Ehrenamtliche Helfer schlagen Brücken zwischen Kulturen

Von: Annika Kasties
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Eine Brücke zwischen Behörden und Flüchtlingen: Muarem Zaimi übersetzt in sieben Sprachen. Foto: A. Kasties

Stolberg. Asylantrag stellen, Papiere beantragen, offizielle Dokumente korrekt ausfüllen oder einfach nur ganz praktische Fragen, die es zu klären gibt – und das, wenn man nicht die gleiche Sprache spricht. Die Kommunikation zwischen Neuankömmlingen in der Stadt und der Stolberger Verwaltung funktioniert häufig nur mit einem Dolmetscher. Ohne die Hilfe von Ehrenamtlern wären sowohl Flüchtlinge als auch die städtischen Mitarbeiter oft aufgeschmissen.

Wenn Muarem Zaimi als Dolmetscher für Flüchtlinge unterwegs ist, dann überträgt er nicht nur Worte von einer Sprache in die andere. Er vermittelt vor allem zwischen zwei Kulturen. Damit kennt er sich aus. Schließlich hat er selbst vor 30 Jahren den Sprung ins kalte Wasser gewagt, seiner Heimat – dem ehemaligen Jugoslawien – den Rücken gekehrt und sich ein neues Leben in Deutschland aufgebaut.

„Als Migranten wissen wir, was es bedeutet, die Heimat zu verlassen und sich in einer fremden Gesellschaft wiederzufinden“, sagt Zaimi. Und er, der sich auch im Integrationsrat der Stadt engagiert, will deshalb auch den Menschen helfen, für die das Leben in Stolberg völlig neu ist.

Das beginnt nämlich einmal mit jeder Menge Papierkram – für den selbst Einheimische mit guten Deutschkenntnissen manchmal gerne einen Übersetzer hätten.

In der Stadt Stolberg sind es vor allem freiwillige Helfer, die Geflüchtete bei ihren Behördengängen unterstützen. „Sehr viele Menschen haben sich bei uns gemeldet und angeboten, zu übersetzen“, erklärt Zaimi, der seit 2011 im Integrationsrat sitzt. Seit 2010 gibt es in Stolberg den Integrationsrat als Nachfolgegremium des alten Ausländerbeirats der Stadt Stolberg.

Hilfe in sieben Sprachen

Seit der Ankunft der vielen Flüchtlinge in Stolberg habe sich ein loses Netzwerk von Migranten gebildet, die bei Bedarf zwischen den Neuankömmlingen und Behörden vermitteln, berichtet Zaimi. Er selbst spreche insgesamt sieben Sprachen: albanisch, serbokroatisch, rumänisch, italienisch, französisch, türkisch und deutsch.

Aktuell ist er damit Ansprechpartner für knapp 40 Familien in der Stadt, darunter viele aus den Balkanstaaten, die allerdings wenig Aussicht auf ein Bleiberecht haben, wie er schätzt. Doch auch für Kurden aus dem Irak und Iran fungiert er als Brücke in die deutsche Verwaltung.

„Diese Leute sprechen oft auch Türkisch.“ Eine einheitliche Datenbank, in denen Behörden einsehen können, für welche Sprachen wie viele Dolmetscher in Stolberg zur Verfügung stehen, gebe es hingegen nicht. „Jedes Amt im Rathaus hat seine eigene Liste“, sagt Zaimi.

Auf der Liste von Paul Schäfermeier beispielsweise stehen zurzeit neun Namen. Der Leiter des städtischen Sozialamtes weiß, wie wichtig die Arbeit der ehrenamtlichen Dolmetscher ist. „Wir versuchen sicherzustellen, dass immer jemand übersetzen kann“, erklärt Schäfermeier. Hilfreich sei zudem, dass einer der städtischen Mitarbeiter arabisch spreche und dadurch auch öfters spontan aushelfen könne, wenn von den ehrenamtlichen Helfern mal gerade niemand zur Hand sei. „Wenn das dann nicht klappt, müssen wir eben einen zweiten Termin ausmachen.“

Um einen mündlichen Übersetzer kommen die Stolberger Behörden nämlich auch anderthalb Jahre nach der Grenzöffnung für Tausende Flüchtlinge nicht wirklich herum. Amtliche Formulare und Bescheide sind nach wie vor in deutscher Sprache verfasst.

Erstaufnahmeantrag in Deutsch

Alternative Varianten in den gängigsten Fremdsprachen könne die Stadt aktuell „nicht gewährleisten“, sagt Schäfermeier. „Schriftliche Übersetzungen sind viel schwieriger zu verfassen“, erklärt er. Informationsblätter und Broschüren, die die Stadt für solch alltägliche Bereiche wie die Mülltrennung und die Bedienung eines Ofens erstellen ließ, seien deshalb auch von einem Übersetzungsbüro getätigt worden.

Ein Erstaufnahmeantrag in arabischer Sprache werde die Kommunikation zwischen Geflüchteten und Behörden zudem auch nicht erleichtern, so Schäfermeier, und das aus einem ganz praktischen Grund: „Es nützt nichts, wenn dann unsere Mitarbeiter nicht lesen können, was eingetragen wurde.“

Eine weitere wichtige Anlaufstelle für Flüchtlinge, die Hilfe bei der Übersetzung von Formularen brauchen – beispielsweise auch bei denen vom Jobcenter – ist das „Café Willkommen“, das im vergangenen Jahr in das ökumenische Gemeindezentrum im Frankental gezogen ist.

Hier erklären viele deutsche Ehrenamtler den Neuankömmlingen, was in den zum Teil recht kompliziert formulierten Anschreiben von ihnen gefordert wird. Ein netter Nebeneffekt: Flüchtlinge, die schon eine Zeit lang in Deutschland leben und erste Erfahrungen gesammelt haben, sind dazu übergegangen, den Neuankömmlingen zur Seite zu stehen, wenn diese Fragen haben.

So werden in absehbarer Zukunft auch weiterhin ehrenamtliche Helfer wie Muarem Zaimi bei Behördengängen neben den Flüchtlingen sitzen, die über keine oder nur wenig Deutschkenntnisse verfügen. Als Migranten, die schon länger mit der deutschen Gesellschaft vertraut sind, können die Übersetzer dann auch kulturelle Unterschiede erläutern. Denn das Verständnis vieler Flüchtlinge von Verwaltung unterscheidet sich laut Schäfermeier oft massiv von den Gepflogenheiten in Deutschland.

Auch hier kann Zaimi – bedingt durch seinen anderen Blickwinkel – bei der Vermittlung zwischen Behörde und Flüchtling behilflich sein. „Vielen Menschen ist nicht klar, dass sie sich in Deutschland darauf verlassen können, dass sie auf einen gestellten Antrag eine Antwort bekommen.“ Und zwar ohne, dass sie ihrem Anliegen extra Nachdruck verleihen müssen, zum Beispiel indem sie täglich in der entsprechenden Behörde erscheinen.

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