Stolberg - Die Stolberger Telecom AG ist aufgelöst

Die Stolberger Telecom AG ist aufgelöst

Von: Jürgen Lange
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Die Stolberger Telecom AG, früher Stolberger Zink AG, ist aufgelöst. Das Amtsgericht Köln hat der Schlussverteilung zugestimmt. Aber für den Gewerbepark Münsterbusch und das Haldenplateau ist noch keine Lösung in Sicht. Die Altlasten schrecken Investoren ab.
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Papier ist geduldig: Aus den Plänen des Europaparks oberhalb und des Einkaufszentrums unterhalb der Cockerillstraße ist bis jetzt nichts geworden.
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Aus seinen Plänen ist nichts geworden: Dr. Günter Minninger am 23. April 1998 bei der Europapark-Präsentation in Stolberg.

Stolberg. Blühende Landschaften auf dem Gelände der Stolberger Zink AG: Die versprach Dr. Günter Minninger, Vorstandsvorsitzender und Hauptaktionär, am 23. April 1998 und kündigte den Baubeginn in Stolberg an.

„Europapark Stolberg – Gewerbe- und Technologiezentrum“ nannte sich das Projekt auf 100.000 Quadratmetern Gewerbefläche entlang der Cockerillstraße sowie am Schellerweg, das ebenso wenig realisiert wurde wie eine Bebauung auf dem Fuß der Kohlbuschhalde am Schlossberg. Statt dessen kreisen die Pleitegeier, und das Plateau der Halde ist auch mehr als zwei Jahrzehnte nach Sanierungsbeginn eine handlungsbedürftige Altlast.

1998 ist das traditionsreiche Bergbau- und Hüttenunternehmen längst eine reine Immobiliengesellschaft, die sich einen dicken Batzen des aufkeimenden Geschäftes mit dem Mobilfunk abschneiden möchte. Minniger kauft einige kleinere Telekommunikationsunternehmen und die Süßwarenkette Most AG: Handys und Pralinen sollte es in einem Laden geben, „signifikante Marktanteile gewonnen“ werden.

Ein Geflecht von vielen Firmen

Auch auf diesem Geschäftsfeld hinken die Erfolge weit hinter den Versprechungen her. Zwar firmiert die Stolberger Zink AG seit Mai 1999 als Stolberger Telecom AG, aber gleich mit der Übernahme geht Most in die Insolvenz, und auch die einst sprudelnden Gewinne der Stolberger Zink AG versiegen zusehends, verschwinden im Ausbau der Telekommunikationssparte oder mutmaßlich in eigenen Taschen.

Seit 2000 bleibt das Unternehmen ehemaligen Mitarbeitern bzw. deren Hinterbliebenen ihre Pensionsansprüche schuldig. Per Gericht verhängte Zwangsgelder bleiben nutzlos, Hauptversammlungen der AG finden nicht statt, die Aufstellung von Bilanzen verzögert sich. Gleichzeitig entstehen immer neue Tochterfirmen und Beteiligungen.

Ein Geflecht von alleine 17 Gesellschaften, die teilweise mit Verstreckungsverfahren belegt sind, listete ein Stolberger Jurist im Oktober 2000 auf. Die Verhältnisse bei der Stolberger Telecom AG werden immer undurchsichtiger. Im Februar 2001 nennt die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz das Unternehmen den „größten Vernichter von Aktionärskapital“; demnach habe ein Anleger binnen Jahresfrist drei Viertel seines Kapitals verloren.

Kurz zuvor haben Betroffene die Justiz eingeschaltet. Unter dem Aktenzeichen 30 Js 792/00 ermittelt zunächst die Aachener, später die Kölner Staatsanwaltschaft unter anderem wegen Bankrotts und Verstoßes gegen das GmbH-Gesetz. Am 19. April 2002 eröffnet „zur Sicherung der zukünftigen Masse und zur Aufklärung des Sachverhaltes“ das Kölner Amtsgericht das Insolvenzverfahren (75 IN 106/02) über das Vermögen der Stolberger Telecom AG. Zum Insolvenzverwalter wird der Kölner Rechtsanwalt Dr. Christoph Niering bestellt.

Doch die Mühlen der Justiz mahlen langsam. Erst zwölf Jahre später gelingt es, das Insolvenzverfahren abzuschließen. Den Beschluss zur Schlussverteilung verkündet das Kölner Gericht jüngst am 5. Juni. „Die Quote lag bei 6,93 Prozent“, bestätigte Christin Antonijevic aus der Kanzlei des Insolvenzverwalters. Nur 1,2 Millionen Euro blieben für die Gläubiger übrig.

