, Straßen, Orte und Postleitzahlen fehlten. „Dass ich mir die aber auch voriges Jahr nicht notiert habe“, schimpfte er. „Wird ja wieder eine elende, stundenlange Sucherei.“

„Übrigens“, gab Andrea zu bedenken, „Onkel Albert brauchen wir eigentlich auch keine Karte zu schicken. Der hat sich das ganze Jahr über nicht gerührt und weder zu deinem noch zu meinem Geburtstag geschrieben oder angerufen.“ „Umso besser“, frohlockte Holger. „Wieder einer weniger.“ Dann strich er Onkel Albert, hinter dessen Name ja ohnehin noch die Postleitzahl von Bad Berleburg fehlte, durch.

„So, dann wollen wir doch einmal schauen, wem wir welche Karte mit welchem Motiv schicken.“ Die im preiswerten Zehnerpack gekauften und meist mit laienhafter Sonntagsmalerei versehenen Karten, denen man auf den ersten Blick ihren niedrigen Preis ansah, sollten den „normalen“ Verwandten und Bekannten, Onkel und Tanten und den Nachbarn vorbehalten sein. Für die Leute in den höheren Gesellschaftsschichten, wie zum Beispiel ihr Hausarzt Dr. Josef Hasenknecht, sollten es schon künstlerisch wertvolle Karten sein, Kunstdrucke mit Darstellungen von berühmten Künstlern. „Du willst doch wohl nicht allen Ernstes diese grässliche Karte unserem lieben Doktor Hasenknecht schicken?“, entrüstete sich Andrea.

„Nicht? Meinetwegen, dann kriegt die eben deine Tante Dorothea.“ Mittlerweile hatte Holger damit begonnen, im Telefonbuch nach den Adressen der verbliebenen Kandidaten auf seiner Liste zu suchen. „Geh doch alphabetisch vor“, meinte Andrea. „Quatsch, dann muss ich ja die gesamte Liste ändern. Von A-Z. Das ist ja noch mehr Arbeit.“

„Du hast Recht. Mit Z haben wir ohnehin niemanden“, sah Andrea ein. „Reiner Zufall“, brummte Holger. „Wer ist das denn? Den kenne ich überhaupt nicht!“ „Andrea, es reicht!“ Holger wedelte mit einer Karte durch die Luft und lachte. „Die hier bekommt die ehrenvolle Frau Lommerich. Die sieht billig genug aus. Vielleicht versteht sie ja dann, dass ihre uns zugedachten Wünsche zum Fest im vorigen Jahr durchaus auf Unverständnis, wenn nicht gar auf Empörung gestoßen sind.“

„Da gebe ich dir Recht, Holger. Diese ungehobelte, hochnäsige Tussi soll uns nicht ungestraft die billige Flasche Wein in der offensichtlich schon mehrmals benutzten Tragetüte vor die Haustür gestellt haben. Worin dann zu allem Überfluss an Stelle einer Weihnachtskarte eine Karte lag mit der Aufschrift: Sehr geehrte Frau Lommerich, die Firma Gänseklöpper & Söhne GmbH wünscht Ihnen und Ihrer Familie ein frohes Weihnachtsfest. Peinlicher geht es ja wohl nicht. Die Lommerich ist Chefsekretärin in der Firma.“

Wie viele Kandidaten bleiben uns denn jetzt noch, denen ich schreiben muss?“ Holger zählte und kam auf 18. Nein, 19 um korrekt zu sein. Denn Onkel Albert aus Bad Berleburg war wieder in die Schar der Weihnachtskartenkandidaten aufgenommen worden, woraus resultierte, dass Andrea sich wieder um die Postleitzahl von Bad Berleburg zu kümmern hatte. „Und warum willst du Onkel Albert jetzt doch wieder schreiben?“, fragte Andrea. „Onkel Albert“, stellte Holger sachlich fest, „ist doch schon 89 Jahre alt und wird wohl bald sein Testament verfassen. Da sollten wir schon etwas großzügig sein. Wer weiß, wozu es gut ist.“

„Aber er wird uns doch nicht nur wegen einer Weihnachtskarte in den Kreis der Erben aufnehmen, Holger.“ „Gut, Andrea. Ich gebe zu, das ist ein Härtefall. Mache doch ein Päckchen zurecht, lege eine Schachtel Pralinen und ein halbes Pfund Kaffee hinein, die Karte obendrauf und ab die Post. „Gute Idee. Das mach ich doch gleich.“

Es vergingen noch vier Wochen, bis Holger sich aufraffte, endlich die zum Versand bereitliegende Weihnachtspost mit den entsprechenden Briefmarken zu versehen. Als ihm dann das Päckchen an Onkel Albert in die Hände kam, fehlte bei der Anschrift immer noch die Postleitzahl. Andrea kam ins Büro und rief: Hier Holger. Ich hab sie. Die Postleitzahl von Bad Berleburg lautet 57319. Schau mal, es ist Post gekommen.“ Andrea hielt ihrem Mann einen Brief hin. Dieser las den Absender und meinte: „Aha, von Onkel Albert. Was schreibt er denn?“ Andrea riss das Kuvert auf und las. „Oh, Holger. Es ist eine Einladung zu Onkel Alberts 90. Geburtstag im Februar, verbunden mit den herzlichsten Weihnachtsgrüßen.“

Holger nahm das Päckchen, riss es auf und entnahm Pralinen und Kaffee und bat seine verdutzte Frau, beides wieder der häuslichen Vorratskammer zuzuführen. Die im Paket befindliche Weihnachtskarte aber nahm er, fügte die Anschrift samt Postleitzahl hinzu und schrieb unter den Text Frohe Weihnachten noch hinzu: Danke für die Einladung. Wir kommen!

Hirtz: „Nun, verehrte Leser. Ich hoffe, Sie haben nicht so viel Stress mit dem Weihnachtskarten schreiben. Sollten Sie nun, aus Versehen – und nur um ein solches kann es sich handeln, keine Weihnachtskarte von mir mit einem besonders wertvollen Motiv darauf bekommen haben, bitte ich Sie höflichst um Verzeihung und versichere Ihnen, dass das einzig auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass Sie mir ja auch nicht geschrieben haben und ich Sie deswegen von meiner Liste gestrichen habe. Sollten Sie sich allerdings dazu überwinden können, mir zum nächsten Weihnachtsfest zu schreiben, werde ich Sie gerne in meine Liste aufnehmen. Auf diese Liste werde ich allerdings vor dem 10. November nächstes Jahr keinen Blick mehr werfen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein frohes Fest.“

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