Stolberg - Dreharbeiten am Schlangenberg für zehnteilige Dokumentation

Dreharbeiten am Schlangenberg für zehnteilige Dokumentation

Von: Doris Kinkel-Schlachter
Letzte Aktualisierung:
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Theodor Fontane alias Klaus Schmitz, gegen eine Kiefer gelehnt: Freitag fanden am Schlangenberg Dreharbeiten für eine zehnteilige „Arte“-Dokumentation über die deutsch-französischen Beziehungen statt. Foto: D. Kinkel-Schlachter

Stolberg. Der distinguierte Herr mit dem gepflegten Schnauzbart sammelt unbequeme Augenzeugenberichte. Statt grandiosem Panorama mit siegreichem General schildert er den verlorenen Einzelnen im Getümmel des Krieges. Und wo er schon mal in der Nähe ist, will Fontane schnell auch den Geburtsort der berühmten Jeanne d‘Arc besichtigen: Domrémy.

Für seinen kleinen touristischen Ausflug überschreitet er die feindlichen Linien und wird prompt verhaftet: Spionageverdacht. Für diese zwei im Drehbuch beschriebenen Szenen vergeht ein Vormittag, für weitere zwei der Nachmittag. Ein ganzer Arbeitstag für letztlich zwei, höchstens drei Minuten. Die Dreharbeiten, die Freitag am Schlangenberg stattgefunden haben, sind für eine zehnteilige Dokumentation über die deutsch-französischen Beziehungen mit dem Arbeitstitel „Geliebter Feind“ gedacht, die voraussichtlich im Oktober auf „Arte“ und „ZDFinfo“ zu sehen sein wird. Die Doku erzählt die Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen von Karl dem Großen bis in unsere Tage mit Hilfe von klassischen dokumentarischen Filmaufnahmen, Interviews sowie kleinen historischen Nachstellungen in Kostümen.

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An dieser Stelle sind wir wieder beim distinguierten Herrn: Theodor Fontane alias Klaus Schmitz. Als Umkleide und Maske muss heute das Sportheim vom FC Breinigerberg herhalten. Kostümbildnerin Daniele Gossens-Dommel schaut, dass Zugstiefel, weißes Kläppchenkragen-Hemd, Weste, Halsschleife, Gehrock und Pellerine-Mantel mit Zylinder vernünftig sitzen. Claudia Lemmer sorgt für das entsprechende Make-up. „Das Haar von ihm war ja fast schon gegeben. Ich habe es nur ein bisschen zurückgegelt“, sagt die Maskenbildnerin.

Dann klebt sie dem Kleindarsteller noch einen Schnäuzer auf, und schon sieht Klaus Schmitz dem Schriftsteller und bedeutendsten deutschen Schriftsteller des poetischen Realismus zum Verwechseln ähnlich. Nur: Fontanes Schnauzbart sah bei weitem nicht so gepflegt aus wie das getrimmte Haar über Schmitz‘ Oberlippe.

Zwischendurch bleibt genug Zeit für Scherze, und so erzählt Klaus Schmitz, der 40 Jahre lang im Flugeinkauf für LTU-Touristik beschäftigt war, was er in den letzten Tagen so alles erlebt hat. „Gestern habe ich die Rolle eines Ehemanns in ‚Niedrig und Kuhnt‘ gespielt. Ich bin von meiner Frau erschossen worden, mit sechs Schüssen. Das war natürlich nicht so schön“, sagt das kölsche Urgestein. Eine kleine Nebenrolle in „Der letzte Bulle“ hat der 67-Jährige in dieser Woche auch schon besetzt. Ach ja, und dann war er am Montag bei „Galileo“ zu sehen – als Erfinder des Sprengstoffs. „Das ist wie Karneval, und ich hab richtig Spaß dran!“ In der „Lindenstraße“ war er schon zu sehen, ebenso beim „Tatort“. Bei „Danni Lowinski“ fühlt sich der Rentner, dessen Vater übrigens auf dem Donnerberg gewohnt hat, am wohlsten, „Annette Frier ist eine tolle Frau und Schauspielerin, mit der es Spaß macht zusammenzuarbeiten“.

