Ein entspanntes Gespräch über Gott und die Welt

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Nimmt sich Zeit für die Sorgen und Nöte der Menschen: Hans-Georg Schornstein
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Werbung für die „ansprechBar“: Hans-Georg Schornstein im Gespräch mit Redakteurin Laura Beemelmanns beim Soerser Sonntag.

Stolberg. Aufmerksam schaut Hans-Georg Schornstein seinem Gesprächspartner in die Augen und hört einfach zu. Die Stimme des gebürtigen Stolbergers ist angenehm weich und verständnisvoll, die Haltung entspannt. Vor ihm liegen Karten mit Sprüchen wie „Ich traue mir selbst nix zu“, „Glaube ja. Kirche nein“ oder „Ich hab‘ Angst vor meiner Zukunft“.

Mit dem offenen Angebot „ansprechBar“ nimmt sich der katholische Pfarrer Zeit für die Sorgen und Nöte der Menschen – kostenlos und unabhängig von Religion oder Konfession. Katharina Menne sprach mit ihm über seinen Bezug zu Stolberg, über das Konzept von „ansprechBar“ und über Gott und die Welt.

Sie sind gebürtiger Stolberger. Was verbindet Sie noch mit Stolberg?

Schornstein: In Stolberg habe ich ganz klar meine Wurzeln. Ich bin da geboren und aufgewachsen, habe dort 1975 mein Abitur gemacht und meine Eltern sowie zwei meiner drei Brüder wohnen mit ihren Familien noch in Stolberg. Ansonsten bin ich durch mein Studium und meine Pfarrtätigkeiten in Roetgen und Aachen schon eher aus der Stadt herausgewachsen.

Was für einen Blick haben Sie jetzt von außen auf Stolberg?

Schornstein: Seit meiner Kindheit hat sich die Altstadt vom Äußeren her sehr gemacht und es verändert sich städtebaulich noch immer Vieles. Was ich schade finde, ist, dass der Steinweg so leer steht. Es fehlt aktuell ein bisschen das Flair in der Stadt. Der Bezirk um die Burg herum ist geschichtlich sehr interessant. Da sollte man noch etwas mehr draus machen. Was ich sehr gut finde, ist, dass Stolberg es geschafft hat, innerhalb weniger Jahre die ausländerfeindlichen Demonstrationen aus der Stadt herauszudrängen, indem ein starkes Bürgerbündnis sich dagegen gestellt hat. Zusammen mit der Initiative „Kirche gegen Rechts“ habe ich mich auch daran beteiligt.

Wie kam es denn zu der Idee mit der „ansprechBar“?

Schornstein: Ich musste zuletzt aus gesundheitlichen Gründen etwas kürzer treten und habe mich dann gefragt, was ich neben einer Pfarrvikarstätigkeit noch anderes machen kann. Ich habe oft in Kontakten gespürt, dass auch Menschen, die mit Kirche wenig zu tun haben, Sinnfragen haben. Deshalb war mein erster Gedanke, eine Anlaufstelle für diese Menschen anzubieten. Dann aber wurde mir klar, dass das genauso auch für diejenigen innerhalb der Kirche gilt. Daraus ist dann die Idee entstanden, ansprechbar zu sein für alle Menschen unabhängig von Konfessions- und Religionszugehörigkeit zu allen Fragen, die sie betreffen.

Was werden Sie gefragt?

Schornstein: Es geht viel um Familie, Berufsalltag, Schwierigkeiten mit dem Glauben oder ganz allgemein um Sinnfragen. Das ist sehr breit gefächert. Oft geht es auch um das Selbstwertgefühl. Ich bin gut vernetzt mit anderen Stellen, um den Betreffenden dann auch tiefergehende Beratungsgespräche zu vermitteln. Es geht mir ganz explizit nicht darum, von mir aus eine Antwort zu geben, sondern ich helfe dabei, nochmal einen neuen Blick auf die jeweilige Situation zu werfen und Zusammenhänge herzustellen, dass die Menschen selbst den nächsten Schritt sehen und den Knoten selbständig lösen.

Seit wann gibt es die „ansprechBar“ nun schon?

