Ehrenamtlerin „Engelchen“ ist noch lange nicht müde

Von: Heike Eisenmenger
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„Man bekommt so viel zurück von den Menschen“, sagt Ida Engelmann (links), Ehrenamtlerin in Haus Lucia, hier mit Elisabeth Paland, die in der Pflegeeinrichtung am Halsbrech betreut wird. Foto: H. Eisenmenger

Stolberg. Das „Engelchen“ ist wieder im Haus Lucia. Es singt, lacht, tätschelt Wangen und Hände und verbreitet wohltuende Wärme. Herzenswärme. Es ist eben diese Herzenswärme, die Ida Engelmann ihren Spitznamen eingebracht hat. Natürlich hat auch ihr Nachname eine Rolle gespielt, aber vor allem eben die Tatsache, dass sich die Kupferstädterin so liebevoll um ihre Mitmenschen kümmert.

Das Haus Lucia am Halsbrech ist eine Einrichtung für Kurzzeit- und Tagespflege. So wie die Einrichtung zum Bethlehem Gesundheitszentrum gehört, ist Ida Engelmann mit Haus Lucia verbunden. „Seitdem hier geöffnet wurde, bin ich als Ehrenamtlerin dabei. Das sind jetzt schon elf Jahre, da gehört man fast schon zum Inventar“, sagt sie, und dabei umspielen viele kleine Lachfältchen ihre Augen.

Dass sie sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit großem Engagement einsetzt, ist ohne jede Frage löblich. Aber nicht nur das macht Ida Engelmann zu einem außergewöhnlichen Menschen. Ein Blick in den Pass der Stolbergerin öffnet das Auge für eine weitere Besonderheit: Die Witwe wird am 7. Januar 90 Jahre alt und ist somit oftmals älter als diejenigen, um die sie sich kümmert.

Das tut sie auf vielfältige Weise: Sie liest den Gästen aus der Zeitung vor, und besonders gern unterhält sie mit eigenen Gedichten. Sie singt, schenkt Kaffee ein und ist einfach da, wenn man sie braucht. Und wenn es „nur“ darum geht, eine Hand zu halten. Dass Ida Engelmann in fünf Tagen ihren 90. Geburtstag feiert, sieht man ihr nicht an. Sie trägt einen schicken pinken Pullover, ihr Gang, ihre Bewegungen und die Art, wie sie spricht, lassen die Seniorin jünger wirken.

Aktiv sein, für andere da sein und sich nicht hängen lassen – für Ida Engelmann ist das ihre Lebensmaxime. Der Krieg hat sie geprägt. Sie ist eine Sudetendeutsche. Eine von vielen, die vertrieben wurden. „Mit einem kleinen Kind auf dem Arm, das vergisst man nicht“, sagt Ida Engelmann. Dennoch empfindet die alte Dame keinen Zorn, wenn sie an die Menschen denkt, die sie einst vertrieben. „Es gab bei uns Schlechte und Gute, beim Feind war es dasselbe.“ Es war einer der „Feinde“, der sie als junge Frau davor bewahrte, von seinen Landsleuten vergewaltigt zu werden. Für die Menschen aus ihrer alten Heimat schreibt sie regelmäßig „Geschichten aus der Heimat“. Sogar zwei Gedichtbüchlein sind so entstanden.

Ein schwerer Schicksalsschlag

Selbst ein schwerer Schicksalsschlag hat sie nicht verbittern können. Ihr Mann ist bereits seit 20 Jahren tot, dann erkrankte vor fünf Jahren ihr Sohn an Krebs. „Ich bin drei Wochen lang mit ihm gestorben, und ich bin heute noch nicht darüber hinweg. Trotzdem bin ich auch in dieser schweren Zeit hierher gekommen. Eine Aufgabe zu haben und anderen zu helfen, das hat mir gut getan“, sagt die vierfache Mutter. Auch wenn die Wunde wohl nie verheilen wird, hat die Ehrenamtlerin gelernt, den Verlust zu akzeptieren: „Der liebe Gott wird schon wissen warum, und das tröstet mich.“

Es tröstet sie auch zu sehen, wenn die Menschen, um die sie sich kümmert, beim Klang alter Lieder zu lächeln beginnen. Einige Patienten sind dement und können nicht mehr mitsingen, aber allein das Vertraute zu hören, lasse sie zur Ruhe kommen, hat Ida Engelmann beobachtet. „Beim Singen finden sie wieder Boden unter den Füßen. Ich schenke ihnen damit ein wenig Ruhe und Glück. Gerade Demenzkranke, die häufig rastlos sind, finden in den Liedern aus ihrer Jugend Halt. Und das Vertraute weckt tief in ihrem Inneren ein Gefühl der Geborgenheit.“ Engelmann ist überzeugt: „Manchem, der klagt, täte es gut, hier zu helfen. Da relativiert sich doch vieles, wenn man nicht immer nur die eigenen Probleme im Vordergrund sieht.“

Zu Fuß im tiefen Schnee

Auch an Heiligabend und an Silvester hat sie in Haus Lucia vorbeigeschaut. Als es im vorletzten Jahr zu Weihnachten so viel geschneit hatte, dass weder Busse noch Taxis fuhren, machte sie sich zu Fuß von Münsterbusch auf den Weg. „Gerade an Heiligabend muss ich doch kommen!“, sagt sie in einem Ton, der keinen Zweifel zulässt.

Krankenpflegehelferin Angelika Steffens kommt herein, es ist Zeit, um den Tisch für das Abendbrot zu decken. „Da ist ja unser Engelchen“, sagt sie fröhlich und herzt Ida Engelmann. „Wir sind so froh, dass wir sie haben – ein echter Schatz, der sich nicht nur rührend um Patienten kümmert, sondern auch uns Mitarbeitern hilft.“ Oft seien es nur Kleinigkeiten, die das Personal aber sehr entlasteten. Angelika Steffens weiß: „Wenn mal Not am Mann ist, können wir uns auf unsere Engelchen immer verlassen.“

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