Stolberg - Dietmar Sous' „San Tropez“: Der Romanheld ist ein alter Bekannter

Dietmar Sous' „San Tropez“: Der Romanheld ist ein alter Bekannter

Von: Dirk Müller
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Der Schriftsteller Dietmar Sous spannt in seinem äußerst lesenswerten Roman unter anderem den Bogen von St. Tropez bis nach Stolberg. Foto: D. Müller

Stolberg. Es ist ein vielbeachteter Roman, der aufgrund seiner literarischen Qualität im gesamten deutschsprachigen Raum begeisterte Leser und wohlwollende Kritiker findet. Aber „San Tropez“ von Dietmar Sous ist noch mehr. Das Buch ist auch ein Geschenk an die Stolberger und vor allem eine Hommage an einen Freund des Autors vom Breinigerberg. „An meinen besten Freund“, sagt Dietmar Sous.

Für den Großteil der Leser weist darauf lediglich die Widmung am Anfang des Buches hin, viele Stolberger allerdings werden eine der Romanfiguren mit Sicherheit wiedererkennen.

In „San Tropez“ wollen vier Freunde nach 35 Jahren ihre alte Punkrockband aus Jugendzeiten wiederbeleben, um bei einer Castingshow 500.000 Euro abzusahnen. Schlagzeuger ist „Frisör“, der diesen Spitznamen seit einer enorm kurzen wie erfolglosen Lehre trägt. Wenn „Frisör“ mit seinem „roten Elektromobil“ aufkreuzt, umständlich einen Flachmann aus der Tasche holt und gierig trinkt, filterlose Zigaretten raucht, hustet, dass seine Kappe herunterfällt, und einen derart heftigen Zitteranfall erleidet, dass „der dünne Kerl“ die nächste Kippe nicht selbst anzünden kann, werden viele Kupferstädter Leser einen bekannten Stolberger vor ihrem inneren Auge sehen.

Spätestens wenn „Frisör“, dem in seinem zu Hause Strom und Warmwasser abgedreht wurden, zum wiederholten Mal zwecks Entgiftung über Weihnachten im Krankenhaus ist – er nennt es „auf dem Trockendock“ – und seinen Freunden „verspricht“, ab Neujahr wieder zu saufen, dann wissen Stolberger Leser, was sich hinter der Widmung „Für Win“ verbirgt.

Während die anderen Charaktere des Romans frei erfunden sind, hat Dietmar Sous seinem langjährigen Freund, dem Breiniger Künstler Win Braun, der im Februar verstorben ist, ein literarisches Denkmal gesetzt. Ohne biografischen Anspruch, mit Verzicht auf witzige Anekdoten, derer es zuhauf gibt. Auch Künstler ist „Frisör“ nicht, sondern arbeitsloser Alkoholiker und begnadeter Schlagzeuger. „Weil ich meinen Freund nicht für mein Schreiben benutzen wollte“, erklärt Sous. Dennoch ist die Persönlichkeit von Win Braun plastisch präsent – und auch die Krankheit Alkoholismus, unter der Braun litt.

In der Heimat

Wie schon in seinem Debütroman „Glasdreck“ und weiteren Sous-Büchern spielt „San Tropez“ hauptsächlich in der Heimat des Autors. „Wobei der Begriff Heimat für mich eher ein Gefühl ist“, erläutert Sous, dass er Schauplätze mit literarischer Freiheit schafft, statt sie geografisch korrekt zu verorten.

Zwar sind Goethe-Gymnasium, Bleihütte und der vor 35 Jahren schmuddelige Hauptbahnhof eindeutig in Stolberg angesiedelt, aber bei Sous weht der Erdbeerduft aus einer Aachener Marmeladenfabrik auch schon mal bis Breinig und Breinigerberg.

Unabhängig davon ist Sous mit „San Tropez“ ein Roman von außerordentlicher Qualität gelungen. Schräge Typen, Humor und Tragik sowie pointierte Handlung bürgen für beste Unterhaltung. Mit Leichtigkeit, mit leisen Tönen und nahezu nebenher lässt Sous die großen Themen der Literatur, der Kunst, ja, der Menschheit in das Werk einfließen.

Liebe, Tod, Freiheit, Gesellschaft und Individuum, Freundschaft sind Sujets, die der Leser zwischen Musik und Fußball entdecken kann, aber nicht muss. Denn Dietmar Sous schafft es, die Themen so unaufdringlich zu transportieren, dass der Leser sich auch einfach „nur“ glänzend unterhalten lassen kann.

Auf ein weiteres großes Thema stößt der Leser bereits bei den ersten Worten des Buches: Schuld. Zwei der Romanfiguren bleiben in „San Tropez“ auf der Strecke, überleben die Romanhandlung nicht, wofür der Erzähler die Verantwortung übernimmt, seine Schuld gleich zu Beginn eingesteht. Am Ende des Buches aber trinkt jener Erzähler Schnaps und Bier mit „Frisör“, der überlebt. Und das nicht nur, weil Sous das Manuskript zu „San Tropez“ noch zu Lebzeiten von Win Braun fertiggestellt hat. Lediglich die Widmung hat der Autor nach dem Tod des Künstlers ergänzt.

Am Leben erhalten

Braun, dem es zusehends schlechter ging, habe an seinem Geburtstag zu seinem Freund Sous gesagt, er spüre, dass dies sein letzter Geburtstag sei. „Ich wollte Win am Leben halten – zumindest in dem Buch“, beschreibt Sous. „Ein zugegebener Maßen kitschiger Gedanke“, räumt der Autor ein. Ebenso wie: „Ich vermisse meinen Freund Win. Der Kerl fehlt mir wahnsinnig.“ Und trotzdem lebt Win Braun weiter. In seinen Bildern, in den Erinnerungen vieler Stolberger und als „Frisör“ in Dietmar Sous‘ aktuellem Buch.

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