Stolberg - Drama um verschwundene Seniorin: „Wir dürfen Demente nicht einsperren“

Drama um verschwundene Seniorin: „Wir dürfen Demente nicht einsperren“

Von: Sonja Essers
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Süssendell
Hier lebte die 85-jährige Seniorin: das AWO-Seniorenzentrum Süssendell in Mausbach. Foto: Sonja Essers
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Glaubt an Konzept und Standort: Nicole Mehr ist die Leiterin des AWO-Seniorenzentrums Süssendell. Dort war in der vergangenen Woche eine Bewohnerin verschwunden und im Krankenhaus gestorben. Foto: Sonja Essers

Stolberg. „Es wird keinen Zaun um diese Einrichtung geben“, sagt Andreas Johnsen. Der AWO-Geschäftsführer ist vom Konzept des Seniorenzentrums Süssendell in Mausbach überzeugt. „Das Konzept ist richtig und auch den Standort stellen wir in keinster Weise infrage“, sagt er. Erst in der vergangenen Woche geriet die Einrichtung in die Kritik. Der Grund: Am Donnerstagabend war eine 85-Jährige verschwunden.

Rund eine halbe Stunde nachdem die stark demente Frau das letzte Mal gesehen wurde, verständigten die Mitarbeiter der Einrichtung die Polizei, die mit einer Hundestaffel des Deutschen Roten Kreuz und einem „Mantrailerhund“, der speziell für die Geruchserkennung einzelner Personen ausgebildet ist, anrückte und den angrenzenden Wald durchsuchte. Nachdem das Tier die Spur in Zweifall allerdings verlor, brach man die Suche gegen 1.30 Uhr ab. Am nächsten Morgen wurde die Bewohnerin schließlich gefunden und stark unterkühlt in ein Krankenhaus transportiert. Dort starb sie noch am gleichen Abend. Hätte dies verhindert werden können?

„Eine hundertprotzentige Sicherheit gibt es nicht“, macht Einrichtungsleiterin Nicole Mehr deutlich. Seit Ende Februar des vergangenen Jahres gibt es die Einrichtung im Stolberger Stadtteil Mausbach. In fünf Wohnhäusern werden 80 Bewohner betreut. Davon sind fast 90 Prozent an Demenz erkrankt. Einschränkungen und Verbote gibt es nicht. Ein Konzept, für das man sich bewusst entschieden habe. „Jeder Bewohner ist frei, die Einrichtung dann zu verlassen, wann er will“, sagt Johnsen.

Das führt allerdings auch dazu, dass der eine oder andere Bewohner einen Abstecher in den nahe gelegenen Wald unternimmt. Aus diesem Grund werden die Bewohner am Handgelenk oder am Gürtel mit GPS-Sendern ausgestattet, allerdings nur, wenn sie einwilligen.

„Menschen, die dement sind, haben einen hohen Bewegungsdrang und sollen diesen auch ausleben. Das können sie bei uns auch. Aber das ist auch eine Form der Überwachung. Es gibt also auch Menschen, die sich dagegen entscheiden“, sagt Mehr. In diesem Fall sind auch den Mitarbeitern, Angehörigen und Betreuern die Hände gebunden. „Wir als Einrichtung dürfen das nicht bestimmen. Und auch ein Betreuer muss im Sinne des Bewohners handeln. Ist er einer anderen Meinung, muss ein Gericht darüber entscheiden“, sagt AWO-Pflegemanager Stephan Enzweiler. Die Bewohnerin, die in der vergangenen Woche verschwand, war nicht mit einem GPS-Sender ausgerüstet. „Wir können nicht hinter jeden Einwohner eine eigene Kraft stellen. Wenn nicht eingewilligt wird, geht man dieses Risiko ein“, sagt Mehr.

Wie die Einrichtung personell aufgestellt ist? Von den 90 Mitarbeitern sind 51 Personen in der Pflege tätig. „Der Anteil der Pflegefachkräfte liegt bei 60 Prozent. Das ist hoch. Gesetzlich vorgegeben sind in Nordrhein-Westfalen 50 Prozent“, sagt Nicole Mehr.

Doch nicht zum ersten Mal wurde ein Bewohner der Einrichtung von der Polizei gesucht. Eine Anfrage dort ergab, dass im vergangenen Jahr die Polizei fünf Mal ausrückte – in einem Fall waren zwei Personen verschwunden – in diesem Jahr gab es drei Fälle – zwei Mal wurde die gleiche Person gesucht. Aus gut unterrichteten Kreisen erfuhr unsere Zeitung, dass diese Zahl für eine Einrichtung dieser Art nicht hoch ist. Bisher verliefen die Einsätze immer glimpflich ab – bis jetzt.

Was vor allem viele Außenstehende allerdings nicht wissen: „Wir schalten auch die Polizei ein, wenn wir das GPS-Signal orten und die Bewohner weiter von unserer Einrichtung entfernt sind. Dann bringt die Polizei sie wieder zurück“, erklärt Mehr.

Auch besorgte Bürger hätten schon Patienten zurückgebracht. „Wir sind sehr froh, dass die Bevölkerung mitschaut. Aber meistens werden Menschen zurückgebracht, die mit GPS ausgestattet sind und die wir sowieso schon im Blick haben. Diese Menschen laufen nicht weg, sie dürfen ja auch unterwegs sein“, sagt Mehr. „Es ist nicht immer zwingend so, dass jemand abhandengekommen ist“, betont auch Johnsen.

Das Geschehene verarbeiten

Sorgen macht sich Nicole Mehr allerdings um ihre Mitarbeiter. In dieser Woche fand eine Gruppenvision statt, um das Geschehene zu verarbeiten. „Das, was passiert ist, belastet uns sehr“, sagt Mehr. Schlimmer werde es dadurch, dass vor allem in den Sozialen Netzwerken Konzept und die Arbeit der Mitarbeiter infrage gestellt würde. „Wir sind von diesem Konzept überzeugt und leben dafür, dass wir den Bewohnern hier ein schönes Leben ermöglichen können“, sagt Mehr.

Von den Angehörigen der verstorbenen Bewohnerin habe man in der Einrichtung übrigens keine Vorwürfe gemacht bekommen – im Gegenteil. „Ich habe erst gestern noch mit ihnen gesprochen und sie haben mir gesagt, dass sie uns immer weiterempfehlen würden“, sagt Nicole Mehr. Obwohl Bewohner und Angehörige vor dem Einzug ausführlich über das Thema „Weglauftendenz“ informiert würden, wolle man dafür in Zukunft noch mehr sensibilisieren.

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