1998 hatte Dr. Minninger noch auf einen Immobilienstand im Verkehrswert von über 200 Millionen DM verwiesen. „Komplett verwertet“, so Antonijevic, wurden die Vermögenswerte – zumindest soweit ihr Wert höher als die Belastung gewesen sei. Die nicht vermarktbaren Werte seien bei Dr. Minninger verblieben.

Den Handel mit Aktien der Stolberger Telecom AG hat die Düsseldorfer Börse zum 29. Juli eingestellt: 0,003 Euro betrug der Wert des Papiers zuletzt. Obwohl die AG aufgelöst ist, bleibt sie weiter im Handelsregister eingetragen. Möglich ist, dass noch ausstehende Forderungen aus dem Insolvenzverfahren der Most AG realisiert werden können. In zwei Jahren wird mit der Schlussverteilung gerechnet. „Das Geld würde dann ebenso auf die Gläubiger umgelegt“.

Drei weitere Verfahren aus dem Hause Minninger beschäftigt die Kölner Kanzlei. Das Kölner Gericht habe jetzt auch der Schlussverteilung in der Privatinsolvenz des Hauptaktionärs zugestimmt, dem bereits vor zwei Jahren die Restschuldbefreiung zugestanden worden sei, heißt es beim Insolvenzverwalter. Bereits im Januar 2005 hatte das Kölner Schöffengericht den heute 75-Jährigen zu einer auf Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe von 18 Monaten wegen Bankrotts und anderer Vergehen verurteilt. Noch anhängig sind zwei weitere Insolvenzverfahren.

Gegen Minningers Cantel AG und gegen die Stolberger Zink GmbH & Co. KS St. Leon-Rot KG. Für letztere Gesellschaft kalkuliert der Insolvenzverwalter mit einer Quote um die 25 Prozent sowie weitere zwei Jahre Laufzeit des Verfahrens.

Doch was geschieht mit den rund 40.000 Quadratmetern genutzter Gewerbefläche nebst einem weiteren Potenzial von rund 70.000 Quadratmetern in Münsterbusch, die weitgehend in den Händen der Stolberger Zink GmbH & Co. Beteiligungs KG in Liquidation liegen? „Die wollen wir jetzt verkaufen“, erklärte am Mittwoch Dr. Günter Minninger knapp auf Anfrage unserer Zeitung und nannte einen hiesigen Interessenten. Verträge dazu gebe es aber noch nicht, gestand Minninger ein.

Doch das Interesse von Investoren an dem Areal hält sich in Grenzen. Zwar ist die einst rote Schlackenhalde im Kohlbusch abgedeckt und begrünt, aber das mit der heutigen Städteregion abgestimmte Sanierungskonzept aus den 1980er Jahren sieht auch eine Abdeckung des Haldenplateaus durch Versiegelung vor.

Dies hätte im Rahmen einer Nutzung mit Büro-, Labor- und Gewerbeeinheiten erfolgen können. Mehrfach hatte die zuständige Behörde die Stolberger Zink / Telecom AG aufgefordert, die Haldenabdeckung vorzunehmen. Geschehen ist jedoch nichts. Zuletzt hatte Umweltdezernent Uwe Zink im April 2009 erklärt, dass die Städteregion kein Interesse habe, in Vorleistung zu gehen: „Wir werden nichts unternehmen, was Herrn Minninger Geld in die Kassen spült.“

Ende 2005 hatte sich die Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Städteregion der Industriebranche angenommen. Eine Nutzung als Standort für einen Baumarkt nebst weiterer Handelseinheiten hatte seinerzeit Geschäftsführer Dr. Axel Thomas favorisiert und mit Norbert Hermanns einen interessierten Projektentwickler an Bord.

Während der AMW-Geschäftsführer Gymnasium und Amtsgericht sowie Kaufland und Burg-Center in Stolberg realisieren konnte, scheiterten seine Ambitionen für Münsterbusch bereits bei den Verhandlungen mit Günter Minninger. Und ein Jahr später, im Jahr 2006, stieg die Stadt auf der gegenüberliegenden Straßenseite in das Zincoli-Projekt mit Baumarkt und Einzelhandel ein, dessen Realisierung weitere acht Jahre später in den Sternen steht.

Nun denkt man im Rathaus darüber nach, das Land Nordrhein-Westfalen einzuschalten, um eine Lösung für die Industriebrachen mit hohem Potenzial zur Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung zu finden.

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