Schornstein: Seit Oktober 2014. Die Vorüberlegungen liefen etwa ein Jahr. Während der Planungen kam die Heiligtumsfahrt sozusagen dazwischen. Das Projekt war noch nicht eingerichtet, wir brauchten auch noch Zeit für Werbung, Homepage und so weiter. Aber ich wurde dann gefragt, ob ich das nicht schon während der Veranstaltung anbieten möchte. Es war dann rückblickend ein Glücksfall, dass schon alle kirchlichen Räumlichkeiten besetzt waren und wir deshalb einfach in einem ganz normalen „weltlichen“ Café nachgefragt haben – dem Cafè Extrablatt. Dort sind wir sofort auf offene Ohren gestoßen. Zum 1. Oktober 2014 hatten wir dann die Räume in der Aachener Bendelstraße.

Wie erfährt man von Ihrem Angebot?

Schornstein: Mir ist wichtig, dass auch Menschen davon Wind bekommt, die nicht unbedingt kirchlich verwurzelt ist. Deswegen habe ich mich zum Beispiel auch beim Soerser Sonntag im Rahmen des diesjährigen CHIO vorgestellt. Flyer sind an Pfarren, Schulen, Krankenhäuser und andere öffentliche Einrichtungen verteilt worden. Am wichtigsten aber ist Mundpropaganda – dass sich Menschen gegenseitig darauf aufmerksam machen. Es ist mir auch ein Anliegen deutlich zu machen, dass wir als Kirche dahin gehen, wo Menschen sind, dass wir uns nicht verschanzen. Auch Kritik an Kirche darf geübt werden.

Welche Kritik wird da geäußert?

Schornstein: Das Thema Missbrauchsfälle ist zurzeit wieder etwas weniger geworden. Eher werde ich schon mal auf den kirchlichen Umgang mit Geschiedenen und Wiederverheirateten angesprochen. Im religiösen Bereich gibt es viele Gespräche, die den Glauben betreffen. Die Kirche wird aber auch oft nur als Amtskirche gesehen und dann wird die Hierarchie kritisiert oder das Verhalten des Bodenpersonals.

Wie treten Sie an die Menschen heran? Eher offensiv oder eher zurückgenommen?

Schornstein: Mir ist wichtig, zu signalisieren, dass die Leute zu mir kommen können. Ich gehe nicht offensiv auf Menschen zu, sondern ich bin einfach da. Ich möchte nichts aufdiktieren. Ich höre viel zu, ich stehe nicht unter Druck – Zeit ist da ein ganz wichtiger Faktor. Im Gespräch ergibt sich Vieles. Und es ist mir wichtig zu betonen, dass das Angebot komplett kostenlos ist.Mir ist bewusst, dass ich in einer „überlegenen“ Position bin, wenn Menschen zu mir kommen und Rat suchen, aber ich möchte mich als Gesprächspartner verstanden wissen und auf Augenhöhe mit ihnen reden.

Sie sind ja nun katholischer Priester. Gibt es da auch Skepsis?

Schornstein: Nein, ganz im Gegenteil. Vielen Menschen ist sogar wichtig, dass ich Priester bin. Trotz aller Negativbeispiele und Skandale gibt es immer noch einen Vertrauensvorschuss – das ist sehr schön zu sehen. Ich sehe als Priester meine besondere Aufgabe darin, das Evangelium als frohe Botschaft zu verkörpern und auch dazu beizutragen, dass die Menschen sich für die Botschaft Jesu Christi interessieren. Ich kann und will keinem den Glauben aufdrücken, bin aber überzeugt davon, dass Gott bei jedem Menschen ist.

Ist es Ihnen schon einmal passiert, dass Ihnen heikle Dinge erzählt wurden? Wie gehen Sie damit um?

Schornstein: Ja, auf jeden Fall. Das ist dann vielleicht nicht mein Weg, aber ich verurteile das auch nicht. Ich kann nur fragen, wie es demjenigen damit geht und meine Sichtweise darstellen. Wenn jemand wirklich etwas Schlimmes getan hat, dann versuche ich ihn dazu zu bringen, zu überlegen, wie er es wieder gut machen kann. Ich gehe davon aus, dass wenn mir jemand so etwas erzählt, derjenige auch einen Grund dafür hat.

Sie haben gesagt, dass Sie auch die Botschaft Jesu Christi weitertragen möchten. Was ist denn in Ihren Augen die zentrale Botschaft?

