Ein altes Eisen, das viel zu erzählen hat

Von: Guido Jansen
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Einmal im Jahr kommt der „Glocken-TÜV“ auch nach Gressenich, um Stolbergs ältestes Geläut zu inspizieren. Alles in Ordnung: So lautete jetzt das Fazit von Glocken-Experte Norbert Stömer. Foto: Guido Jansen
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Ein Stoff, der viel erzählen könnte: Küsterin Dorothee Braun-Körfer zeigt das rote Messgewand aus dem Jahr 1662.

Stolberg. Eigentlich ist sie die graue Maus im Glockenturm. Sie ist die kleinste, hat den schmächtigsten Ton und keinerlei Verzierungen. Trotzdem nimmt die kleine Glocke im Turm der Gressenicher St. Laurentius Kirche eine ganz besondere Stellung in Stolberg ein. Sie ist die mit Abstand älteste Glocke der Kupferstadt.

Genaue Angaben, wann die rund 200 Kilogramm schwere gis-Glocke gegossen wurde, gibt es nicht. Das Handbuch des Bistums Aachen datiert das kleinste Gressenicher Geläut auf das 13. Jahrhundert.

Bis zu 800 Jahre alt könnte sie damit sein. Wie die Glocke nach Gressenich kam, wann und warum – das ist bis heute unklar. Sicher ist, dass sie älter ist als das Vorgänger-Haus der heutigen Kirche. Im 15. Jahrhundert ist das Gotteshaus in Gressenich gebaut und in Namen des Schutzpatrons St. Laurentius getauft worden. Davon zeugt die zweite Glocke im Gressenicher Turm. Die große Glocke, die beispielsweise als Totenglocke geläutet wird, wurde 1493 gegossen. Davon zeugt die Inschrift. Damit ist sie Stolbergs zweiälteste Glocke. Sie verrät auch, dass Gregor aus der Aachener Glockengießer-Dynastie der von Triers sie gefertigt hat. Eine Inschrift macht deutlich, wo die rund 800 Kilogramm schwere Konstruktion hingehört: Laurentius.

Eine genaue Einschätzung, wie alt die kleine Glocke ist, kann auch Glockenexperte Norbert Störmer nicht machen. Er arbeitet für die bayrische Firma Hörz, die sich auf das Warten von Kirchenglocken und Uhren spezialisiert hat. Ein Mal im Jahr kommt der Glocken-TÜV in jeden Kirchturm, um nach dem Rechten zu sehen. „Die kleine Glocke ist mit Sicherheit recht alt“, bestätigt er. Die Form sei auffällig länglich, der Klang etwas blechiger. Auch die fehlende Inschrift sei ein Hinweis. „Hin und wieder kommt es vor, dass so eine alte Glocke in einem Kirchturm hängt. Das ist aber die Ausnahme“, sagt Störmer.

Die zwei alten Gressenicher Glocken haben Glück gehabt. Sie haben im vergangenen Jahrhundert unsichere Zeiten überstanden. Viele Glocken sind während des Ersten oder Zweiten Weltkriegs aus den Türmen geholt worden. Sie wurden eingeschmolzen, um daraus Kanonenrohre oder Kugeln zu machen. Gerade in Stolberg war das so. Denn das meiste Geläut in der Kupferstadt ist überwiegend jung, erst nach 1945 gegossen worden.

Im September 1944 tobte der Krieg in Gressenich. Die alte Kirche wurde zerstört. 1965 wurde das neue Gebäude eingeweiht, seit 1978 haben die zwei alten Glocken im neuen Glockenturm ihre Heimat gefunden. Und jüngere Gesellschaft. Die beiden anderen Glocken, die heute läuten, wurden im Jahr des Glockenturmbaus gegossen.

Viele Geschichten stecken auch im Stoff des ältesten Messgewandes in Stolberg. Es befindet sich in der Breiniger St. Barbara Kirche. Eine eingenähte Inschrift verrät das Alter des roten Umhangs. Es wurde 1662 hergestellt. Pfarrer Ulrich Lühring trägt das alte Gewand nicht mehr. „Die Denkmalpfleger sagen in solchen Fällen: Bitte nicht mehr anziehen.“ Die Pflege ist schwer. „Man kann so ein Gewand nicht einfach in die Reinigung geben“, sagt Küsterin Dorothee Braun-Körfer. Deswegen hängt das älteste Bekleidungsstück Breinigs heute, beschützt von einem Stoffüberzug, sicher wegschlossen in der Sakristei. Lührings Vorgänger Hermann Frey hat es noch getragen, beispielsweise zum Patronatsfest. Zwei Jahre älter ist der goldfarbene Kelch, den Lühring heute an Hochfesten wie Weihnachten oder Ostern aus dem Sicherheitstresor holen lässt.

„Das Gewand und der Kelch haben einen hohen ideellen und geschichtlichen Wert. Beide sind höchstwahrscheinlich aus Kornelimünster nach Breinig gekommen.“ Und zwar in einer Zeit, als es in Breinig nur eine kleine Kapelle und keine eigenständige Pfarre gab. Der Ort gehörte zur St. Stephanus Kirche in Kornelimünster. 1804, nachdem die Abtei aufgehoben war, erhob Bischof Berdolet die Barbarakapelle zur Pfarrkirche. 1852 bis 1855 wurde die heutige Kirche gebaut, weil die Kapelle zu klein geworden war.

Übrigens: Die vier goldenen Kerzenleuchter in St. Barbara sind noch älter, sie stammen aus dem 16. Jahrhundert und werden ebenfalls sicher weggeschlossen.

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