Am Schlangenberg ist Klaus Schmitz heute der einzige Schauspieler. Mit dem Rücken an eine Kiefer gelehnt schaut sich Fontane, der Hugenottenspross, das imaginäre Kriegsgeschehen an. Die Szenen auf dem Schlachtfeld – die hatte das Team schon an anderer Stelle im Kasten – gefallen dem Kriegsberichterstatter überhaupt nicht. Er beobachtet die Schlacht im deutsch-französischen Krieg von 1870 durch ein Fernglas und beschreibt die Einsamkeit des Einzelnen in der Schlacht. Er ist ein kritischer Kriegsberichterstatter, dem gar nicht gefällt, was er sieht. Immer wieder nimmt das Team die Szene auf. Die beiden Regisseure Christel Fomm und Martin Carazo Mendez geben hier und da ein paar Anweisungen, schließlich ist die Szene im Kasten. „Die Dokumentation spannt einen Bogen von Karl dem Großen bis zur Gegenwart. Dabei beleuchten wir die Ereignisse auch mit einem Augenzwinkern“, erklärt Carazo Mendez. „Die Geschichte ist so grausam, dass das keiner ertragen könnte ohne ein paar witzige Einschübe. Dennoch bleiben wir historisch korrekt“, fügt Fomm hinzu.

Das Projekt startete im Juli 2012, die Dreharbeiten werden auch noch bis September weitergehen. Seit zehn Tagen ist das Team für die szenischen Drehs unterwegs. Und wenn es am Ende „Cut“ heißt, dann sind zehn Filme à 45 Minuten fertig. „Als es zu Anfang hieß, dass die Dokumentation ein Zehnteiler werden soll, haben wir wirklich gedacht: Die sind doch verrückt“, erinnert sich Christel Fomm. Doch wenn man einmal angefangen habe zu graben, finde man so viel heraus, „dass wir auch locker 20 bis 30 Teile hätten drehen können. Überall sind wir auf offene Ohren gestoßen, und natürlich auf deutsch-französische Gemeinsamkeiten“.

Auf offene Ohren stieß die „Gruppe 5 Filmproduktion“ auch bei Barbara Breuer: „Die Kupferstadt freut sich auf das Filmteam. Es ist toll, dass Stolberg ausgesucht worden ist und dass wir mit unserer wunderschönen Landschaft so bezaubern können“, sagt die Leiterin der Stolberg-Touristik. Sie hatte zur richtigen Zeit „Hier“ gerufen. Die Anfrage der Filmproduktionsfirma ging ursprünglich an die Eifel Tourismus GmbH, die wiederum das Schreiben an die Touristik-Organisationen der Mitgliedsstädte weiterleitete.

An einem „ziemlich verfrorenen Freitag“ machte sich Barbara Breuer sodann mit ihrer Handy-Kamera auf den Weg und knipste aus ihrer Sicht in Frage kommende Drehorte. „Wir haben uns für Stolberg und den Schlangenberg entschieden, weil wir was brauchten ohne Zivilisation“, erklärt Sabine Bier von der Filmproduktion. Keine Häuser weit und breit, keine Zäune und vor allem: keine Strommasten. Kommt ja auch nicht so gut beim Drehen einer historischen Szene...

Im Drehbuch heißt es zu Beginn: Dies ist eine Erfolgsgeschichte mit Hindernissen: Die Beziehung zwischen Deutschen und Franzosen. Die Zeiten der Feindschaft sind vorbei, Freundschaft allerdings kann man nicht verordnen. Wir haben viel gekämpft, meist gegeneinander, seltener miteinander – gegen gemeinsame Feinde, für gemeinsame Ideale. Wir sind auf der Suche nach unseren Wurzeln. Was verbindet uns, was trennt uns? Überwiegen Freundschaft oder Ablehnung? Und heute? Sind aus Erzfeinden „Geliebte Feinde“ geworden? Die Dokumentation wird viel Wissenswertes, gepaart mit witzigen Anekdoten, zum Thema herüberbringen. Das Drehbuch jedenfalls macht Lust auf mehr.

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