Schornstein: Dass er jedem Menschen eine Würde geschenkt hat. Wenn wir das alleine schon beherzigen, dann gäbe es keinen Hass mehr in dieser Welt. Jesus hat jedem Menschen, der keine Würde mehr hatte – ob es Sünder waren, Ausgestoßene oder Kranke – seine Würde zurückgegeben. Und da konnte er auch ganz energisch werden, wenn eben diese Würde von anderen mit Füßen getreten wurde.

Können Sie da auch energisch werden?

Schornstein: Ich denke ja. Die Initiative „Kirche gegen Rechts“ habe ich damals zum Beispiel mitbegründet. Ich spreche auch oft gesellschaftskritische Themen in der Predigt an. Auch als Regionaldekan habe ich öfter mal Stellung zu verschiedenen Themen bezogen. Manchmal fehlt mir aber die Kraft, mich überall einzumischen.

Was hat Sie denn dazu geführt, Priester werden zu wollen?

Schornstein: Das ist schwierig zu sagen. Sicher war es auch mein früherer Heimatpastor Pfarrer Schneider. Der hat auf mich eine gütige Ausstrahlung gehabt und mir schon als Kind ein positives Kirchenbild vermittelt. Ich habe mit ihm aber nie über den Wunsch gesprochen, obwohl mir die Idee relativ früh schon als Jugendlicher gekommen ist. Nach außen sah es vielleicht wie ein gerader Weg aus, aber ich habe im Studium auf jeden Fall sehr starke Glaubenszweifel gehabt.

Wie sind Sie damit umgegegangen?

Schornstein: Mein geistlicher Begleiter im Theologenkonvikt hat mich immer ermutigt, nicht wegen der Zweifel aufzugeben, sondern im Gegenteil, sie als Möglichkeit zu sehen, heute Menschen mit Glaubenszweifeln besser zu verstehen.

Als katholischer Priester ist man dem Zölibat verpflichtet. Hatten Sie damit nie Schwierigkeiten?

Schornstein: Aber für mich waren im Studium noch zwei Fragen für meine Berufswahl entscheidend: Kann ich mir vorstellen, ein Leben lang ohne Partnerin und Kinder zu leben? Und: Kann ich mir vorstellen, dass mein Glaube ein Leben lang hält? Bei der ersten Frage habe ich abgewogen, weil es ja nunmal bis heute keine Alternative gibt. Ich muss aber auch sagen, dass es mir immer schwerer fällt, den Pflichtzölibat zu verteidigen. Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass es freigestellt würde zu heiraten. Die zweite Frage mit „Ja“ zu beantworten, war ein Wagnis, weil der Glaube ein Leben lang dynamisch ist. Aber ich kann heute sagen, dass ich es nie bereut habe, Priester geworden zu sein. Natürlich ist es ein schwerer Verzicht, keine eigene Familie gegründet zu haben, aber ich weiß, dass mir umgekehrt auch etwas gefehlt hätte. Man kann das Priestersein nicht erlernen, man muss mit dem ganzen Leben hineingehen und das ist nicht immer leicht mit Familie. Eine Ehefrau weiß, worauf sie sich einlässt – aber, was ist mit den Kindern?

Kommen wir nochmal auf die „ansprechBar“ zurück. Haben Sie auch spezielle Angebote?

Schornstein: Ja, zum Beispiel kann man auch als Gruppe zu mir kommen oder mich zu sich einladen. Ich bin zum Beispiel mal in einer Abiturklasse gewesen und habe mir vorher anonym Fragen zukommen lassen.

Was haben die Schüler so gefragt?

Schornstein: Alles mögliche. Die haben mich natürlich auch nach dem Zölibat gefragt. Mich hat dann irgendwann der Ehrgeiz gepackt, auch auf eher knifflige Fragen eine Antwort zu geben (lacht). Ich möchte die Fragen jetzt nicht konkret nennen, aber spannend waren zum Beispiel solche wie „Haben Sie Gott schon einmal getroffen?“ oder „Warum ist die Haltung der Kirche zur Homosexualität so ablehnend?“

Und? Haben Sie Gott schon einmal getroffen?

Schornstein: Mit Sicherheit, aber ich kann nicht genau sagen, wann und wo.

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