Ein Klavierabend von noch nicht erlebter Qualität

Von: Marie-Luise Otten
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Hohen Kunstgenuss hatte Gunther Antensteiner zu Beginn versprochen, und diesem Anspruch wurde der kanadische Klaviervirtuose Marc Toth gerecht. Foto: M.-L. Otten

Stolberg. Wie schön, lebendig, aufregend, herzbewegend, ja „unter die Haut gehend“ klassische Musik sein kann, erlebten die Zuhörer jetzt beim Klavierabend von Marc Toth im Rittersaal der Stolberger Burg. Im Rahmen des Musiksommers spielte der Ausnahmepianist zwei Meisterwerke von Johann Sebastian Bach und Ludwig van Beethoven.

Damit er für die „Große Sonate für das Hammerklavier“ von Ludwig van Beethoven „warm gespielt“ sei, stellte Toth die Programmpunkte kurzerhand um und begann mit den heiteren und tiefsinnigen „Goldberg-Variationen“ von Johann Sebastian Bach. Graf Keyserlingk, damals russischer Gesandter in Dresden, litt an Schlaflosigkeit und bat Bach, er möge ihm Klavierstücke von „sanften, dabei etwas munterem Charakter“ komponieren. Er wolle sie sich während der schlaflosen Stunden von seinem Cembalisten Goldberg, einem Schüler Bachs, vorspielen lassen.

Die daraufhin von Bach geschriebene „Aria mit verschiedenen Veränderungen“ setzte beim Spieler und Hörer ungewöhnliches Wissen und Können voraus. Toth erklärte dem Publikum den Aufbau: Der einleitenden Aria folgen 30 Variationen, wobei jede dritte Variation einen zweistimmigen Kanon unterschiedlicher Machart enthält. Während einige Variationen sich an bekannte Formen und Gattungen wie Menuett, Toccata und französischer Ouvertüre anlehnen und von polyphonen Satztechniken durchdrungen sind, handelt es sich bei den Kanons um sogenannte Intervall-Kanons.

Als virtuose Krönung hat Bach in der 30. Variation zwei Lieder, die damals populär waren, verarbeitet. „Ich bin so lange nicht bei Dir gewest“ und „Kraut und Rüben haben mich vertrieben, hätt mein Mutt Fleisch gekocht, so wär ich länger geblieben“. Nach so viel Erklärung legte Marc Toth dann los. Der weltweit als Solist mit namhaften Orchestern tourende Pianist verstand es, auf unnachahmliche Weise das Virtuosenstück ersten Ranges zu spielen. Jeder im Saal war fasziniert von seinem phänomenalen Spiel.

Einfach nur Beethoven

Ein Riesenbau von sinfonischem Ausmaß und Gehalt, kämpferisch in den Außensätzen und ganz vergeistigt in dem ungeheuer langen, langsamen Satz erwartete die Zuhörer im zweiten Teil. Die „Große Sonate für das Hammerklavier“ Nr. 29 B-Dur op. 106 von Ludwig van Beethoven ist im weitesten Sinne nicht mehr klassisch, sondern einfach nur Beethoven. Sie entstand 1817/18, als Beethoven schon unter Taubheit litt, und ist nur wenigen Auserwählten zugänglich. In vier Sätzen repräsentiert das Werk den exzentrischen Geist seiner Spätzeit.

Fanfaren inspirierten den Bonner Komponisten für den gewaltigen ersten Satz (Allegro). „Eigentlich braucht man hier drei Hände“, so Toth. „Dass die Sonate dem Pianisten zu schaffen macht und foltert“, merkte man dem kanadischen Künstler nicht an – im Gegenteil: Die Hammerklaviersonate war tatsächlich ein „Hammer“ und wurde durch die Mischung aus Hintergrunderzählungen und Magie auf den weißen und schwarzen Tasten zu einem Megakonzertabend, wie man ihn in dieser Form in Stolberg wohl noch nicht erlebt hat.

Das Scherzo (2. Satz) stellte der Kraft und Größe des Anfangssatzes den Eindruck äußerster Leichtigkeit gegenüber. Das riesige Adagio (3. Satz) war gefühlstief, geheimnisvoll und glich einem außerirdischen Gebet. Ein improvisatorisch wirkendes Spiel mit Takt, Tempo, Rhythmus und Tonarten führte zur gewaltigen Schlussfuge, die in kompositorischer wie auch pianistischer Hinsicht überragte.

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